Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Gendergerechte Sprache

"Es geht auch darum, Macht abzugeben"

Heute will der Rat für deutsche Rechtschreibung Ergebnisse zu gerechtem Schreiben vorlegen. Die Leiterin der Duden-Redaktion favorisiert das Gendersternchen - hier erklärt sie, warum.

DPA

Duden, 27. Auflage

Ein Interview von
Freitag, 16.11.2018   09:40 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Kunkel-Razum, mittlerweile schwirren so viele Schreibweisen herum, dass man fast den Überblick verliert: StudentInnen, Student_Innen, Student*innen, Student/-innen oder Studentx?

Kathrin Kunkel-Razum: Unsere Arbeitsgruppe im Rat für deutsche Rechtschreibung hat in den vergangenen Monaten das Gendern in großen Sprachkorpora analysiert. Das Ergebnis: Student/-innen und Student*innen haben sich am stärksten durchgesetzt. Wenn wir am Freitag also eine Empfehlung aussprechen, dann die, diese beiden Formen zu verwenden. Aber: Es gibt nicht nur diese Lösung. Und ob der Rat sich letztlich dafür aussprechen wird, weiß ich nicht.

Mehr bei SPIEGEL+

SPIEGEL ONLINE: Was spricht etwa gegen Studentx - eine Formulierung, die eine Arbeitsgruppe an der Berliner Humboldt-Universität entwickelt hat?

Kunkel-Razum: Das ist eine sehr abstrakte Form, nicht bei allen Wörtern lässt sich diese Endung leicht bilden und aussprechen. Wir verlieren durch das x etwas, an das wir uns gewöhnt haben. Das wäre die fremdeste Form. Beim Gendersternchen und beim Bindestrich bleiben hingegen vertraute Bestandteile des Wortes stehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Fremdeln nicht auch gewünscht? Der Holperer kann auf die geschlechtsneutrale Sprache aufmerksam machen.

Kunkel-Razum: Genau, das macht das Gendersternchen allerdings auch. Dazu ist es grammatikalisch leichter verwendbar, wenn man etwa flektierte Formen bildet. Und es hat einen großen Vorteil: Es bildet mehr als zwei Geschlechter ab und löst damit die Binarität auf. Deshalb ist es meiner Interpretation nach auch populär geworden. Das macht das Binnen-I zum Beispiel nicht, da sind bloß zwei Geschlechtskategorien enthalten.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren wird die Debatte um gendergerechte Schreibweisen sehr emotional geführt. Sowohl Anhänger als auch Kritiker fühlen sich schnell angegriffen. War das bei Ihnen in der Arbeitsgruppe unter Sprachexperten und -expertinnen ähnlich?

Kunkel-Razum: Nein. Das hat aber damit zu tun, dass sowohl der Rat als auch die AG international zusammengesetzt sind. Und die Schweizer Kollegen verstehen überhaupt nicht, warum wir in Deutschland noch darüber sprechen. In der Schweiz ist geschlechterneutrale Sprache längst selbstverständlich. Dort gibt es sogar einen offiziellen Gender-Leitfaden der Staatskanzlei. Als wir vom Duden-Verlag im vergangenen Jahr einen Gender-Ratgeber herausgegeben haben, hat sich eine Hasstirade über uns ergossen. Das hat an Verleumdung gegrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist diese Debatte in Deutschland so affektiv aufgeladen?

Kunkel-Razum: Jeder weiß, wie wichtig Sprache ist: Wir drücken unsere Persönlichkeit darüber aus und unsere Welt. Und dann kommt vermeintlich jemand und sagt: "Ab jetzt musst du das anders machen." Wenn Dinge, die einem so selbstverständlich sind, ins Wanken geraten, ruft das eine fundamentale Verunsicherung hervor. Es geht auch darum, Macht abzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Männer müssen Macht abgeben?

Kunkel-Razum: Genau.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen auch die Gender-Befürworter: Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab, sondern reproduziert sie. Da Frauen im generischen Maskulinum nicht repräsentiert sind, werden sie unsichtbar.

Lesen Sie zum Thema auch

Kunkel-Razum: Richtig. Sagt man: Die Astronauten landen in der Wüste, denken wir an Männer. Reden wir von Bundeskanzlern, vergessen wir Frau Merkel. Allerdings sind häufig gerade junge Frauen, Studentinnen etwa, Kritiker der genderneutralen Sprache. Sie akzeptieren das generische Maskulinum stärker als ältere Frauen. Mich würde interessieren, ob sich ihre Haltung ändert: Wenn sie nämlich in einen Lebensabschnitt gelangen, in dem sie mehr mit Diskriminierung konfrontiert sind, seltener befördert werden, weniger verdienen und sich um die Kinder kümmern müssen.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker monieren, wenn man für die Gleichstellung eintreten will, soll man die von Ihnen angesprochenen Probleme direkt bekämpfen, nicht auf dem Nebenschauplatz der Sprache verharren.

Kunkel-Razum: Natürlich muss man sich auch für das gleiche Gehalt einsetzen. Aber ich behaupte, dass diese Auseinandersetzung mit und in der Sprache stattfindet. Wir sollten dazu beitragen, dass man die Frauen, die die Gehaltslücke überwinden wollen, auch in der Sprache sieht. Die kann man nämlich wahnsinnig gut verstecken im generischen Maskulinum. Und damit auch das Problem.

