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Kultur

Rechte Reaktionen auf Tötung in Frankfurt

Warum wir Gegenfeuer brauchen

Nicht weiße Menschen denken in Deutschland oft, sie müssten beweisen, wie harmlos und angepasst sie sind. Die Reaktionen auf die Tat am Frankfurter Hauptbahnhof zeigen aber: Wir dürfen die Polemik nicht den Rechten überlassen.

ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Gedenkstelle am Frankfurter Hauptbahnhof

Ein Gastbeitrag von Malcolm Ohanwe
Sonntag, 04.08.2019   21:28 Uhr

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"Die Flammen im Herzen, die sind durch nichts zu ersetzen/ darum halt sie am Laufen mit aller Gewalt" - so lautet eine Zeile des Hamburger Rappers Jan Delay.

Man könnte meinen, Alice Weidel ist ein heimliches Delay-Fangirl, das diese These komplett verinnerlicht hat. So lodern ihre Flammen der Hetze mit jedem Ereignis, das sich für ihre menschenverachtende Propaganda missbrauchen lässt, und das in der Tat mit aller Gewalt - mit sprachlicher rassistischer Gewalt.

Weidel forderte nach der Tötung in Frankfurt etwa: "Schützt endlich die Bürger unseres Landes - statt der grenzenlosen Willkommenskultur!" Sie entbürgert Menschen verbal mit ihrer rassistischen Reaktion auf die Tat in Frankfurt, wo ein 40-jähriger, vermutlich psychisch kranker Eritreer, ein achtjähriges Kind durch einen Stoß in die Gleise getötet hat. Ihre polemischen Posts entmenschlichen uns, die nicht deutsch gelesen werden, schon lange. Indem sie zum Beispiel suggerieren, im Mittelmeer gerettete Migranten dürften nicht auch nur ein My an Freude verspüren. Denn wer in Würde leben möchte, wer nicht ersaufen will, hat gefälligst notleidend dreinzuschauen, unterwürfig zu sein. Das insinuiert zumindest einer ihrer aktuellen Posts auf Facebook, der afrikanische Migranten dafür kritisiert, auf der "Sea-Watch 3" ein Musikvideo gedreht zu haben.

Das Feuer von Menschen wie ihr ist hochgiftig, sein Qualm verschmutzt den Diskurs und gibt Thesen und Gedanken Raum, die eigentlich erstickt gehören. Zudem gehen wir damit auch noch falsch um.

Das reflexhafte Wange-Hinhalten ist nicht zielführend

Denn wenn Weidel und Co. thematisieren, dass ein "Repräsentant", eine "Repräsentantin" einer bestimmten Personengruppe etwas Verwerfliches getan hat, kommt es oft zu einer reflexartigen Erwartungshaltung von und an Schwarze und weitere nicht weiße Menschen: Wir sollen dann mit jesushafter, vermeintlich moralischer Überlegenheit die zweite Wange hinhalten. Man habe zu beweisen, wie lieb und harmlos man doch tatsächlich sei. Dass sie uns, den "guten" Ausländern (was immer auch impliziert, dass es überproportional viele "schlechte" gibt) einfach noch eine Chance geben sollten.

Der Aktivist Ali Can richtete vor einigen Jahren eine "Hotline für besorgte Bürger" ein. Gemeint mit "besorgten Bürgern" sind rechts denkende, weiße Deutsche, denen teilweise erst überhaupt bewiesen werden muss, dass Leute, die nicht ihrer Kultur, Herkunft oder ihrem Phänotyp entsprechen, ebenbürtige Menschen sind. Wo ist die Hotline für schwarze Menschen in Deutschland, die jetzt nach der Tat in Frankfurt dämonisiert werden, die Angst haben vor rechter Gewalt? Wer hört diesen besorgten Bürgern und Bürgerinnen zu? Anliegen von Hunderttausenden gehen schlicht unter.

Ihre Sorgen haben keinen Raum, und sie selbst sind oft zu beschäftigt damit, zu beweisen, dass sie selbst nicht zu den "bösen Ausländern" gehören. Es geht um Menschen wie Ali Can selbst, fremdgemachte Menschen - namentlich Roma und Sinti, jüdische Menschen, muslimisch gelesene Menschen, Schwarze Menschen und so fort. Das gilt offline und auch auf Social Media. Man will das Feuer löschen und beschwichtigen.

Ich sage: Lasst das Feuer erst so richtig brennen. Euer Feuer.

Polemik kann Stimmlose hörbar machen

2018, nachdem Mesut Özil den DFB des Rassismus bezichtigte und die Nationalmannschaft verließ, startete Can den Hashtag #MeTwo und verfolgte damit eine andere Strategie. Diesmal ging es auf keinen Fall darum, zu beweisen, wer angepasster, lieber, harmloser ist als der nächste Migrant. Sondern schlicht darum, zum Ausdruck zu bringen, dass die eigenen Sorgen und Wünsche der Diskussion wert sind.

Viele der #MeTwo-Tweets waren sehr spitz und scharf formuliert, auch anklagend. Einige könnte man als polemisch verunglimpfen. Ich finde: Polemik, die aus Perspektiven entspringt, die im politischen Diskurs kaum bis nicht existent sind, kann korrektiv wirken. Denn das Anklagen von rassistischen Strukturen hat einen wissenschaftlichen Unterbau, beruht auf unbestreitbaren Fakten, ist untermauert. Wir wissen, dass Menschen, die als ausländisch wahrgenommen werden, es schwerer haben auf dem Wohnungsmarkt. Dass Kinder mit türkischen Namen bei identischer Leistung tendenziell schlechtere Noten bekommen. Genauso wissen wir aber, dass ethnische Herkunft nie die Ursache von Kriminalität oder Boshaftigkeit ist.

