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Kultur

"All My Loving"-Regisseur Edward Berger

Hollywood hat angerufen, aber...

Edward Berger ist mit der britischen Serie "Patrick Melrose" bekannt geworden. Sein neuer Film "All My Loving" ist trotzdem sehr deutsch. Porträt eines Künstlers, dessen Karriere gerade durch die Decke geht.

Getty Images
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Mittwoch, 22.05.2019   21:18 Uhr

So klingt die Frage aller Fragen, die man einem Filmregisseur aus Deutschland stellen kann, zumindest nach Ansicht vieler Menschen: Na, hat Hollywood schon angerufen? Als sei die Möglichkeit, "nach Hollywood zu gehen", wie man dann so sagt, der ultimative Erfolgsbeweis für die künstlerische Arbeit. Edward Berger muss man das nicht fragen. Bei ihm hat Hollywood angerufen, mehrfach. Zwei Filme plant er gerade in den USA, einen mit Jake Gyllenhaal und einen mit Leonardo DiCaprio als Produzent.

Dann also anders: Wie fühlt sich das an, wenn die eigene Karriere gerade durch die Decke geht, Herr Berger? Edward Berger, 49 Jahre alt, in Deutschland 2014 bekannt geworden mit dem Drama "Jack", mittlerweile durch seine Arbeit an den Serien "The Terror" und "Patrick Melrose" international eine Marke, schnauft tief durch und zieht die Augenbrauen hoch. Euphorisch sieht das erstmal nicht aus. "Ist natürlich schön", sagt er. Und schränkt dann schnell ein: Man müsse realistisch bleiben. Da müsse viel zusammenkommen, damit die Projekte etwas werden. Er sei da noch vorsichtig.

Ist ja auch verständlich, dass Berger sich noch nicht aus dem Fenster lehnen will, solange seine Projekte nicht sicher durchgeplant sind. Aber auch abseits der branchenüblichen Zurückhaltung wirkt er nicht wie jemand, für den der Anruf aus Hollywood die Erfüllung eines Traums bedeutet. Schließlich sitzt er ja auch in Berlin und gibt Interviews, um die Werbetrommel für seinen neuen Film zu rühren, ein Film, der trotz seines englischen Titels sehr deutsch ist: Mit dem Familiendrama "All My Loving", in dem Lars Eidinger, Hans Löw und Bergers Ehefrau Nele Müller-Stöfen Geschwister spielen, spürt er intensiv Menschen jenseits der 40 nach, die sich festgefahren haben in ihrem Leben, denen es an finanzieller Sicherheit nicht fehlt und die dennoch unglücklich sind.


"All My Loving" - Kurzkritik

Pilot Stefan leidet an einem Tinitus und darf nicht mehr fliegen; Julia hat einen Hundefimmel und ist in ihrer Beziehung mit Christian sehr einsam; und Tobias ist Vater, Hausmann und Student. Jetzt soll er sich auch noch um die alternden Eltern kümmern.

Die Geschichte der Geschwister dreht sich um die ganz großen Dinge, um Liebe, Tod und Geburt, aber Berger erzählt das alles mit großartiger Beiläufigkeit. Er seziert drei Leben in einer Wohlstandsgesellschaft, in der doch alle Mangel leiden. Bemerkenswert, wie hier gesprochen und doch nicht kommuniziert wird, wie jeder in seiner Echokammer eingeschlossen bleibt. Aber Berger belässt es nicht dabei.

Er schaut so lange und geduldig hin, bis sich etwas regt unter den Masken, bis der Schmerz sich Bahn bricht und Figuren mit einem Mal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Und dann wird so etwas wie Befreiung vielleicht doch noch möglich.


"All My Loving", so erzählt Berger, hat eine lange Entstehungsgeschichte, das Drehbuch begann er schon vor seinem Durchbruch mit "Jack". "Aber ich musste die Arbeit daran abbrechen, ich kam nicht weiter. Jetzt weiß ich, warum: Ich musste selbst in das Alter meiner Protagonisten kommen, um die Themen zu verstehen, um die es hier geht." Nämlich, so Berger, seine eigene Rolle im Leben zu finden - und das im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. "Es geht um den Punkt im Leben, an dem man feststellt: Wenn ich jetzt nichts ändere, dann bleibe ich stecken. In diese Phase musste ich kommen, ich musste selbst wohl merken: Jetzt wird es eng."

