Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Peaches mischt Brecht auf

Rudelbums statt Klassenkampf

Der kanadische Performance-Star Peaches ist im Stuttgarter Schauspiel "Die sieben Todsünden" Teil eines Crossover-Spektakels - das Gott wohl fluchtartig verlassen hätte, wie

Bernhard Weis/ Schauspiel Stuttgart
unser Autor findet.
Sonntag, 03.02.2019   13:28 Uhr

Hand aufs Herz: Wer kann die sieben Todsünden aufzählen? Wer sich schon mit den zehn Geboten schwer tut, wird sicher seine Schwierigkeiten haben, die Vergehen zu benennen, die nach Meinung der katholischen Kirche besonders arg sind und Gott so gar nicht gefallen. Dabei begeht man wahrscheinlich - bewusst oder fahrlässig - diese Untaten öfter als man glaubt.

Der werfe den ersten Stein, der sich frei glaubt von Hochmut, Trägheit, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Habsucht. Alles Eigenschaften, die das Leben einem halt so unterjubelt, wenn man nicht gerade in einer hermetisch verschlossenen Klosterzelle darbt.

Keine Katholiken - weiß der Herr! - waren Bertolt Brecht und Kurt Weill, und trotzdem nahmen sie sich in den Dreißigerjahren den ganzen üblen Übertretungskatalog her, um daraus in Zusammenarbeit mit dem Choreografen George Balanchine ein "Ballett mit Gesang" zu zimmern. Sie wollten zeigen, dass es eben diese allzu menschlichen Lässlichkeiten sind, die den unaufhaltsamen Aufstieg des mörderischen Kapitalismus forcieren.

Gott wäre vor diesem Abend geflüchtet

Auf dem Weg zum trauten Familienleben im Eigenheim stellt sich der zwiegespaltenen Anna, die oft das Gute will und der man das Böse anschafft, die ganze Schlechtigkeit der Welt entgegen. Sie verstrickt sich in Verfehlungen, wird Opfer ihrer eigenen Schwächen. Brechts zwischen sakralem Pathos und knallharter Not-Bestandsaufnahme reimender Text, die etwas wirre fragmentarische Handlung und Weills herb-klare, unheilschwangere Töne machen daraus ein eher schwieriges Kunststück biederer Aufmüpfigkeit.

Das wollte die Regisseurin Anna-Sophie Mahler so angestaubt nicht stehen lassen, als sie im Stuttgarter Schauspiel aus dem Werk mit Pomp und Pop einen Crossover-Abend kreierte, den Gott, wäre er zufällig auf der Welt und im Theater gewesen, sicher fluchtartig verlassen hätte - wie so manche Abonnenten.

Denn Mahler begnügt sich nicht damit, die klassische Vorlage (leider etwas karg und hilflos) zu bebildern. Sie setzt auf die sieben noch eine ungeheuerliche Sünde drauf, indem sie nämlich die kanadische Performancekünstlerin und Elektroclash-Sängerin Peaches in den Pfuhl holt. Die ist bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund und die Scham nimmt.

Fotostrecke

Die Sieben Todsünden: Crossover-Spektakel in Stuttgart mit Peaches

Diese Idee bewirkt, dass die Inszenierung in zwei ziemlich ungleiche Hälften zerfällt. In einem Boxring angesiedelt und von der hier noch sehr zahmen, dafür gesanglich erstaunlich Weill-tauglichen Peaches (und dem Stuttgarter Staatsorchester unter Stefan Schreiber) begleitet, geraten im ersten Originalteil die beiden Annas (die Schauspielerin Josephine Köhler und der Tänzer Louis Stiens) von einem Fehltritt in den anderen.

Sie boxen sich im Sportdress durch die Widrigkeiten der Welt, markieren fightend ihren Zorn und ihre Habsucht, klammern neidvoll, knocken einander wollüstig aus, während ein Chor vier wuchtiger Baritone den vorhersehbaren Niedergang nicht ohne Häme kommentiert.

Der zweite Teil richtet sich an die unzufriedenen Frauen

Dass das Leben ein ständiger Kampf ist, bei dem man öfters eins auf die Nase bekommt: Plumper hätte es Mahler nicht zeigen können. Die Szenen wirken redundant. Die magere Moral: Der erringt den Lohn, der über sich selber siegt.

Um von dort die Kurve zum Jetzt und Heute zu kriegen, muss radikal etwas geschehen. Josephine Köhler leitet als "Proletin der Weiblichkeit" den zweiten Teil des Abends mit einem schön galligen, wütenden Monolog ein, sie zitiert aus der "King Kong Theorie" der französischen Erfolgsautorin Virginie Despentes - und nun weiß man, dass die ersten 40 Minuten nur bürgerlich-harmlos stichelndes Kunstgeplänkel waren.