Wer sich im Netz einer polemischen Stilistik bedient, agiert deshalb auch nicht genau wie die AfD, denn der Zweck ist ein anderer. Die eine Polemik fußt auf Fakten und Informiertheit, die andere auf Menschenfeindlichkeit. Und dass es ordentlich Korrekturbedarf gibt, steht außer Frage: Im Jahre 2019 gibt es in Deutschland keine Partei, die aktiv und mit Vehemenz um die Stimmen von Menschen wirbt, die von Rassismus betroffen sind.

Die Barrierefreiheit des Internets, dessen Algorithmen spitze Sprache so belohnen, hat auch erst #MeTwo ermöglicht. Deshalb wiederum wird auch meine Arbeit als Journalist sichtbarer, vielleicht kann ich wegen #MeTwo einen Text wie diesen überhaupt heute an dieser Stelle schreiben. Deshalb hören wir vermehrt den Stimmen der sogenannten neuen Deutschen zu. Und deshalb wird den klugen Gedanken von Journalistinnen und Journalisten wie Vanessa Vu, Miriam Davoudvandi, Fatma Aydemir und Aimen Abdulaziz-Said und den Perspektiven, die sie durch ihre Sozialisierung in ihre Interviews und Texte einbringen, viel mehr Raum gegeben.

Anstatt in einem nie endenden Hamsterrad, sich einer vermeintlich besorgten rechten Horde anzubiedern, ist es für beide Seiten viel gesünder, besagte rechte Masse nicht zu unterfordern. Es ist eine didaktische Pflicht, Feuer mit Feuer zu begegnen; Gegenfeuer ist die bessere Lehrmethode.

Wenn ihr also mit Rechten umgeht, folgt nicht nur Jan Delays, sondern auch den Worten des US-amerikanischen Sängers Usher: "Let it burn".


Lesen Sie zum öffentlichen Umgang mit der Tat in Frankfurt hier auch die Kolumne von Sascha Lobo.

insgesamt 99 Beiträge
Blue Brother 04.08.2019
1.
Ich wäre dankbar, wenn ich nach Charakter und Fähigkeiten und nicht nach meiner Hautfarbe beurteilt werde. Martin L. Kings Albtraum, was grade abgeht. Kultur, Hautfarbe, nix darf mehr vermischt werden. Hier Opfer, da Täter. [...]
Ich wäre dankbar, wenn ich nach Charakter und Fähigkeiten und nicht nach meiner Hautfarbe beurteilt werde. Martin L. Kings Albtraum, was grade abgeht. Kultur, Hautfarbe, nix darf mehr vermischt werden. Hier Opfer, da Täter. Klare Trennung. Beide Daumen hoch. Ein "weißer Mann"
1dichmann 04.08.2019
2. Lehrmethode Gegenfeuer?
Bitte nicht so überheblich sein, dem politischen Gegenüber etwas von Lehrmethoden zu erzählen: In der Demokratie - zumindest im günstigen Fall - befruchten die gegenüberliegenden Seiten und kommen somit beide argumentativ [...]
Bitte nicht so überheblich sein, dem politischen Gegenüber etwas von Lehrmethoden zu erzählen: In der Demokratie - zumindest im günstigen Fall - befruchten die gegenüberliegenden Seiten und kommen somit beide argumentativ nach vorn - nicht zur Durchsetzung ihrer Ziele, sondern um das Beste für unser Land zu erzielen.
peter_rot 04.08.2019
3. So erhöhen Sie das Wählerpotential der AfD
Ein toller Beitrag - wo ist das Bedauern für die unbegreifliche Tat. Stattdessen ein Gejammer über die schlechte Stimmtung in der Bevölkerung. Ich glaube Ihr Autor hat nichts begriffen.
Ein toller Beitrag - wo ist das Bedauern für die unbegreifliche Tat. Stattdessen ein Gejammer über die schlechte Stimmtung in der Bevölkerung. Ich glaube Ihr Autor hat nichts begriffen.
Mr.Myers 04.08.2019
4.
Ethnische Herkunft ist keine Ursache für Kriminalität, das Problem ist, das eingewanderte Kriminelle hier mit Samthandschuhen angefasst werden. Raub, Zuhälterei, Gewalt aus Spaß.. Egal was, es wird immer eine Entschuldigung [...]
Ethnische Herkunft ist keine Ursache für Kriminalität, das Problem ist, das eingewanderte Kriminelle hier mit Samthandschuhen angefasst werden. Raub, Zuhälterei, Gewalt aus Spaß.. Egal was, es wird immer eine Entschuldigung gefunden: traumatische Erlebnisse, schlechte Kindheit, unsicheres Herkunftsland.. Wenn das geändert wird haben es alle besser, auch ehrbare Einwanderer. Und das es politisch nicht korrekt ist dieses Thema anzusprechen, macht die Sache auch nicht leichter...
Sensør 04.08.2019
5.
Ich gehe davon aus, dass es hier genau so wie in den USA ist: die Einwanderer sind insgesamt weniger gewalttätiger Einheimischen. Damit konfroniert müssen die Rechten erst einmal Argumente finden.
Ich gehe davon aus, dass es hier genau so wie in den USA ist: die Einwanderer sind insgesamt weniger gewalttätiger Einheimischen. Damit konfroniert müssen die Rechten erst einmal Argumente finden.
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