Dieser Punkt kam bei Berger im Jahr 2013. Damals hatte er einige Jahre lang Fernsehen gemacht, Krimi-Reihen wie "Tatort", "Schimanski" und "Bloch". Das war gut für ihn, er wollte sich ausprobieren und hatte, wie er selbst es formuliert, "seine Stimme noch nicht gefunden". Aber beim Fernsehen gelang es ihm zunehmend weniger, seine persönliche Note einzubringen: "Ich habe gemerkt, wie das Stück für Stück nivelliert wurde. Eine kleine Entscheidung im Schnitt, eine geänderte Drehbuchfassung: Irgendwann waren es zu viele Kompromisse." Berger entschied, die Reißleine zu ziehen und der Indie-Filmemacher zu werden, der er immer sein wollte.

Fotostrecke

"All My Loving": Jeder in seiner Echokammer

Das Ergebnis war "Jack", mit dem er 2014 den Deutschen Filmpreis in Silber gewann und der Produzenten aus den USA und Großbritannien auf ihn aufmerksam machte. Plötzlich ging alles ganz schnell: Berger inszenierte einige Folgen der von Ridley Scott produzierten historischen Horror-Serie "The Terror", die in Deutschland wenig beachtet, von der internationalen Kritik dafür umso hymnischer gefeiert wurde. Und gleich darauf in England den Fünfteiler "Patrick Melrose" mit Benedict Cumberbatch in der Rolle eines Mannes aus altem Adel, der mit Alkohol und Drogen die Dämonen seiner Kindheit in Schach zu halten versucht. "Patrick Melrose" trat einen Triumphzug an, jüngst gekrönt mit vier britischen Fernsehpreisen.

"Mich zieht es nicht unbedingt nach Hollywood"

Jetzt also Hollywood. Fest steht, dass Berger mit Benedict Cumberbatch und Jake Gyllenhaal den Thriller "Rio" drehen wird. Noch in der Planungsphase befindet sich ein Film über den VW-Abgasskandal, für den Leonardo DiCaprios Produktionsfirma den in Wolfsburg geborenen Berger als Regisseur vorsieht. Ziemlich atemberaubend für jemanden, der vor Kurzem noch für ARD und ZDF gedreht hat. Sieht so aus, als wisse er ganz genau, was er tut.

Dabei, so Berger, habe er sich in Wahrheit für den unsicheren Weg entschieden: "Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie ich 'The Terror' machen sollte. Das war auch bei 'Jack' und 'All My Loving' so. Ich muss immer das Gefühl haben, ich könnte den Film komplett gegen die Wand fahren." Darum auch sein Zögern, wenn es um den nächsten Schritt geht. "Rio" zum Beispiel hat grünes Licht: Die beiden Stars haben zugesagt, und das Geld für die Produktion steht bereit. Aber Berger hat das Gefühl, dass er selbst noch nicht so weit ist: "Im Grunde bin ich die Bremse. Wenn wir den Film jetzt drehen, dann wird er nicht so, dass er bleibt. Ich will aber auch stolz darauf sein können." Den Drehstart hat er auf den nächsten Frühling terminiert.

Im Video: Der Trailer zum Film "All My Loving"

Foto: Port au Prince Pictures

Wird er dann auf absehbare Zeit in den USA drehen? "Nein, mich zieht es nicht unbedingt nach Hollywood. Ich empfinde die Möglichkeiten dort als befreiend, weil sich die Menschen so sehr für Filme interessieren, viel mehr als hier." Trotzdem könne er sich schwer vorstellen, ein Drehbuch zu schreiben, das in Nevada spielt: "Weil das nichts mit mir zu tun hat. In naher Zukunft wird alles, was ich zu Papier bringe, hier spielen." Zwei neue Projekte plant er bereits. In Europa.

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