Köhler wendet sich mit den Worten Despentes' bewundernd und solidarisierend an "die hässlichen, schlechtgefickten und unzufriedenen Frauen", die in keine Schublade passen. Und Peaches, die grell-rot beleuchtet aus dem Bühnenhimmel schwebt wie ein Racheengel, nimmt dann endgültig den derart aufgedröselten Faden auf, um unmissverständlich klarzumachen, dass es eigentlich gar keine Sünden gibt.

Und wenn etwas schiefläuft, sind ohnehin nur die patriarchalen Strukturen schuld: Der wahre Teufel ist weiß, männlich und heterosexuell.

So feministisch wie vulgär sind die Texte der natürlich auch transgendernden Kanadierin Peaches, die sich im Verlauf ihrer Show (mit vielen bekannten Hits, wegen derer ein Großteil der Zuschauer überhaupt gekommen zu sein scheint) auf etwas kokett-burlesque Art entblättert und zwischen Plüsch-Muschis und einem riesigen Aufblas-Penis als versaute Versuchung herumtanzt.

Brechts und Weills vages Weltbild kippeln lassen

Peaches und Mahler wollen Brecht und Weill hier konterkarieren, wollen deren vages Weltbild kippeln lassen und deren Kritik ad absurdum führen, indem sie angestrengt lustvoll behaupten, dass sexuelle Zügellosigkeit schon die halbe Miete auf dem Weg zur Befreiung des Individuums ist.

Die Sängerin verrenkt sich lasziv und verrennt sich dabei in ihrer ach so provokanten und doch nur verlässlich gezirkelten Tabu-Überschreitung. Zu den sieben Todsünden hat sie freilich mit ihrem mühsam aufs Thema getrimmten Best-of-Programm und ihrer eher schlichten Porno-Poesie (meist reimt sich nur "böse" auf "Möse") nicht viel mehr beizutragen als den Aufruf: "Put your dick in the air". Was früher die zornig geballte Faust war, ist jetzt nur noch eine banale Erektion: Rudelbums statt Klassenkampf.

Am Ende versucht Anna-Sophie Mahler das ganze disparate Unternehmen, das ihr trotz eines (Welt-)Stars nicht wirklich geglückt ist, noch einmal irgendwie zu erden. Zu den Klängen von Charles Ives' "The unanswered question" tanzt Melinda Witham vom Staatsballett eine Choreografie mit verwundeter, beschädigter Sanftheit: Dissonanzen legen sich über die Harmonien, ein körperliches Aufbegehren und Scheitern.

Wieviel einfacher und irritierender ist das als der Brecht'sche erhobene Finger und Peaches' erschlaffende Vagina-Monologe! Das schönste, traurigste und ehrlichste Bild des Abends: Was bleibt, so beschreibt es die in ihre stumme Einsamkeit gesponnene Witham, ist allein die Sehnsucht nach dem richtigen, selbstbestimmten Leben.

"Die sieben Todsünden", Schauspiel Stuttgart, nächste Vorstellungen am 7., 12., 17. und 25.2., www.schauspiel-stuttgart.de


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war Geiz als eine der sieben Todsünden aufgezählt. Richtig muss es heißen: Trägheit. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 3 Beiträge
Suffiminis splendor 03.02.2019
1. Washed out
Porno als Selbstermächtigung ist ja selbst für die Provinzbühnen ein wenig ausgewaschen. Peaches längst abgehalftert und die Regisseurin ist wer nochmal? Fuck the pain away durchaus eine Option nach diesem Abend im Gestern.
Porno als Selbstermächtigung ist ja selbst für die Provinzbühnen ein wenig ausgewaschen. Peaches längst abgehalftert und die Regisseurin ist wer nochmal? Fuck the pain away durchaus eine Option nach diesem Abend im Gestern.
tlchen 04.02.2019
2. Sieben Todsünden
Die sieben Todsünden zu wissen und ohne vorbereitet zu sein, aufsagen zu können ist die eine Seite. Als Journalist darüber zu schreiben und zu recherchieren die andere. Und selbst das klappt nicht immer: Zitat: „Hochmut, [...]
Die sieben Todsünden zu wissen und ohne vorbereitet zu sein, aufsagen zu können ist die eine Seite. Als Journalist darüber zu schreiben und zu recherchieren die andere. Und selbst das klappt nicht immer: Zitat: „Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Habsucht.“ Geiz gehört nicht dazu, dafür fehlt in der Aufzählung die „Trägheit“.
jh72 05.02.2019
3. Autor hat so gar nichts verstanden
„Sie wollten zeigen, dass es eben diese allzu menschlichen Lässlichkeiten sind, die den unaufhaltsamen Aufstieg des mörderischen Kapitalismus forcieren.“ – Das ist so ziemlich das Gegenteil der – ironisch-satirischen – [...]
„Sie wollten zeigen, dass es eben diese allzu menschlichen Lässlichkeiten sind, die den unaufhaltsamen Aufstieg des mörderischen Kapitalismus forcieren.“ – Das ist so ziemlich das Gegenteil der – ironisch-satirischen – Aussage des Stücks. Sechs, setzen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP