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Kultur

Wahlbeteiligung

Widerstand zwecklos?

Pussymützen gegen Trump und Unterschriften gegen das EU-Urheberrecht haben nicht viel gebracht. Die gute Nachricht: Bald werden alle, die sich ohnmächtig gegenüber einer älteren Mehrheit fühlen, selbst an der Macht sein.

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Möglicher Nichtwähler

Eine Kolumne von
Sonntag, 31.03.2019   09:40 Uhr

Ihr könnt demonstrieren so viel ihr wollt, liebe Bürgerinnen, euch aufregen, posten könnt ihr, dazu ist das Netz ja da! Um euch das Gefühl einer guten Entäußerung (was ist eine Entäußerung?) zu geben.

Aber schön aufpassen, wir regulieren es jetzt, das Netz.

Also nicht die Live-Berichte von Morden. Aber den Rest. Muss ja. Also: Lasst eurer Wut freien Lauf, entäußert euch in einem fairen Bürgerinnenmonolog. Das ist gut für die Nerven. Wir sitzen das aus, wir lesen das nicht, wir beobachten euch verwundert. WTF tut ihr da auf der Straße, und dann noch bei schlechtem Wetter. Ihr habt Trump nicht verhindert, mit euren Häkelmützen, Millionen Unterschriften; Hunderttausende auf den Straßen haben den Paragraph 13 nicht verhindert.

Und da - sieh nur - wütend protestieren weltweit junge Menschen gegen den ruinösen Umgang mit der Welt. Die verspotten wir einfach. Das ist einfach, junge Menschen verspotten, die noch nicht wissen, wie unerheblich es ist, was irgendeiner von ihnen denkt.

Gut spotten haben sie, die Menschen mit Macht, sie sitzen das aus, sie wissen wie es geht, lass sie toben und schreien, lass sie im Rausch der Gemeinschaft singen und schunkeln, wir machen unser Ding wir ziehen durch, der Kurs ist klar. Der Kurs ist zu eurem Besten, der Kurs heißt Wachstum bis das Zeug explodiert, aber egal, dann sind wir tot. Wir können das, denn ihr habt uns gewählt.

Zu beschäftigt zum Wählen

So, Spaß beiseite. Gerade fanden in meiner Stadt (Zürich) Regierungsratswahlen statt. An den Wahlen beteiligten sich - je nach Quartier - bis zu sagenhafte 40 Prozent der Stimmberechtigten. Dazu muss man wissen, dass es sehr einfach ist, in der Schweiz abzustimmen: Liebevoll flattern Informationsblätter und Umschläge (nicht zu frankieren) ins Haus. Man kann in der Badewanne sitzen, seine Kreuze machen, und danach muss man das Zeug in einen Briefkasten stecken. Uff. Heavy Shit. Soweit dazu.

Was haben eigentlich die restlichen 60 Prozent mit ihrer Stimme gemacht? Was machen alle die nicht wählen generell? Also jene, die dann mit der Regierung nicht zufrieden sind, die mit Upload-Filtern nicht einverstanden sind, die die Beteiligung an der EU-Wahl aber echt zu anstrengend finden, die bei den nächsten Wahl in Deutschland irgendwie anderweitig beschäftigt sind, eventuell damit, zu demonstrieren. Gegen die Entscheide von Regierungen und Parlamenten die sie nicht gewählt haben, weil sie gerade demonstrieren mussten. Kinder, Kinder, denken die Mächtigen, und rutschen auf den Sesseln hin und her, die Gesäße sind schon flach geworden, von all dem aussitzen und Bescheid-Wissen um die Trägheit der Masse und die Sicherheit, in der sie sich befinden, meistens.

Da wird sich nichts ändern, sie werden sitzen bleiben, das ist halt Demokratie, nicht wahr. Die Mehrheit jener die wählen gehen haben so entscheiden, sie haben sich für Leute entschieden die ihnen ähneln, in Alter und Sicht auf die Welt, die Mehrheit der WählerInnen sind Leute mit mehr Lebensjahren, mehr Misstrauen Veränderungen betreffend, Digital Natives im besten Fall.

