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Kultur

"Trallari trallahey tralla hoppsasa"

Pippi Langstrumpfs Lied verstößt wohl gegen Urheberrecht

"Ich mach' mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt": Hat das auch der Autor der deutschen Version von Pippi Langstrumpfs Lied gedacht? Ja, nach Ansicht des Hamburger Landgerichts. Das Lied verstößt wohl gegen das Urheberrecht.

Scanpix Sweden/ EPA/ DPA

Schauspielerin Inger Nilsson 1968 als Pippi Langstrumpf

Mittwoch, 26.06.2019   14:34 Uhr

Jedes Kind kennt dieses Lied, jetzt ist der Titelsong von Pippi Langstrumpf Auslöser eines Rechtsstreits: Nach Ansicht des Hamburger Landgerichts verstößt die deutsche Version wohl gegen das Urheberrecht der Autorin Astrid Lindgren (1907-2002). Ein schwedisches Unternehmen, das Lindgrens Urheberrechte vertritt, hatte die Rechteinhaber der deutschen Textfassung verklagt.

In einer Anhörung zum Streit erklärte der Vorsitzende Richter, die Zivilkammer halte den gestellten Unterlassungsantrag der Erben Lindgrens für aussichtsreich. Wenn das Gericht der Klage stattgibt, könnte das Lied vorerst nicht weiter verbreitet werden. Ein Urteil soll allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt verkündet werden.

Anlass der Kontroverse ist, dass die Schweden der Ansicht sind, die deutsche Fassung sei eine sogenannte abhängige Bearbeitung des Originals. "Här kommer Pippi Långstrump, tjolahopp tjolahej tjolahoppsan-sa", dichtete Lindgren. Der deutsche Autor Wolfgang Franke machte daraus: "Hey - Pippi Langstrumpf, trallari trallahey tralla hoppsasa" - angeblich ohne Einwilligung der schwedischen Verfasserin.

Die Anwälte der verklagten Filmkunst-Musikverlags- und Produktionsgesellschaft und der Witwe von Franke wenden ein, der deutsche Text sei eine freie Benutzung des Kinderbuchstoffs, für die keine Genehmigung erforderlich sei. So kommen auch die berühmten Zeilen zu Pippis "Plutimikation" im schwedischen Original nicht vor: "Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach' mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt."

Ein "kunterbuntes Haus" gibt es nur auf Deutsch

Es war ebenfalls Franke, der die Villa von Pippi zu einem kunterbunten Haus machte. Nach Lindgrens Worten wohnt das Mädchen in seiner "Villa Villekulla". "Das ist nicht schlecht, ich hab' nen Affen, Pferd und Villa, und es ist auch gut, einen Koffer voll Geld zu haben", heißt es schlicht auf Schwedisch. In Deutschland trällert Pippi seit 50 Jahren: "Ich hab' ein Haus, ein kunterbuntes Haus, ein Äffchen und ein Pferd, die schauen dort zum Fenster raus."

"Das Verfahren berührt sehr komplexe urheberrechtliche Fragen", sagte Gerichtssprecher Kai Wantzen. Es gehe auch darum, ob der deutsche Text den Kernerzählstoff der Geschichte und die Rechte an der literarischen Figur von Pippi Langstrumpf verletze. Die schwedischen Kläger wollen erreichen, dass die Deutschen die Verwertungserlöse aus der Rechtegesellschaft Gema nicht länger bekommen.

In jahrelanger Arbeit wurde Lindgrens Nachlass geordnet

Die Klage wurde bereits Ende 2017 eingereicht. 2014 hätten die Kläger eine erste Abmahnung rausgeschickt, sagte der Gerichtssprecher. Davor habe nach Darstellung der Kläger in jahrelanger Arbeit der Nachlass von Lindgren geordnet werden müssen.

Ein erster Verhandlungstermin fand vor einem Jahr statt. Damals habe die Kammer es bereits für möglich gehalten, dass die deutsche Version die Rechte des Originals verletzt.

evh/dpa

insgesamt 29 Beiträge
arr68 26.06.2019
1. so langsam entdecken auch deutsche Firmen
dass das Urheberrecht inklusive Art.13 und die Verjährung nach viel zu langer Zeit ganz schön gegen die"Kunstverwerter" zurückschlagen kann.
dass das Urheberrecht inklusive Art.13 und die Verjährung nach viel zu langer Zeit ganz schön gegen die"Kunstverwerter" zurückschlagen kann.
Ryker 26.06.2019
2. !
Ich bin mir ganz sicher, dass es ganz total im Sinne von Astrid Lindgren gewesen wäre, dieses Verfahren zu führen. Halt! Warte! Hatte sie nicht 33 Jahre Zeit sich darum zu kümmern? Hat sie nicht getan? Komisch. Dabei hat sie [...]
Ich bin mir ganz sicher, dass es ganz total im Sinne von Astrid Lindgren gewesen wäre, dieses Verfahren zu führen. Halt! Warte! Hatte sie nicht 33 Jahre Zeit sich darum zu kümmern? Hat sie nicht getan? Komisch. Dabei hat sie doch hervorragend Deutsch gesprochen und die deutsche Version sicher gekannt. Wirklich, sehr, sehr komisch... *nachdenksmiley*
scream queen 26.06.2019
3. Wow ...
... der deutsche Text gibt nicht 1:1 das wieder, was im Original steht resp. gesungen wird? Wer hätte das gedacht? Das berührt keine "sehr komplexe(n) urheberrechtliche(n) Fragen", sondern liegt im Wesen jeder [...]
... der deutsche Text gibt nicht 1:1 das wieder, was im Original steht resp. gesungen wird? Wer hätte das gedacht? Das berührt keine "sehr komplexe(n) urheberrechtliche(n) Fragen", sondern liegt im Wesen jeder Übersetzung/Nachdichtung. Keine zwei Sprachen dieser Welt sind deckungsgleich. Insofern dürfte dieser völlig absurden Klage wenig Erfolg beschieden sein.
dieben 26.06.2019
4. ...dreht sich eher im Grabe um!
Astrid Lindgren hat die deutsche Übersetzung jahrzehntelang nicht gestört. Aber kaum sind Rechteverwerter dran und wittern Geld, werden die Anwälte von der Kette gelassen. Ekelhaft!
Astrid Lindgren hat die deutsche Übersetzung jahrzehntelang nicht gestört. Aber kaum sind Rechteverwerter dran und wittern Geld, werden die Anwälte von der Kette gelassen. Ekelhaft!
Cutup 26.06.2019
5. Es ist zum Schreien...
... wie die Justiz durch Abmahnanwälte sinnlos aufgehalten wird, bloß um die Pfründe von diesen Winkeladvokaten zu sichern. Im Zweifel auch mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, Hauptsache der Streitwert ist hoch, [...]
... wie die Justiz durch Abmahnanwälte sinnlos aufgehalten wird, bloß um die Pfründe von diesen Winkeladvokaten zu sichern. Im Zweifel auch mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, Hauptsache der Streitwert ist hoch, dementsprechend klingelt bei den Jura Kaspern die Kasse. Der Urheber / Autor bzw. dessen Erben / Verwandte profitiert idR jedoch nicht. Ich plädiere deshalb für eine echte Reform des Urheberrechts, passend für , nach folgendem Muster: 1. Jedes Werk kann nach 30 Jahren ab Erscheinungsdatum gemeinfrei gemacht werden. Verlage und Urheber dürfen eine Verlängerung um maximal 2x 20 Jahre vornehmen lassen, wenn ein berechtigtes Interesse (Einnahmen durch Verlegung) vorhanden ist. 2. Der Urheber / Autor / Interpret muss eindeutig die Bedingungen der Verbreitung festlegen (also Copyright, CC-Lizenz, Copyleft, o.Ä.). Das bedeutet zwar Papierkram, verhindert aber, dass irgendwelchen weltfremden Bubis nachträglich (Siehe den Fall oben) Änderungen an Texten, die garantiert nicht im Sinne des Autors sind, vornehmen. Dies ist zwar Mühsam, da einer Parallelgesellschaft das Wasser abgegraben wird, aber notwendig, um Rechtssicherheit herzustellen und die Justiz von unnötigen Privatverfahren zu entlasten.

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