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Kultur

Egoismus und Weihnachten

Die Liebe ist eine Erfindung des Kapitalismus, um Zeug zu verkaufen

Bloß nicht anstecken lassen von der Armut! Auch wenn die Menschen zu Weihnachten für ein paar Sekunden mal an andere denken - ihren Egoismus kriegen sie dauerhaft nicht überwunden.

NEIL HALL/EPA-EFE/REX
Eine Kolumne von
Samstag, 22.12.2018   15:26 Uhr
Goldman Sachs asks in biotech research report: 'Is curing patients a sustainable business model?'

Oder

Frohes Fest

In der Weihnachtszeit steigt der Wunsch nach Güte oft ins Uferlose. Millionäre verteilen Gänsebraten an Obdachlose. Menschen gehen in die Kirche und spenden fünf Euro für hungernde Kinder.

Einmal im Jahr glänzen sogenannte glänzende Kinderaugen, oder sie lachen, oder egal, dann ist die Sache gelaufen und die meisten Menschen kehren zu ihrer Werkeinstellung zurück. Egoismus.

Die Evolution. Muss ja. Fast jede von uns weiß, dass sie das Zentrum des Universums ist. Fast jede weiß, dass sie zu kurz kommt. Und erstaunlicherweise zieht sich die Gewissheit durch alle Einkommensschichten. Menschen über 1 Mio. Einkommen, Grenze nach oben offen, fühlen sich vom Staat betrogen, sie sind sich sicher, dass sie den Menschen genug zurückgeben, mit eventuellen Arbeitsplätzen und großzügigen Spenden an Schulen oder was auch immer. Sehr reiche Menschen gehen davon aus, dass jeder ein sehr reicher Mensch sein kann, wenn sie sich ein wenig anstrengt.

Sehr reiche Länder verhalten sich ähnlich. In der Schweiz kämpfen vornehmlich wohlhabende konservative Politikerinnen, die die Regierungsmehrheit haben, vehement für eine stufenweise Abschaffung der Sozialhilfe.

Das heißt eigentlich - sie wollen Menschen, die kein Bruttosozialprodukt schaffen, weghaben. Vergessend, dass in der Schweiz vor nicht allzu langer Zeit, viele der ärmsten Gebiete Europas zu finden waren. Menschen, die nach Amerika auswanderten, um nicht zu verhungern, ihre Kinder als Schornsteinreiniger verkauften, bis das Land entdeckte, dass sich mit dreckigem Geld aus aller Welt viel Geld machen ließ. Nur ein Beispiel.

Die verschwindende, abgehängte Mittelschicht demonstriert in vielen Ländern, mit oder ohne Westen gegen oder für Despoten, gegen miese Infrastruktur und gegen die Ungerechtigkeit im Allgemeinen. Im Vergleich zu den Leuten in Bangladesch oder Rumänien, die meist die Kleider der demonstrierenden Mitteleuropäer hergestellt haben, scheinen sie allerdings unermesslich reich. Ja, und? So ist das eben in der Welt.

Ignoranz und Verachtung

Man muss Glück haben mit seiner Geburt, Ort und Eltern müssen stimmen, das war schon immer so.

Die wenigsten lassen den Gedanken zu einem Gefühl werden, dass sich ihr Leben plötzlich ändern kann. Durch eine erneute Finanzkrise, einen Unfall, den Verlust des Jobs, einen Krieg - egal, daran denkt keine, aber Angst haben fast alle, vor dem Abstieg in eine Gruppe, der sie sich überlegen fühlen. Und die sie darum mit Ignoranz und Verachtung bestrafen. Sich nur nicht anstecken an der Armut, was auch immer das für jede meint.

Es hat sich im Denken der Mehrheit seit Feudalzeiten nicht viel verändert. Jede hat ihren Platz in der Gesellschaftsordnung, jede will mehr, nach oben, noch weiter, und um das zu erreichen, darf man nicht nach unten schauen, nicht zurückschauen, nicht denken. Die Unfähigkeit der meisten, Leute, die einem nicht in Einkommen und Gestalt ähneln, als Verwandte wahrzunehmen, ist der Hauptmotor des Kapitalismus, ist der Grund, warum das Leben aller immer anstrengender und kälter wird.