Doch - selbst wenn alle Menschen unter 30 wählen würden, überwiegt - der Demografie geschuldet - der Anteil der WählerInnen Ü70. Fair genug. Das ist Demokratie. Die muss man aushalten. Und es gibt auch eine sehr gute Neuigkeit. In Kürze werden alle Menschen, die sich jetzt ohnmächtig einer Mehrheit von älteren gegenübersehen, selber alt sein und in der Mehrheit. Falls es dann noch ein Netz gibt, eine Freiheit, eine Welt, können sie in absehbarer Zeit für eine weisere Politik sorgen.

insgesamt 22 Beiträge
GrünesZebra 31.03.2019
1. Ein guter Beitrag mit trauriger Wahrheit
Ich selbst bin jung und habe schnell einsehen müssen, dass Proteste und Aktionen nichts bringen. Ich werde zu jeder Wahl gehen, das bringt am ehesten was. Man könnte meinen es gebe Alternativen zu "Abwarten bis die jetzigen [...]
Ich selbst bin jung und habe schnell einsehen müssen, dass Proteste und Aktionen nichts bringen. Ich werde zu jeder Wahl gehen, das bringt am ehesten was. Man könnte meinen es gebe Alternativen zu "Abwarten bis die jetzigen Alten alle weg vom Fenster sind", aber ich selbst hab seit kurzem Verstanden, dass es keinen anderen Weg gibt. Ich hoffe nur, dass bis dahin nicht zu viel kaputt gemacht ist. Freiheit beizubehalten ist leichter als sie erst wieder herstellen zu müssen. Warum jemand seine Stimme nicht nutzt und wählen geht, kann ich einfach nicht nachvollziehen und das sage ich als jemand, der noch nicht lange wählen darf. Vorallem wenn es sogar bequem per Briefwahl geht.
knok 31.03.2019
2.
Warum zählen die Stimmen junger Menschen nicht einfach mehr? Wer noch länger in einer Stadt/dem Land leben wird als andere, sollte auch mehr zu entscheiden haben. Ich finde es ungerecht, dass die Stimme von 20-jährigen gleich [...]
Warum zählen die Stimmen junger Menschen nicht einfach mehr? Wer noch länger in einer Stadt/dem Land leben wird als andere, sollte auch mehr zu entscheiden haben. Ich finde es ungerecht, dass die Stimme von 20-jährigen gleich viel zählt wie die Stimme von 80-jährigen. Für die Senioren wird - für die, die man nicht im Heim dahinvegetieren lässt - doch ohnehin alles getan. Wenn junge Menschen demonstrieren, werden sie zumeist ignoriert, manchmal von höchster Stelle verspottet oder sogar beleidigt. Ich glaube kaum eine Bevölkerungsgruppe muss sich so viele Vorurteile anhören wie wir "die Schüler hängen nur am Smartphone", "die Studenten sind faul", "die Auszubildenden wissen alle nichts mehr"... Ich glaube aber, wir unter 30-jährigen bekommen mehr von der Welt mit, als es vielen lieb ist.
Mach999 31.03.2019
3.
Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Proteste und Aktionen bringen sehr häufig nicht sofort Erfolg, aber sie fördern ein Umdenken, ohne den Regierungs- und Politikwechsel nicht möglich sind. Ohne die [...]
Zitat von GrünesZebraIch selbst bin jung und habe schnell einsehen müssen, dass Proteste und Aktionen nichts bringen. Ich werde zu jeder Wahl gehen, das bringt am ehesten was. Man könnte meinen es gebe Alternativen zu "Abwarten bis die jetzigen Alten alle weg vom Fenster sind", aber ich selbst hab seit kurzem Verstanden, dass es keinen anderen Weg gibt. Ich hoffe nur, dass bis dahin nicht zu viel kaputt gemacht ist. Freiheit beizubehalten ist leichter als sie erst wieder herstellen zu müssen. Warum jemand seine Stimme nicht nutzt und wählen geht, kann ich einfach nicht nachvollziehen und das sage ich als jemand, der noch nicht lange wählen darf. Vorallem wenn es sogar bequem per Briefwahl geht.
Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Proteste und Aktionen bringen sehr häufig nicht sofort Erfolg, aber sie fördern ein Umdenken, ohne den Regierungs- und Politikwechsel nicht möglich sind. Ohne die Umweltbewegung der 70er- und 80er-Jahre wäre nie der Atomausstieg gekommen. Die haben die Grundlagen für ein Umdenken gelegt, auch wenn der Erfolg hat lange auf sich warten lassen. Bis das Wahlrecht für Frauen überall in Europa eingeführt war, hat es von den ersten Protesten um die 100 Jahre gedauert. Aber ohne diese ersten Proteste wäre nichts passiert. Proteste führen nur selten zu schnellen Erfolgen, weil die, die protestieren am Anfang eine kleine Gruppe sind. Und selbst eine Million Demonstranten sind bezogen auf Deutschland oder gar Europa nicht viel. Aber sie tragen zur Meinungsbildung und zum Meinungsumschwung bei. Also: Immer wählen gehen, aber auch immer seine Meinung sagen, demonstrieren und sonst aktiv werden. Das schließt sich nicht aus, das ergänzt sich.
kurpi 31.03.2019
4. Revolution
Allein das Wort auszusprechen/ zu schreiben, ist in Deutschland, als wenn man in der Wall Street ruft: Moral'! Wenn keine echten Revolutionen kommen, mit all dem was dazu gehört, dann wird das Netz der Politik und des [...]
Allein das Wort auszusprechen/ zu schreiben, ist in Deutschland, als wenn man in der Wall Street ruft: Moral'! Wenn keine echten Revolutionen kommen, mit all dem was dazu gehört, dann wird das Netz der Politik und des Kapitalismus irgendwann jede Form des Ungehorsams ,schon bevor es entsteht, ersticken. Der Preis ist nur leider viel zu hoch, schon das wählen gehen, ist ja vielen der selbstbefriedigenden Dauerkonsumenten, einfach zu anstrengend. Und nein ich bin kein Kommunist.
Regenfreund 31.03.2019
5. Solche Zeiten
muss man leider durchstehen. Aber: Proteste und Aktionen sind goldrichtig. Man macht sichtbar, nicht einverstanden zu sein. Mehr kann man im Moment auch nicht machen oder verlangen. Denn vieles, was in den 80er Jahren hierzulande [...]
muss man leider durchstehen. Aber: Proteste und Aktionen sind goldrichtig. Man macht sichtbar, nicht einverstanden zu sein. Mehr kann man im Moment auch nicht machen oder verlangen. Denn vieles, was in den 80er Jahren hierzulande arrogantest belächelt und bespöttelt wurde (Anti-AKW-Bewegung, "Müslifresser", also gesund ernähren, Winke-winke zur Wehrpflicht, Naturschutz u. ä.) ist heute unbestrittener Konsens. Ich bin jetzt ein halbes Jahrhundert alt und habe ein paar US-Präsidentschaftsidioten, Rassistenparteien etc. kommen und gehen sehen. Und glauben Sie mir GrünesZebra, die meisten Leute waren und sind ok und werden es auch bleiben. Schlechte Menschen dürfen nur nie Macht oder Waffen in die Hand bekommen. Andererseits ist es zwar stellenweise grausam, wenn das doch passiert. Hat aber sein Gutes: Erstens kann jeder sehen, was passiert, wenn's soweit kommt. Zweitens - wichtigste Erkenntnis - gewinnen die Dummköpfe nicht, weil deren Schlachtvieh sie wählen geht, sondern weil die Vernünftigen es NICHT tun (jüngstes Beispiel Trumpling Donald, der nie eine echte zahlenmäßige Mehrheit in den USA hatte und hat). Die Gefahr liegt in der Unterlassung und darin, sich einreden zu lassen, schwach zu sein obwohl man dreimal so stark ist wie die anderen. Also Kopf hoch und schönen Sonntag noch.
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