Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Disney-Remake "Aladdin"

Dschinn-derassabumm!

Das Desaster schien programmiert: Will Smith als Dschinni in einem Live-Action-Remake des Disney-Klassikers "Aladdin" unter der Regie von Guy Ritchie? Hilfe! Aber rubbel' die Wunderlampe, es funktioniert.

Foto: Disney
Von
Donnerstag, 23.05.2019   15:54 Uhr

Als Will Smith vor einigen Monaten im Trailer zu "Aladdin" zum ersten Mal als Lampengeist Dschinni zu sehen war, gab es schockierte Reaktionen. "Ich werde nie wieder schlafen, und das ist Will Smiths Schuld", schrieb ein Twitter-User, der sich wohl schon von Albträumen heimgesucht sah ob dieses riesigen, blauen CGI-Dämons. Creepy much! "Aladdin" als Horror-Remake? Immerhin geht es um einen, hu-huuuh, Geist? Auch nicht schlecht. Aber nicht in der unschuldig reinen Märchenwelt von Disney.

Der Smith-Grusel deutete also früh auf ein totales Desaster hin. Überhaupt: Will Smith? Der in den vergangenen Jahren eigentlich alles dafür getan hatte, sich vom Comedy-Genie zum Gähn-Garanten zu wandeln ("Bright", "Concussion", "Focus"). Ausgerechnet diese Nervensäge sollte nun den geliebten Dschinni in der Live-Action-Version des noch viel mehr geliebten Disney-Animationsklassiker "Aladdin" verkörpern?

Und überhaupt: Waren nicht die bisherigen Versuche des Mega-Multikonzerns Disney, aus dem Erfolgsarchiv noch mal neues, jetzt starbesetztes Kapital zu schlagen, von eher bescheidenem Glanz gewesen? Wer "Die Schöne und das Biest", "Dschungelbuch" oder "Dumbo" in ihren Realverfilmungen gesehen hat, weiß, wie schwierig es trotz verblüffendster Trick- und CGI-Technik sein kann, Seele und Zauber der Zeichentrickfilme auf moderne Weise zu reproduzieren (demnächst folgen "König der Löwen" und "Mulan").

Und dann auch noch Guy Ritchie als Regisseur, der britische Berserker, von dem nach einem müden "King Arthur" und zwei miesen Sherlock-Holmes-Filmen wohl wirklich niemand mehr glaubt, er könne noch einmal so cool wie sein Debüt-Doppel "Bube, Dame, König, grAS" und "Snatch". Lange ist's her.

Fotostrecke

"Aladdin": Ein Dschinni als Date-Doktor

Über dieses abgehalftert wirkende Duo hinaus stand ein weiteres Desaster zu befürchten: Wie inszeniert man eigentlich einen auf 1001-Nacht-Märchen basierenden Hollywood-Mainstream-Film mit ausschließlich arabischen Charakteren inmitten aktueller Debatten über kulturelle Aneignung und identitätspolitische Sensibilitäten von Persons of color?

Im animierten Original von 1992 waren alle Sprecher weiß (u.a. Robin Williams als Dschinni), was vor knapp 30 Jahren vielleicht gerade noch so weggelächelt werden konnte, heute ganz sicher nicht mehr. Wie vermeidet man kulturelle Klischees in einem bewusst mit Exotik spielenden Setting? Man stellt sich vor, wie die für dieses Harakiri-Unternehmen verantwortlichen Disney-Manager hektisch an einer Wunderlampe rubbelten, um sich beim allmächtigen Dschinni drei mal dasselbe zu wünschen: Bitte, bitte, lass uns das nicht versauen!

Nun, offenbar wurden sie erhört.

Denn so überrascht man auch sein mag: "Aladdin" ist ein sympathischer, bisweilen sehr komischer Film geworden, der vor allem eines richtig macht: Statt den Plot auf Krampf zu modernisieren oder politisch zu problematisieren, konzentriert sich Guy Ritchie, der auch das Drehbuch schrieb, auf das Wesentliche: ein gutmütiges und zutiefst eskapistisches Singspiel zu inszenieren, das leichtherzig wirkt. Worum es geht, weiß jedes Kind: Armer junger Dieb, böser, machthungriger Wesir, magische Lampe, durchgeknallter Dschinn, schöne, einsame Prinzessin. Drei Wünsche, viel turbulente Verwirrung, Intrige, Romanze, Happy End.

