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Kultur

Ehedrama mit Maren Eggert

Die Emanzipation - eine sentimentale Lüge

Die Regisseurin Jette Steckel zeigt im Deutschen Theater Berlin "Zeiten des Aufruhrs" nach dem Roman von Richard Yates - als Lektion über die ungebrochene Macht der Geschlechterrollen.

DPA
Von
Freitag, 01.03.2019   17:18 Uhr

Ist die Beziehung zwischen Mann und Frau heutzutage nur als Schmierentheater darstellbar? Am Anfang und kurz vor Schluss ihrer neuen Arbeit zeigt die Regisseurin Jette Steckel zwei Menschen am Frühstückstisch. Sie klauben Weißbrotscheiben aus dem Toaster, schmatzen Rührei und plaudern Nichtigkeiten über den Tagesplan des Mannes. In der ersten Szene hampeln und stolpern die beiden durch ihre Sätze, immer wieder muss ihnen von einer Souffleuse eingesagt werden - und bald wird klar, dass hier eine schauderhaft schlechte Laientruppe Theater auf dem Theater spielt. In der zweiten Frühstücksszene sprechen die Eheleute April und Frank Wheeler ihre Dialoge in perfekt eingeübtem Routinesingsang: Das Schundstück, das hier gegeben wird, ist ihr eigenes Leben.

"Zeiten des Aufruhrs" heißt der Roman des Schriftstellers Richard Yates über das Unglück eines all-amerikanischen Ehepaars, das im Jahr 1955 in einem idyllischen Vorort im Norden von New York haust. Die Wheelers haben zwei kleine Kinder, der Mann pendelt täglich für einen öden, aber einträglichen Bürojob in die Stadt, die Frau war mal auf der Schauspielschule und mischt nun bei einer Amateurbühne in der Vorstadtwüste mit. Eines Tages verkünden die beiden ihren Nachbarn, dass sie nach Paris umziehen wollen, um dem Konformismus zu entfliehen, doch der Plan scheitert, mit katastrophalen Folgen. Für den Schriftsteller Yates, der zeitlebens unterschätzt wurde, war das 1961 erschienene Buch ein Achtungserfolg; zum Bestseller wurde es erst, als Kate Winslet und Leonardo DiCaprio 2008 in der Verfilmung von "Zeiten des Aufruhrs" (im Original "Revolutionary Road") durch den Regisseur Sam Mendes das Ehepaar Wheeler darstellten.

Staksige Eleganz und ruhiger Ton

Im Deutschen Theater in Berlin verkörpert die Schauspielerin Maren Eggert die Rolle der April Wheeler, Alexander Khuon spielt ihren Gatten Frank. Im Programmheft schreibt die Soziologin Sarah Speck über die "unheilvolle Ordnung der Geschlechter" und die "brüchige Männlichkeitsinszenierung" in Yates' Roman und in der Welt der Gegenwart. Man muss Eggert und Khuon nur ein paar Sekunden zusehen, um zu begreifen, wie absolut richtig, ja unwiderlegbar diese Befunde an diesem Abend sind.

Die kühle, kluge Frau bewegt sich mit staksiger Eleganz und spricht in einer ruhigen, zunehmend resignierten Tonlage. Der Kerl ist ständig in zappeliger Bewegung, reißt sich bei der ersten Gelegenheit das Hemd vom muskulösen Oberkörper und schwadroniert in halbverdauten Sätzen vom Konformismus der kapitalistisch organisierten Gesellschaft. Er wütet gegen die "große sentimentale Lüge der Vorstadt". Er labert von der Bereitschaft, sich auf ein Leben im fernen Frankreich einzulassen, in dem die Frau das Geld verdient und er sich um die Kinder kümmert. Er beschwört unablässig den Willen, "nur nach vorne zu schauen".

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Fotostrecke: Abstand zum Beziehungsnahkampf

Der modische Schick dieses Geredes passt wunderbar zu den als Mobiliar in heutigen Stadtwohnungen sehr beliebten großen Leuchtbuchstaben, die der Bühnenbildner Florian Lösche auf der kahlgeräumten Spielfläche des Deutschen Theaters in immer neue Kombinationen um die Darsteller herum zusammenschieben lässt. Manchmal formieren sich die Buchstaben zu Worten, "Home Sweet Home", "Set" oder "Show", "He", She" und "Me", oft sind sie nur ein Labyrinth aus Lettern. Irgendwann spricht Maren Eggerts April nach einem Streit in der dritten Person über ihren Ehemann: "Es sind doch nur Worte. Aber für ihn bedeuten sie wirklich etwas."

Psychologischer Realismus

Ähnliches scheint für die Inszenierung der Regisseurin Steckel zu gelten. Wenn die bald ungewollt schwangere April ihr Kind abtreiben will und um Franks Zustimmung kämpft, wenn sie ihm vorhält, Männer wie er hingen immer noch dem Wahn an, dass Frauen, die keine Kindern wollten, nicht vollwertig seien, dann scheint die Inszenierung jeden Satz auszustellen, als gelte es, den Theaterzuschauerinnen und -zuschauern eine Lektion zu erteilen. Dabei haben längst alle begriffen, dass Khuons Frank, der nebenbei mit seiner jungen Kollegin Maureen (Maike Knirsch) ins Bett hüpft, ein Schwätzer ist. Dass der Mustergatte irgendwann vollends die Maske seiner vorgeblichen Aufgeklärtheit fallen lässt und herumschreit, seine Gattin solle wegen pathologischer emotionaler Verkümmerung zum Psychiater, wirkt wie ein schlapper Gruß aus der altmodischen Zimmerschlachtdramatik der Sorte "Wer hat Angst vor Virginia Woolf". Anders formuliert: Selten wurde in den vergangenen Jahren auf einer fortschrittlichen Bühne wie der des Deutschen Theaters so schamlos der alten Schule des psychologischen Realismus gehuldigt wie in vielen Szenen dieser "Zeiten des Aufruhrs"-Inszenierung.

Natürlich hat Steckel mit ihrer Botschaft Recht: Die Bewohner der spätkapitalistischen Welt mögen sich noch so viel darauf zugutehalten, dass Frauen seit Mitte der Fünfzigerjahre freier über ihr Leben und ihren Leib bestimmen können, von einer revolutionären Neuordnung der gesellschaftlichen Grundstrukturen kann keine Rede sein. Sie sind "immer noch sexistisch, homophob und misogyn sind" (so Laurie Penny im Programmheft).

Trotzdem gilt: Stark und berührend ist Jette Steckels Inszenierung immer dann, wenn sie Abstand zum Beziehungsnahkampf sucht. Dann sieht man April und Frank mit den nervigen Gute-Laune-Nachbarn (Kathleen Morgeneyer und Christoph Franken) auf einer vernebelten Tanzfläche mit langhaarigen Geistererscheinungen tanzen. Man staunt über den Schauspieler Ole Lagerpusch in der Rolle des angeblich psychisch kranken, mit Weisheit begabten Nachbarsohns John, der wie ein Heiliger auftritt. Oder man hört und schaut einem lässigen Musikertrio dabei zu, wie sie mit Trompete, Klavier und Bass vorzüglichen Barjazz spielen, während die Vorstadtbewohner an einer Kellertheke Cocktails schlürfen. "Wir wollen nicht, dass das Leben an uns vorbeirauscht", ist einer der emblematischen Sätze, mit denen April und Frank Wheeler einst ihren Plan rechtfertigten, auszubrechen aus dem Räderwerk ihrer Mittelmaßexistenz und nach Paris zu ziehen. An diesem Abend in Berlin rauschen ihre Leben nicht, sie plätschern in den Abgrund, sanft wie ein Jazzsong.


"Zeiten des Aufruhrs". Deutsches Theater Berlin. Nächste Vorstellungen am 6., 8. und 30.3.

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