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Kultur

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Gut gebräunt

Die Schweiz hat es vorgemacht, nun erstarken auch in Deutschland nationalkonservative Fraktionen. Was der Rechtsnationalismus für den Umweltschutz, die Kunst und den Feminismus bedeutet.

Eine Kolumne von
Samstag, 02.04.2016   14:36 Uhr

Die Trendsetterin Schweiz, schmunzelnd auch das Hassloch Deutschlands genannt, hat schon einige Zeit, was Deutsche eventuell begehren: eine rechtsnationale - oder sagt man wertekonservative? - Mehrheit in der Regierung.

Als Bewohnerin des Landes kann ich Ihnen versichern: Sooo schlimm wird das alles nicht. Der Einfluss der Nationalkonservativen kommt wie das Altern, mit kleinen Falten, die an irgendeinem Punkt zu einem hängenden Gesicht werden. Als Erstes werden leise die linken, grünen oder sagen wir: die Spinner-Umweltschutz-Ideen ausgehebelt. Warum auf unsichere Energien setzen, wenn wir mit Kohle und Atom alles schon zuverlässig geregelt haben.

Steuern für Superreiche werden selbstverständlich nicht erhöht. Die Arbeitsplätze. Die Wirtschaft. Das Wachstum. Der Golfbuddy. Genderbeauftragte, Frauenförderung, Umweltschutz, Kinderkrippen, Gärten, Bildung - so ein Quatsch, das Geld kann man sinnvoller für Stadien verplanen. Sport liebt das Volk. Sport liebt der Konservative. Das belebt den Volkskörper. Der Sozialstaat - püh, wer braucht den schon.

Großzügig im Austeilen gegen Minderheiten

Die Kunst, ja nun. Linksintellektueller Quark. Meistens. In der Schweiz tobt gerade, nein halt, hier tobt nichts, also in der Schweiz raschelte gerade ein kleiner Skandal durch die Theaterwelt. Ein Theater hatte ein Spektakel initiiert, das sich gegen einen Nationalkonservativen richtete, dessen Zeitung nicht kleinlich im Austeilen gegen Minderheiten ist, die darum immer wieder mit dem Stürmer verglichen wird. Wegen Titeln wie diesem. Oder diesem, aber auch wegen seiner Inhalte, die sich immer wieder gegen Homosexuelle, Feminismus, oder die - ähm - Kunst richten.

Aber wie das so ist mit den Rechten, im Einstecken sind sie nie so gut wie im Austeilen. Oder kennen Sie viele Rechte mit der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen? Da lacht man lieber über die Konsequenzen, und die können ja nur sein, generell mal über subventionierte Kunst zu reden. Das freche Theater muss weg, Subvention muss weg. Bestrafung muss sein.

Theater subventionieren ist eh eine Beleidigung aller Werktätigen. Kunst ist etwas, das dem Rechten suspekt ist, na ja, unsinnige Kunst, und was unsinnig ist, entscheidet er, der sich immer über Zensur beschwert, und nach Meinungsfreiheit schreit. Kunst ist, was der Mensch versteht, Komödien, schöne Bilder, auf denen man etwas erkennt, Bücher mit Liebe. Gibt es etwas Schöneres als Schlager? Schlager, die von der Liebe zwischen Mann und Frau handeln, also einem gesunden, von Ungeziefer und Dekadenz reingehaltenem Volkskörper, rollendes R, ich spucke gerade...

Also - und wäre es nicht an der Zeit, für die Diktatur des einfachen Mannes, der schlichten Frau eine formschöne Uniform zu entwickeln. Sollte sie nicht braun sein?