Die Spektakel- und Actionsequenzen hat Ritchie routiniert im Griff. Der Film eröffnet mit einer wilden Hatz durch die Gassen und über die Dächer einer orientalischen Medina. Später, als Aladin vom Dschinn in Prinz Ali verwandelt wird, gibt es einen pompösen, perfekt choreographierten Gala-Aufmarsch mit Elefanten, Straußen und Spielmannszug. Einzig der erste große Auftritt des blauen Zauberzampanos in einer Höhle voller CGI-Lava gerät ein bisschen außer Kontrolle, und als Smith dann bei der Gesangsnummer "Friend Like Me" allzu zu sehr auf die Wicka-Wahwah-Tube drückt, um den schockierten Aladin von seinen Fähigkeiten zu beeindrucken, schüttelt sogar der fliegende Teppich den Kopf, äh, die Quaste.


"Aladdin"
USA 2019
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Guy Ritchie, John August
Cast: Mena Massoud, Naomi Scott, Will Smith, Marwan Kenzari, Nasim Pedrad
Produktion: Walt Disney Pictures ,Lin Pictures, Rideback u.a.
Verleih: Disney
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 23. Mai 2019


Aber so schlimm, dass man Albdruck davon kriegt, ist es dann doch nicht, zumal Smith sich im Folgenden sympathisch zurücknimmt und als Draufgänger-Dschinni mit großem Herz zu charmieren weiß. Seine irritierend blaue Hautfarbe, Hommage ans Original, lässt er mit einem Fingerschnippen schnell verschwinden. Etwas länger darf man darüber nachdenken, dass hier ein afroamerikanischer Darsteller einen Charakter spielt, der zwar über Superkräfte verfügt, aber unter der Versklavung durch den jeweiligen Lampeninhaber leidet.

Mehr Tiefgang hat "Aladdin" über die altbekannte "Innere Werte zählen mehr als Macht und Status"-Botschaft hinaus nicht zu bieten. Es geht vielmehr ums Abheben, um einen magic carpet ride mit möglichst viel Rührung und Rasanz. Der gelingt einerseits durch die unzerstörbaren Musical-Schlager von Alan Menken und Tim Rice, allen voran der Sehnsuchts-Schmachter "A Whole New World" des unglücklich verliebten Aladin (Mena Massoud). Prinzessin Jasmin (Naomi Scott) erhält in dieser Version mit "Speechless" sogar eine eigene, feministische behauchte Powerballade.

"Aladdin" - Trailer ansehen:

Die beiden jungen Darsteller, Massoud ist Kanadier mit ägyptischen Wurzeln, Scott eine Britin indischer Herkunft, können gut singen, wirken in den Spiel- und Dialogszenen manchmal aber etwas überfordert. Da dies aber eigentlich für den gesamten Film gilt, fällt das gar nicht weiter auf. Sondern addiert zu einer entwaffnenden Rumpeligkeit dieses "Aladdins", als verberge sich hinter jeden Szene ein erleichtertes "Hui, geschafft".

Ob dieser spürbaren Anstrengung entfaltet "Aladdin" letztlich nicht den ganz großen Zauber. Aber er bezaubert ein bisschen. Zum Beispiel durch einen fast durchweg nicht-weißen Cast, darunter ein intensiv spielender Marwan Kenzari als "Bösewesir" Dschafar und Nasim Pedrad als Jasmins neu dazu erfundene Zofe Darla. So viel nicht stereotype arabisch-indisch-nahöstliche Repräsentanz gab es in einem Mainstreamfilm, wenn überhaupt, seit "Slumdog Millionär" nicht mehr - vielleicht eine Lehre, die Disney auch aus dem Blockbuster-Erfolg von "Black Panther" gezogen hat.

