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Kultur

Leander Haußmann an der Berliner Volksbühne

Perverse Stasi-Normalität

Mit "Haußmanns Staatssicherheitstheater" kehrt der Geist der Castorf-Zeit wieder in die Berliner Volksbühne zurück - als Farce über den Überwachungsstaat. Schlüpfrig-nostalgisches Theater.

Harald Hauswald
Von
Samstag, 15.12.2018   13:48 Uhr

Die Augen der verdienten Volksbühnen-Schauspielerin Silvia Rieger funkeln wie frisch aus der Hölle, wenn sie die Theaterbühne betritt. Ihr Blick ist gebieterisch und kennt keine Grenze zwischen Rampe und Parkett. Ich schaue euch an, schaut mich an, und zwar sofort! So betritt Rieger die leere Bühne zu Beginn von "Haußmanns Staatssicherheitstheater", der Stasi-Komödie des beliebten Regisseurs und Autors Leander Haußmann.

Zu Stasi und zur Berliner Bohème der Achtzigerjahre fällt Haußmann nicht ganz so viel ein, das ihn dreieinhalb Stunden interessieren würde, aber zwischendurch Lustiges. Wichtiger an diesem Abend erscheint eine andere Botschaft: Reclaim the Volksbühne, der Laden ist unser. Denn es ist die erste große Eigenproduktion im Sprechtheater an diesem Haus in dieser Spielzeit. Symbolwert: theaterhimmelhoch.

Die Ablösung von Frank Castorfs 25-jähriger Intendanz durch Chris Dercon führte zu einem zerstörerischen Kulturstreit, in dem weite Teile des Theaterbetriebs fürchteten, es gebe nie mehr Bühnenbilder oder ausgebildete Schauspieler zu sehen. Im April hat Dercon aufgegeben, der Interimschef Klaus Dörr hat ein Notprogramm gezimmert und auch Haußmann verpflichtet.

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Volksbühne: Wundenleckerabend in Berlin

Und so funkelt nun Rieger im Furienstil an der Rampe, misst den großen Raum ab, während hinter ihr Bühnenteile aus urigem Holz aufgefahren werden, die den Dachstock eines Berliner Altbaus darstellen (Bühne: Lothar Holler). Und dann fahren aus dem Boden noch zwei weitere Stockwerke hoch und heben das Dach in die Höhe, bis ein überdimensionales Puppenhaus auf der Bühne steht. Applaus für die Beschäftigung der Werkstätten, für die Rückkehr der alten Zeit.

So fängt der Abend an, ähnlich wird er wieder aufhören, wenn Starschauspieler Alexander Scheer einen ganz kurzen Auftritt als Sexarbeiter hat, für den er sich einzeln Applaus abholt und dabei die Faust auf die Brust schlägt. Bis zur Pause saß er im Publikum und jubelte bereits laut. Es ist ein Wundenleckerabend, ein Wiederaneignungstheater, das vor lauter therapeutischer Rückführung sein Thema veschenkt.

Was die späte DDR und ihr Bohème-Park Prenzlauer Berg verbindet und was Überwachung mit den Menschen bis ins Schlafzimmer hinein macht, das wären die Fragen von "Haußmanns Staatssicherheitstheater". Und Haußmann, der furchtlose, melancholische, hibbelige und humorhochbegabte Junge von 59 Jahren, der allein für Text und Regie steht, stellt sie ein paar Mal. Aber nur kurz.

Eine Stasi-Akte als erotisches Tagebuch

Horst Kotterba spielt einen Schriftsteller, dessen Stasi-Akte wie ein erotisches Tagebuch funktioniert, eine Erinnerungsstütze an das Leben in den "Fickzellen mit Fernheizung", wie auch Heiner Müller die Plattenbauten in der DDR nannte. Hier verschränkt Haußmann bereits zwei Beobachtungen. Erstens: Überwachung schleicht sich in den Alltag und wird private, perverse Normalität. Zweitens: Die Stasi schaute gern durch das Schlüsselloch. Haußmann nimmt den sexualisierten Blick genüsslich auf und lenkt ihn überraschend um - auf die Behörde selbst.

Waldemar Kobus wird zum schlüpfrigen Stasi-Chef Erich Mielke wie auch zu dessen Diener. Und weil zum Kerngeschäft der Überwachung die Verkleidung gehört, tritt Mielke selbst mal im Fummel auf. Die Stasi als queere Truppe in Drag, in geschlechterflüssiger Verkleidung, da muss man drauf kommen. Aber der Gender-Befund kippt bald in den verschwitzten Karnevalsabend.

Man könnte noch über das Stückgerüstlein berichten, wenn der junge Spitzel sich beim Beobachten in die zu Beobachtende verliebt. Oder darüber, dass Uwe Dag Berlin, Haußmanns Mitspieler seit frühesten Tagen, den einzigen verstörenden Text spricht an diesem Abend, wenn er als Ex-Stasi-Mann sein Leid nach der Wende beklagt und meint, die Nazis hätte man besser behandelt nach dem Krieg.

Wenig Klarheit, viel Nostalgie

Und man könnte vielleicht noch erwähnen, dass am Schluss der Nachbau einer Ostberliner Bar auf die Bühne gekarrt wird und Leander Haußmann selbst am Tresen steht und seinem Leben zuschaut, während Detlev Buck als Volkspolizist an der Bar sitzt und mit Alexander Scheer schäkert. Alles Zitate aus Haußmanns Filmen. Alles verdoppelt sich, aber nichts wird klarer, sondern nur nostalgischer.

Haußmann dreht bald einen Film aus dem Stoff, aus dem er dieses verhibbelte Stück gebastelt hat. Hoffentlich stellt er da seine lustigste und dennoch tiefste Idee ins Zentrum: Die Beat-Poeten, Dylan-Wiedergänger, Jesuslatschen-Träger, Punk-Lederjacken und alle anderen, die Marx das Lumpenproletariat und der Franzose "la bohème" nannte, waren alles schlechte Darsteller im Auftrag der Stasi.

Der Kapitalismus im Westen hat den Subkulturen vielleicht gute Konsumangebote gemacht und sie so integriert. Der real existierende Sozialismus aber hat seinen Widerstand gleich selbst erfunden. Das ist vielleicht auch Quatsch, aber immerhin höherer. Und eine herrliche Anleitung zum Slapstick, zum Spielen und zur Selbstironie. Ging aber alles vergessen. Ach, ist lange her. Hauptsache, wir sitzen alle zusammen. Unter uns.


"Haußmanns Staatssicherheitstheater". Berlin, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Nächste Vorstellungen am 15. und 21. Dezember sowie 5. und 24. Januar.

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