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insgesamt 201 Beiträge
kritischer-spiegelleser 02.04.2016
1. Sozialstaat gegen Wertekonservative?
Nun ja, die für den Sozialstaat zuständige SPD war oft genug mit an der Regierung, hat aber keinen der reklamierten Aspekte umgesetzt. Und für Subventionen braucht man eben Geld, was die Roten gerne übersehen. Aber eine [...]
Nun ja, die für den Sozialstaat zuständige SPD war oft genug mit an der Regierung, hat aber keinen der reklamierten Aspekte umgesetzt. Und für Subventionen braucht man eben Geld, was die Roten gerne übersehen. Aber eine wertekonservative Politik beinhaltet ja auch Anteile der sozialdemokratischen Politik. Nur ist eben die Politik unserer Kanzlerin nicht mehr wertekonservativ, sondern nur noch Rot-Grüne Politik. Der "einfache Mann" will in seinem Staat Recht und Ordnung und Sicherheit und keine Diktatur einer Einzelmeinung.
ich_bin_stammtisch 02.04.2016
2. Rollendes R ...
Ahja, aufgeklärt, tolerant, bunt ... aber unfähig über mein fränkisches Rrrr nur zu schmunzeln. Es muss mit unappetitlicher Gesinnung assoziiert werden. Kopfschüttel ... haben Sie auch Angst vor Spanier und Slawen R?
Ahja, aufgeklärt, tolerant, bunt ... aber unfähig über mein fränkisches Rrrr nur zu schmunzeln. Es muss mit unappetitlicher Gesinnung assoziiert werden. Kopfschüttel ... haben Sie auch Angst vor Spanier und Slawen R?
globallynaive 02.04.2016
3. Uniformität
Da braucht es keine Uniform. Wenn man sich die jungen Mädels in Zürich anschaut, sind die bereits schon alle uniformiert: blonder Pferdeschwanz (notfalls gefärbt, egal welche Ethnie) und schwarzer Hosenanzug mit weißem Hemd. [...]
Da braucht es keine Uniform. Wenn man sich die jungen Mädels in Zürich anschaut, sind die bereits schon alle uniformiert: blonder Pferdeschwanz (notfalls gefärbt, egal welche Ethnie) und schwarzer Hosenanzug mit weißem Hemd. Eigene Meinung: möglichst keine. Schmuck: weisse Perlohrringe, für After Work Parties ein einzelner Brilliant Anhänger. Die Mädchen laufen ja schon mit 14 so herum, wie Berater bei PriceWaterhouseCoopers. Derweil verzweifeln die Personaler, weil die Absolventen dermassen austauschbar geworden sind, dass man ebenso gut Topfpflanzen einstellen könnte. Alles eine Folge der Gleichmacherei. Schon in der Schule wird einem ganz klar der Tarif durchgegeben, dass blond und blauäugig ganz toll ist und alles andere ist Müll. Das zeigt sich in der Benotung, in der Berufsberatung, bei der Lehrstellensuche, am Arbeitsplatz, im Spital, im Altersheim. Also versuchen alle dieses unerreichbare Ideal zu kopieren. Und ziehen es damit auf eine Art auch ins Lächerliche.
elblette 02.04.2016
4. Typisch.
Genau, die Rechten können praktisch gar nicht anders, bei was auch immer sie tun, denn die anderen haben angefangen. Immer. Drei Punkte im Besorgtbürger-Bullshit-Bingo für diese Argumentation. Herzlichen Dank!
Genau, die Rechten können praktisch gar nicht anders, bei was auch immer sie tun, denn die anderen haben angefangen. Immer. Drei Punkte im Besorgtbürger-Bullshit-Bingo für diese Argumentation. Herzlichen Dank!
gruen99 02.04.2016
5. es ist doch kein Problem...
...dass Europa in die rechte Mitte rutscht. Ich finde die Vorreiterrolle welche die Schweiz hier wohl fuehrt geradezu exemplarisch und gut. Diese Basisdemokratie wird gerade deswegen pluralistisch und demokratisch bleiben weil sie [...]
...dass Europa in die rechte Mitte rutscht. Ich finde die Vorreiterrolle welche die Schweiz hier wohl fuehrt geradezu exemplarisch und gut. Diese Basisdemokratie wird gerade deswegen pluralistisch und demokratisch bleiben weil sie basisdemokratisch ist und alle Buerger permanent in die spezifischen politischen Debatten einbezieht. Hierzulande fehlt dieses Element. Deshalb muss man sich Sorgen ueber einen deutschen Rechtsruck machen.Dies wird von der Presse hierzulande aber verkannt und nicht entsprechend thematisiert. Leider. Zum Thema political correctness ist hier auch nur zu sagen, das genau dieser ebenso ausgrenzt und nicht nur Minderheiten, sondern sogar Mehrheiten ganz undemokratisch diskriminiert. Das alles muesste mal thematisiert werden. Eine rechte konservative Regierung, vielleicht auch nur fuer eine Legislaturperiode, wird bei uns von sehr vielen Waehlern als einziger Ausweg aus den ungeloesten Europathemen und der voellig falschen Anbiederung an die Tuerkei und aehnlicher Dritte Welt Despoten gesehen. Da helfen alle Kolumnen nichts.
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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle

Sibylle Berg

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