Der einzige Weiße im Ensemble ist Billy Magnussen als skandinavischer Prinz Anders, der scharf auf Jasmin ist. Diese Witzfigur bleibt dann aber auch das einzige, was an "Aladdin" ziemlich creepy ist.

insgesamt 7 Beiträge
dosmundos 23.05.2019
1. Na, da schau her!
Da hatten schon alle die Messer gewetzt und sich die besten Wortspiele und populärkulturellen Vergleiche zurechtgelegt, um den Film kritikmäßig ordentlich zu versenken, und dann kommt dieser sogar einigermaßen ansehnlich [...]
Da hatten schon alle die Messer gewetzt und sich die besten Wortspiele und populärkulturellen Vergleiche zurechtgelegt, um den Film kritikmäßig ordentlich zu versenken, und dann kommt dieser sogar einigermaßen ansehnlich daher! Dann wollen wir uns mal disneymäßig unterhalten lassen ("eskapistisch" ist das Schlagwort). Wird die erste Realverfilmung eines Disney-Klassikers, die ich mir anschauen werde, und es ist, ich gebe es offen und ehrlich zu, Will Smith, der mich da ins Kino lockt. Umso schöner, zu erfahren, dass er sich doch nicht so blamiert, wie das die Twitter-Sprücheklopfer-Gemeinde vorausgesagt hatte.
oli1893 23.05.2019
2. Casting
Es war sicher nicht einfach für die Casting-Agenturen, wo doch in den letzten knapp 20 Jahren arabisch aussehende Schauspieler in Hollywood hauptsächlich Terroristen oder FBI/CIA-Informanten gespielt haben. Schön, dass es [...]
Es war sicher nicht einfach für die Casting-Agenturen, wo doch in den letzten knapp 20 Jahren arabisch aussehende Schauspieler in Hollywood hauptsächlich Terroristen oder FBI/CIA-Informanten gespielt haben. Schön, dass es diesen Film nun gibt. Viele Mitbürger dürften nicht wissen (oder ignorieren), dass es eine spannende und vielfältig bunte arabische (Märchen-)Kultur gibt, mit sehr liebenswerten Charakteren.
EvaOnkels 23.05.2019
3.
Klingt ja gar nicht so schlecht. Einzig bei der Abkanzlung der beiden Holmes-Filme würde ich, vor allem den ersten betreffend, nicht mitgehen. Der Regisseur hat sich hier auf einen anderen Aspekt des [...]
Klingt ja gar nicht so schlecht. Einzig bei der Abkanzlung der beiden Holmes-Filme würde ich, vor allem den ersten betreffend, nicht mitgehen. Der Regisseur hat sich hier auf einen anderen Aspekt des "Holmes"-Charakter gestürzt, den es in den Büchern durchaus gibt und das hat der Figur gut getan. Sage ich als langjähriger Fan der Bücher!
hoi2 23.05.2019
4. Zwei miese Sherlock Holmes Filme??
Geschmack ist unterschiedlich, aber die Filme als mies zu bezeichnen, scheint mir äusserst abwegig. Weiss nicht, was der Autor als Massstab für sein Urteil heranzieht. Leider werde ich in seinen relativ wenigen [...]
Geschmack ist unterschiedlich, aber die Filme als mies zu bezeichnen, scheint mir äusserst abwegig. Weiss nicht, was der Autor als Massstab für sein Urteil heranzieht. Leider werde ich in seinen relativ wenigen Spiegel-Beiträgen nicht fündig. Finde die beiden Filme z. B. jedenfalls wesentlich gelungener als die letzten paar Sherlock-Staffeln.
odenkirchener 23.05.2019
5. Geschichte
Wer allerdings die eigentliche Entstehungsgeschichte von "1001 Nacht", der weiß, das Aladin Chinese sein müsste. Überhaupt, authentisch ist an der ganze Sache gar niGS. . .
Wer allerdings die eigentliche Entstehungsgeschichte von "1001 Nacht", der weiß, das Aladin Chinese sein müsste. Überhaupt, authentisch ist an der ganze Sache gar niGS. . .
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP