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Kultur

Terence Koh in Hamburg

Warum dieser Starkünstler jetzt zwischen 10.000 Bienen lebt

Er galt als "nächster Warhol", führte in New York ein exzessives Künstlerleben - dann warf Terence Koh alles hin. Im Gespräch erzählt er vom Glück der Achtsamkeit und warum er manchmal gern eine männliche Biene wäre.

Terence Koh/ Foto: Thomas Hampel
Ein Interview von
Sonntag, 18.08.2019   18:23 Uhr

Durch die honiggelben Wände der kleinen Kapsel in der Hamburger Hafencity schimmern Sonnenstrahlen. Genau eine Person findet hier sitzend Platz. Es duftet nach warmem Bienenwachs, es summt und vibriert, Pollen rieselt herab. An den Wänden sieht man die Schatten krabbelnder Insekten - und wer den Blick nach oben richtet, erkennt, warum Künstler Terence Koh diese begehbare Installation aus Wachs "Bee Chapel" genannt hat: Über einem Drahtnetz, nur wenige Zentimeter über dem Kopf des Besuchers, liegt ein Bienenstock offen, in dem 10.000 Tiere wimmeln.

Buzzing, das war auch das frühere Leben von Terence Koh. Vor 15 Jahren nannte er sich AsianPunkBoy und wurde von der Presse als nächster Andy Warhol gefeiert. Er galt als schrille Performance-Diva und Konsumfetischist, seine Werke waren wild, queer, punkish, pornografisch und wurden vom MoMa New York und der Tate Modern in London erworben, auf der Art Basel verkaufte er seine Exkremente auf einem Goldteller für eine halbe Million Dollar. Eine seiner letzten Performances hieß "nothingtodo": darin kroch Koh - wie immer in weiß gekleidet - vier Wochen lang acht Stunden täglich auf den Knien um einen Berg aus Salz.

Momentan lebt Koh unter freiem Himmel in der Hamburger Hafencity. Er hat sich ein provisorisches Bett neben die Busanbrücke des Brooktorhafens gebaut, um rund um die Uhr neben seinen Bienen zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Koh, Sie hatten als Künstler irren Erfolg. Warum leben Sie jetzt hier an der Norderelbe mit Bienen zusammen?

Terence Koh: Das hat sich ergeben. Vor etwa sechs Jahren zog ich mich ins Catskills-Gebirge zurück, um mich zu sammeln, zu konzentrieren. Dort las ich von der bedrohlichen Lage der Honigbienen und wollte einen Raum schaffen, in dem sich Menschen und Bienen ohne Angst näherkommen können. Normalerweise haben Menschen Angst vor Bienen, ich möchte diese Energie nutzen und in etwas anderes übersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Es geht Ihnen also darum, Ängste zu überwinden?

Koh: Auch wenn es zunächst nach einem ökologischen Appell aussieht, wird es zu einem ziemlich philosophischen Projekt, wenn man sich darauf einlässt. Die westliche Gesellschaft ist geprägt von Ängsten, besonders in den USA. Wenn man sich damit auseinandersetzt, kommt man zu sehr fundamentalen Fragen über sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Hat das auch mit Ihrem früheren Status als Kunststar zu tun?

Koh: Das auch. Diese Phase war wild. Ich war sehr jung sehr erfolgreich, ließ kaum eine Party aus. Doch die Kunstszene und New York City strotzen vor Egoismus, die Menschen vergessen dort ihre Menschlichkeit. Also warf ich mein Mobiltelefon in den East River, kündigte meinen Galeristen und zog in die Berge. Dort traf ich die Bienen. Ich lerne von ihnen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man denn von Bienen lernen?

Koh: Friedliche Koexistenz zum Beispiel. Das Überwinden des Egos. Achtsamkeit. Menschen fokussieren sich auf Streit oder innere Konflikte, wir üben ständig Gewalt aus. Da helfen auch Politik oder Religion nicht - wenn wir uns nicht grundlegend bewusst machen, wer wir sind, welchen Platz wir im Universum innehaben, wird die Gewalt weitergehen. Ich bin immer erstaunt, dass über solche Themen kaum nachgedacht wird. Dabei ist unsere Zivilisation vielleicht 60.000 Jahre alt - Bienen leben schon seit Millionen Jahren in Gesellschaften. In rein weiblichen Gesellschaften übrigens.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein Plädoyer für das Matriarchat?