Aber mit Online-Shopping. Hurra. Weihnachten, das Fest der Liebe. Aber. Wir lieben einander nicht. Die Liebe ist eine Erfindung des Kapitalismus, um Zeug zu verkaufen.

Ein alter Satz ist fast aller Motto - Jeder stirbt für sich alleine - Und damit: ein schönes Fest.

insgesamt 140 Beiträge
Lykanthrop_ 22.12.2018
1.
Hat der Mensch ein freien Willen ? Ich denke ja, auch wenn viele sich ihm nicht bewusst sind. Die selbstverschuldete Unmündigkeit, diese hat sich seit der Aufklärung nur graduell verringert, nur heute kann sich jeder [...]
Hat der Mensch ein freien Willen ? Ich denke ja, auch wenn viele sich ihm nicht bewusst sind. Die selbstverschuldete Unmündigkeit, diese hat sich seit der Aufklärung nur graduell verringert, nur heute kann sich jeder potentiell selbst ermächtigen. Es ist die Verpflichtung des verfügbaren Wissens. Wenn wir ein freien Willen haben tragen wir für die Folgen des eigenen Handelns Verantwortung, als Individuum und Gesellschaft. Beides geht in Gerechtigkeit, Solidarität und Umweltbewusstsein auf. Die Verantwortung nimmt natürlich mit dem möglichen Einfluss auf den anderen zu. Deswegen tragen wir für die Mitglieder unserer demokratischen Gemeinschaft und Umwelt etwas mehr Verantwortung als jemand anderes. Positiv -wie negativ. Dies vernachlässigt Frau Berg. Die Alleinschuldfrage ist heute wieder in Mode gekommen, bei den Rechts-Populistinnen ebenso wie bei den Feministinnen. Dabei ist die Wahrheit oft ein Verhältnis von verschiedenen Einflüssen. Die Kolumne verströmt erneut den Geist des resignativen Pessimismus, werden Sie wieder fluider Frau Berg.
diorder 22.12.2018
2. Gute Analyse des verinnerlichten Kapitalismus
DIE LIEBE IST LANGMÜTIG UND FREUNDLICH ,...SIE SUCHT NICHT DAS IHRE , SIE RECHNET DAS BÖSE NICHT ZU. Sie ist ein Geschenk, ohne die menschliches Zusammenleben das ganze Jahr über nicht lebenswert ist. Zum Glück. Und dies, [...]
DIE LIEBE IST LANGMÜTIG UND FREUNDLICH ,...SIE SUCHT NICHT DAS IHRE , SIE RECHNET DAS BÖSE NICHT ZU. Sie ist ein Geschenk, ohne die menschliches Zusammenleben das ganze Jahr über nicht lebenswert ist. Zum Glück. Und dies, weil sie wechselseitig ein Geben und Nehmen ist, ohne Berechnung und manmal sogar ungleichgewichtig. Die kommerzielle Ausnutzung der Liebe ist parasitäre Perversion. Und dennoch : Mißbrauch schließt den Nutzen nicht aus. So manches auch kostspielige Geschenk ist von Liebe getragen und wird auch dankbar als liebevoll geschätzt. Übrigens : Der entwickelte Kapitalismus ist ohne Sozialsysteme nicht lebensfähig. Die Rentner, die mehrheitlich ihre Rente voll konsumieren machen mit zunehmender Überalterung ein wachsendes Nachfragepotential aus. In der Schweiz macht ihr Konsum 25 Prozent der Konsumausgaben aus. Teile der Finanzwirtschaft wollen zwar allein mit kurzfristigen Investitionen ohne Rücksicht auf den Absatz abzocken, aber wie bei der Liebe zahlt sich das nicht langfristig aus, wie die Riesen-Pleiten auf Kosten der Allgemeinheit leider zeigen.
dasfred 22.12.2018
3. Armut nicht so schlimm für die Armen
