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Kultur

Zum Tode von Bruno Ganz

Ein göttlicher Komödiant

In Theater und Kino war Bruno Ganz ein Einzelgänger. Sanftheit, ein bei allem Lächeln todesdunkler Ernst und der Mut zur Radikalität zeichneten den tiefgründigen Schauspieler aus.

Foto: DPA
Ein Nachruf von
Samstag, 16.02.2019   16:50 Uhr

Seine letzte wichtige Rolle spielte er in einem ausgesucht schrecklichen Film. In Lars von Triers "The House That Jack Built" war Bruno Ganz der stets mit gemächlicher, elegant beschwingter Stimme sprechende Beichtvater des Serienmörders Jack (Matt Dillon).

Ganz trat als rätselhafter Mann namens Verge an, der in einem heruntergekommenen amerikanischen Fabrikgebäude auf den irren Sünder Jack wartet, um ihn in die Hölle zu geleiten. Je blutiger, sadistischer, hassgetriebener die Taten sind, die sein Schützling gesteht, desto ruhiger wird Verge. Einmal sagt der Alte: "Bilde dir nicht ein, mir irgendetwas Neues zu erzählen."

Und genau da ist sie, die sensationelle, lässige Abgeklärtheit, gepaart mit Todesernst und der Bereitschaft zur künstlerischen Radikalität. Eine Kombination die den Schweizer Schauspieler Bruno Ganz zu einer herausragenden Erscheinung der Film- und Theaterwelt machte.

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Bruno Ganz' Tod: Im Himmel über Zürich

Diese drei hinreißenden Bruno-Ganz-Leinwandauftritte in weit voneinander entfernten, grundverschiedenen Kinogalaxien, vermitteln eine Ahnung von der Risikolust, die den Schauspieler Ganz auszeichnete.

Im Theater wurde er schon in den frühen Jahren seiner Karriere - und vielleicht in noch strahlenderer, jugendfrischerer Manier - als großartige Sonderbegabung anerkannt. Ein von Kritik und Publikum bejubelter Superstar.

1966 spielte er am bald legendären Bremer Theater in Peter Zadeks "Räubern" den krüppeligen, zornigen und rebellischen Franz Moor. 1972 war er in Peters Steins "Kleists Traum vom Prinzen Homburg" an der Berliner Schaubühne der traumwandelnde Prinz von Homburg, 1996 in Botho Strauß´ "Ithaka", uraufgeführt von Dieter Dorn in den Münchner Kammerspielen, ein hochkonzentrierter, dunkel brodelnder Odysseus.

Aufgewachsen ist Bruno Ganz in Zürich, im Stadtteil Seebach. Sein Vater war Schweizer und Fabrikarbeiter, die Mutter Italienerin. Nach dem Abitur lernte er seinen Beruf an einer Schauspielschule in Zürich, trat in ersten Filmrollen auf und bekam am Jungen Theater in Göttingen sein erstes Engagement. Schon bald, als Schauspieler in Hübners Bremer Ensemble und an der von Peter Stein dominierten Berliner Schaubühne, galt er als künstlerisch und politisch entschieden engagierte Führungskraft, als eigensinniger und eigenwilliger Konterpart eines jeden Regisseurs.

"Ich muss gestehen, dass ich mich nicht für doof halte" , sagte er einmal in einem SPIEGEL-Gespräch . Er sei sich sicher, "dass meine Innerlichkeit und meine Grübelei mir dazu verhelfen, in die Sachen einigermaßen genau einzudringen" .

Man muss nicht verschweigen, wie groß die erotische Faszination war, die der Kopfschauspieler Bruno Ganz auf Frauen und Männer ausübte. Einen schönen Eindruck davon bekommt man in Eric Rohmers Filmversion von Kleists "Die Marquise von O." aus dem Jahr 1976 und in Wim Wenders frühen Meisterwerk "Der amerikanische Freund" von 1977.

Bis er Mitte 30 war, zierte sich Ganz vor größeren Kinorollen und spielte lieber Theater. Der Dramatiker Botho Strauß pries ihn als "Protagonist im frühen Wortsinn", also als Mann des Voranschreitens, des unbedingten Fortschritts. Thomas Bernhard widmete ihm eines seiner Stücke, "Die Jagdgesellschaft". Mit Peter Handke pflegte Bruno Ganz über viele Jahre einen freundschaftlichen Umgang. Den berühmten, auf Lebenszeit verliehenen Iffland-Ring, der den Träger zum angeblich "bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters" kürt, erhielt er 1996.

Für das Theater war es ein Verlust, für die Filmwelt ein Glück, dass sich der Schauspieler Ganz mehr und mehr von der Bühnenarbeit abwandte. Nur selten war er noch im Theater zu sehen, etwa in seinen Arbeiten mit Klaus Michael Grüber (zum Beispiel in "Der gefesselte Prometheus" von 1986) und Peter Stein (in dessen 22-Stunden-"Faust I und II" von 2000).

Dafür lieferte er nun triumphale Auftritte vor der Kamera, als Patriarchen-Schwiegersohn in Bernhard Sinkels Fernseh-Monumentalwerk "Väter und Söhne" (1986) und als todkranker Dichter in Theo Angelopoulos "Die Ewigkeit und ein Tag" (1998), als melancholischer und liebesverwirrter Kellner in Silvio Soldinis Herzschmerzkomödie "Brot und Tulpen" (2000) und als herrlich grummeliger Alm-Öhi in Alain Gsponers "Heidi" (2015).

Reaktionen

Spätestens nach dem Massenerfolg von Soldinis Film und mit dem Rummel um den "Untergang" schien sich der früher allem Medienlärm aus dem Weg gehende Ganz mit seiner Popularität arrangiert zu haben. Ein paar Jahre lang, von 2010 bis 2013, leitete er sogar zusammen mit Iris Berben die Deutsche Filmakademie. Mit wenigen freundlichen Worten hielt er sich in diesem Amt das Betriebsgetöse vom Leibe.

Und doch konnte sein Furor zwischendurch immer wieder auflodern. "Ich bin total zerworfen mit dem Theater", verkündete er zum Beispiel in einer Attacke auf die von jüngeren Regisseurinnen und Regisseuren dominierte Praxis auf größeren Bühnen. Als der SPIEGEL ihm vorhielt, er habe sich vom Künstler-Demokraten zum Künstler-Aristokraten gewandelt, antwortete Ganz:

"Toll, ich bin sehr einverstanden mit diesem Satz. Ich bin heute, was Kunst betrifft, absolut gegen jede Demokratie. Total. Ich halte die Vorstellung, dass alle gleich gut in einer bestimmten Sache sind, für unwahr."

Mit seiner Art der Wahrheitssuche gelang Bruno Ganz eine Menge kluge, bewegende, manchmal auch herzzerreißende Kunst. In der späten Rolle des Verge, in Lars von Triers Film, sagt er über seinen Klienten Jack, der sei "der traurige Traum von etwas Großartigem". Über den Schauspieler Bruno Ganz lässt sich sagen: Er war der großartige Traum von etwas Traurigem - und wundersam Schönen.

insgesamt 18 Beiträge
klapyour 16.02.2019
1. Chapeau!
Ein ganz großer verläßt die Bühne. In diesem Sinne. Ruhe in Frieden.
Ein ganz großer verläßt die Bühne. In diesem Sinne. Ruhe in Frieden.
toninotorino 16.02.2019
2. RIP Bruno Ganz
Ich fand Bruno Ganz immer klasse! Aber, um es mal ganz deutlich und klipp und klar zu sagen: Sein Mitwirken im Film "Der Untergang", schlimm. Eine Klamotte von Film. Ich war abgeschockt. Bis heute frage ich mich, wie er [...]
Ich fand Bruno Ganz immer klasse! Aber, um es mal ganz deutlich und klipp und klar zu sagen: Sein Mitwirken im Film "Der Untergang", schlimm. Eine Klamotte von Film. Ich war abgeschockt. Bis heute frage ich mich, wie er sich für so einen Schrott hergeben konnte oder wer ihn da hineinüberredet hat. Ich könnte jetzt noch mit der Faust auf den Tisch hauen. Wenn ich sein Agent gewesen wäre hätte ich ihm damals gesagt: No. Tu es nicht!
Abahallo! 16.02.2019
3. ...
es gibt nicht viel hinzuzufügen: er war einfach ein ganz grosser Schauspieler. Immer ein Vergnügen, ihn zu sehen - und einmal am Tisch nebenan, im Tessin. Wollte ihn nicht belästigen und habe versucht, ihn nicht mehr zu [...]
es gibt nicht viel hinzuzufügen: er war einfach ein ganz grosser Schauspieler. Immer ein Vergnügen, ihn zu sehen - und einmal am Tisch nebenan, im Tessin. Wollte ihn nicht belästigen und habe versucht, ihn nicht mehr zu beachten als die andren Gäste. Dennoch nicht vergessen ... ein Vergnügen, wie gesagt. Nun ist er weg, Otto Sander schon länger .... turning over generation Stein.
tiger3 16.02.2019
4. Der Schweizer Bundespräsident Alain Berset?
Hallo Spon, es dürfte ihnen nicht bekannt sein das in dem Nachbarland Schweiz der Bundespresident Herr Ueli Maurer ist seit 2019, da jedes Jahr ein anderer Bundesrat zum Presidenten gewählt wird. zu ihrem Beitrag "Zum Tod [...]
Hallo Spon, es dürfte ihnen nicht bekannt sein das in dem Nachbarland Schweiz der Bundespresident Herr Ueli Maurer ist seit 2019, da jedes Jahr ein anderer Bundesrat zum Presidenten gewählt wird. zu ihrem Beitrag "Zum Tod von Bruno Ganz: Ein göttlicher Komödiant" Der Schweizer Bundespräsident Alain Berset erklärte, Bühne und Film verlören einen großen Schweizer Darsteller. "Selbst in den boshaften Rollen schimmert bei Bruno Ganz und seinen Charakteren immer Menschlichkeit durch. Das macht sein Wirken und Werk so bedeutsam, weil es differenziert und dadurch verstörend wirkt. Er spielte die Rolle nicht, er lebte sie", teilte Berset
sosume 16.02.2019
5. Hut ab vor dem Künstler
Ganz war ein besonderes Licht am Bühnenhimmel. Dass er Gert Voss als Iffland Ring Träger bestimmen wollte ehrt ihn besonders, schade, dass dessen Tod so Nebensache war, er hätte auch einen Abschied wie Ganz verdient gehabt.
Ganz war ein besonderes Licht am Bühnenhimmel. Dass er Gert Voss als Iffland Ring Träger bestimmen wollte ehrt ihn besonders, schade, dass dessen Tod so Nebensache war, er hätte auch einen Abschied wie Ganz verdient gehabt.

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