Koh: Nein. Als ich begann, mit Bienen zu arbeiten, dachte ich zunächst: Ich will eine Drohne sein! Für alles ist gesorgt, sie werden gefüttert, sogar Fäkalien werden abtransportiert, und die einzige Aufgabe ist, Sex mit der Königin zu haben. Klingt nach einem super Job, oder? Allerdings ist die Natur auch sehr effizient. Wenn Drohnen ihren Job erfüllt haben, werden sie getötet.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber doch sehr unsozial?

Koh: So sehen wir Menschen das. Aber vielleicht bereitet uns gerade unser Mensch-zentrierter Blickwinkel viele Probleme. Wir sind so fokussiert auf uns selbst, dass wir übersehen, wie sehr wir dem Planeten schaden. Würden Honigbienen plötzlich verschwinden, wäre unser Planet ernsthaft in Gefahr. Würde der Mensch verschwinden, bestünde für unsere Erde noch Hoffnung.

Terence Koh löst in einem Marmeladenglas Zucker in Wasser auf, als Futter für die Bienen. "Ich wollte natürlich biodynamischen Zucker verwenden, aus Kokosblüten oder so", erklärt er. "Doch alle Imker haben gesagt, dass es weißer Industriezucker sein muss, nur den können die Bienen verwerten. Die menschliche Perspektive hilft eben nicht unbedingt weiter."

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Besucher auf die Bienenkapelle?

Koh: Sie bewegen sich ganz vorsichtig, meist muss ich die Tür aufhalten. Manche zeigen kaum eine Reaktion, andere fangen an zu weinen. Kinder kommen mit einem großen Lächeln heraus, und dann denke ich, dass es sich lohnt, hier draußen zu sein, dreckig, ständig den Blicken von Passanten ausgesetzt, an mir selbst zweifelnd. Das friedliche Glück, das die Bienenkapelle bescheren kann, ist mein Geschenk an die Menschen.

Durch eine Öffnung in dem wächsernen Gehäuse seiner Bienenkapelle füllt Koh seine Zuckerlösung in den Bienenstock. Er zieht einen Pfropfen ab, um einen Trichter anzusetzen. Dort wimmelt es von Ameisen.

SPIEGEL ONLINE: Anscheinend haben Sie eine Kapelle für viele Insekten gebaut.

Koh: Anfangs wollte ich nicht, dass die Ameisen meine Bienen stören. Ich habe versucht, sie mit Pfefferminzöl zu verscheuchen. Aber die Imker sagten mir, dass Bienen und Ameisen koexistieren können und dass die Ameisen nur sehr wenig Zuckerwasser essen. Sie schaden den Bienen gar nicht. Wieder lag ich mit meinem menschlichen Instinkt falsch.

SPIEGEL ONLINE: Klingt wie eine Metapher.

Koh: Das stimmt. Da fällt mir Angela Merkel ein, wie sie Flüchtlinge in ihr Land gelassen hat. Sie ist ja eine Naturwissenschaftlerin, und die Natur ist viel integrativer als der Mensch. Ich glaube, jeder Mensch auf diesem Planeten könnte ernährt werden und ein Zuhause haben - wenn wir alle es wollten. Doch die Ressourcen sind ungerecht verteilt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Theorie dazu, woran es hapert?

Koh: Es liegt wohl in unserer Natur, keine perfekten Wesen zu sein. Auch das muss man akzeptieren. Wir tun unperfekte Sachen und rufen Schmerz, Gewalt und Ungerechtigkeit hervor. Wir sündigen wegen unserer Gefühle, aber nur unsere Gefühle lassen uns auch verstehen, was Liebe ist.

Eine Biene fällt in ein geöffnetes Honigglas. Koh nimmt sie auf seinen Finger. "Oh, hello!" Er beobachtet, wie das Tier versucht, die klebrigen Beine zu säubern. "Bienen sind sehr sanfte Wesen", sagt er zärtlich. Eine andere Biene sitzt auf dem Pullover und rührt sich kaum. Koh entdeckt, dass im Stoff ihr Stachel sitzt.

SPIEGEL ONLINE: Sind sie jemals gestochen worden?

Koh: Selten, vielleicht zwei Mal in fünf Jahren. Auch ich bleibe nicht absolut ruhig, wenn ich mit den Bienen zusammen bin. Angst ist menschlich. Aber im Stich einer Biene liegt auch etwas wunderschön Morbides. Denn wenn sie in größter Not stechen, müssen sie sterben. Leben und Tod gehen eben Hand in Hand - auch das lehren uns die Bienen.


Ausstellung: Terence Koh, Bee Chapel , Störtebeker Ufer Hamburg, bis 30. August 2019

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