Arme sind die Armut gewohnt. Wenn wir plötzlich verarmen, dann ist es eine Katastrophe. Zitat aus dem Film Maurice von James Ivory. Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Er beschreibt unsere heutige Gesellschaft aus der [...]
Arme sind die Armut gewohnt. Wenn wir plötzlich verarmen, dann ist es eine Katastrophe. Zitat aus dem Film Maurice von James Ivory. Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Er beschreibt unsere heutige Gesellschaft aus der Perspektive einer spät Viktorianischen Landadeligen. Nichts hat sich seit dem geändert. Die Armen werden hingenommen, solange nicht der eigene Abstieg droht. Und mit Geschenken können wir beweisen, dass wir es uns leisten können, großzügig zu sein. Wir schenken nicht, weil wir lieben, wir schenken, weil wir nicht zu den Abgehängten gehören wollen. Oder wir lassen es einfach. Vielleicht kümmern wir uns mal um einander. Im Alter ist Aufmerksamkeit mehr wert als jeder materielle Tand.
Lykanthrop_ 22.12.2018
4.
Liebe ist leider ebenso nur ein Teil von uns wie die Habgier. Liebe ist super, Liebe vor, allerdings allein auf Basis der Liebe werden Sie keine Gesellschaft organisieren können. Am Ende fragt sich ein jeder auch- was hab [...]
Zitat von diorderDIE LIEBE IST LANGMÜTIG UND FREUNDLICH ,...SIE SUCHT NICHT DAS IHRE , SIE RECHNET DAS BÖSE NICHT ZU. Sie ist ein Geschenk, ohne die menschliches Zusammenleben das ganze Jahr über nicht lebenswert ist. Zum Glück. Und dies, weil sie wechselseitig ein Geben und Nehmen ist, ohne Berechnung und manmal sogar ungleichgewichtig. Die kommerzielle Ausnutzung der Liebe ist parasitäre Perversion. Und dennoch : Mißbrauch schließt den Nutzen nicht aus. So manches auch kostspielige Geschenk ist von Liebe getragen und wird auch dankbar als liebevoll geschätzt. Übrigens : Der entwickelte Kapitalismus ist ohne Sozialsysteme nicht lebensfähig. Die Rentner, die mehrheitlich ihre Rente voll konsumieren machen mit zunehmender Überalterung ein wachsendes Nachfragepotential aus. In der Schweiz macht ihr Konsum 25 Prozent der Konsumausgaben aus. Teile der Finanzwirtschaft wollen zwar allein mit kurzfristigen Investitionen ohne Rücksicht auf den Absatz abzocken, aber wie bei der Liebe zahlt sich das nicht langfristig aus, wie die Riesen-Pleiten auf Kosten der Allgemeinheit leider zeigen.
Liebe ist leider ebenso nur ein Teil von uns wie die Habgier. Liebe ist super, Liebe vor, allerdings allein auf Basis der Liebe werden Sie keine Gesellschaft organisieren können. Am Ende fragt sich ein jeder auch- was hab ich davon. Wir sollten nur dazu übergehen den nichtmateriellen Gütern ein größeren Wert beizumessen.
takvor 22.12.2018
5. Gottes Liebe
Die zwei wichtigsten Thesen in der Bibel sind die Liebe zu dem Nächsten und die Gottes Liebe. Die Zweite ist die Wahre Liebe und wenn jemand SIE anstrebt, wird glücklich! Ein gesegnetes Weihnachtsfest am 6.1.2019.
Die zwei wichtigsten Thesen in der Bibel sind die Liebe zu dem Nächsten und die Gottes Liebe. Die Zweite ist die Wahre Liebe und wenn jemand SIE anstrebt, wird glücklich! Ein gesegnetes Weihnachtsfest am 6.1.2019.
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