SPIEGEL ONLINE: Marlies Krämer hat das dieses Jahr vor das Bundesverfassungsgericht getragen: Sie wollte von ihrer Sparkasse als "Kundin" angesprochen werden. Das Bundesverfassungsgericht hat ihre Klage abgewiesen und unter anderem begründet, das generische Maskulinum sei nun mal tradiert.

Kunkel-Razum: Durch Zufall war ich bei der Urteilsverkündung auf der Jahrestagung für deutsche Sprache mit vielen Linguistinnen und Linguisten zusammen. Wir haben über das Urteil den Kopf geschüttelt. Dass man schon immer so spräche und deshalb auch in Zukunft so spricht, ist kein Argument. Denn das funktioniert im Leben nicht und in der Sprache auch nicht: Sie wird sich immer verändern. Außerdem fand ich das sehr unklug von der Sparkasse. Was hätte es sie gekostet, "Kundin" aufzunehmen? Sie hätte damit viel mehr Menschen angesprochen - nämlich Frauen.

insgesamt 229 Beiträge
fridericus1 16.11.2018
1. So so.
"Allerdings sind häufig gerade junge Frauen, Studentinnen etwa, Kritiker der genderneutralen Sprache." Das liegt vielleicht daran, das gerade junge Menschen deutlich andere Sorgen haben als sich über sprachliche [...]
"Allerdings sind häufig gerade junge Frauen, Studentinnen etwa, Kritiker der genderneutralen Sprache." Das liegt vielleicht daran, das gerade junge Menschen deutlich andere Sorgen haben als sich über sprachliche Verrenkungen zu echauffieren.
felisconcolor 16.11.2018
2. Um mal
bei dem Beispiel zu bleiben, Warum zur Hölle schreibt man nicht "Studierende". Der Studierende, die Studierende zur Not auch das Studierende (eine KI zum Beispiel). Alles andere bläht Texte nur unnötig auf. Ich [...]
bei dem Beispiel zu bleiben, Warum zur Hölle schreibt man nicht "Studierende". Der Studierende, die Studierende zur Not auch das Studierende (eine KI zum Beispiel). Alles andere bläht Texte nur unnötig auf. Ich verzichte seit langen auf das "Geehrte Kolleginnen und Kollegen oder schlimmer noch Kollegen/innen (unsere Kollegen und die Kolleginnen können nämlich auch draußen arbeiten). Viel eleganter ist hier das Wort "Mitarbeitende". Vor allen stärkt sie das Zusammenhaltsgefühl weil ja alle miteinander arbeiten (wollen).
lala9999 16.11.2018
3. Einfach nur
ekelhaft, diese Vergewaltigung der deutschen Sprache. Wir sind alle Menschen, nicht Mensch*#*innen. Wenn man Studenten oder Bürger anspricht sollte klar sein, dass jedes Geschlecht damit gemeint ist. Selbstverständlich auch [...]
ekelhaft, diese Vergewaltigung der deutschen Sprache. Wir sind alle Menschen, nicht Mensch*#*innen. Wenn man Studenten oder Bürger anspricht sollte klar sein, dass jedes Geschlecht damit gemeint ist. Selbstverständlich auch die, die nicht zum Geschlecht Mann / Frau gehören.
ronald1952 16.11.2018
4. In keinem anderen Land
wird derart an der Sprache und Schrift herum gepfuscht wie bei uns in Deutschland. Was bitte ist falsch an unserer Deutschen Sprache und Schrift? Sind diese Leute einfach nur zu Dumm oder zu Faul unsere Sprache und Schrift zu [...]
wird derart an der Sprache und Schrift herum gepfuscht wie bei uns in Deutschland. Was bitte ist falsch an unserer Deutschen Sprache und Schrift? Sind diese Leute einfach nur zu Dumm oder zu Faul unsere Sprache und Schrift zu lernen, um sie dann in Ihre krude Denkweise verändern zu wollen? Das ist nichts weiter als amerikanische Sprach und Schriftkultur, aber wir sind hier in Deutschland. Unsere Vorfahren samt Sprache, Schrift, Kultur usw existierten schon da war an Amerika noch nicht zu denken. Wenn die Amerikaner Ihre Englische Sprache und Schrift verstümmeln wollen, bitte schon aber wir müssen doch wohl nicht alles nachmachen. Da fragen sich die Politiker/innen immer warum sich Deutsche so Identitätslos fühlen, dankt mal scharf nach! schönen Tag noch,
MatthiasPetersbach 16.11.2018
5. ...und wie spricht man dann das Sternchenwort aus?
Die AUSSPRACHE ist doch die Problematik bei der Sache. Ist dann der Bauarbeitertrupp da unten -neutral gesprochen- "die Bauarbeiterinnen"? Das ist für mich keine Lösung. Und Sprache erscheint mir wichtiger als [...]
Die AUSSPRACHE ist doch die Problematik bei der Sache. Ist dann der Bauarbeitertrupp da unten -neutral gesprochen- "die Bauarbeiterinnen"? Das ist für mich keine Lösung. Und Sprache erscheint mir wichtiger als Schrift - wenn es drum geht, WAS die Gedankenwelt so prägt. Die kleine Problematik, daß im Deutschen die Mehrzahl eben aus der männlichen Variante gebildet wird, halte ich für völligb vernachlässigbar. Und daß jemand bei dem Wort "Studenten" nicht an die Möglichkeit für beide Geschlechter denkt, halte ich für ziemlich exotisch. Bei "Dachdecker" denkt man da schon eher reflexartig an Männer. Was andere Gründe hat - aber genau DAS ist doch die Aufgabe: Die Gedankenwelt zu öffnen. Das funktioniert aber doch nicht mit Schreibweisen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP