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Kultur

Cannes-Ausblick

Frisches Blut für Zombies

Quentin Tarantinos neuer Film um den Serienmörder Charles Manson ist der Hype von Cannes. Was sind die Favoriten - und welche Stars werden an der Croisette erwartet? Der Überblick.

AP

Zombies an der Croisette: Iggy Pop ist im Eröffnungsfilm "The Dead Don't Die" von Jim Jarmusch zu sehen

Aus Cannes berichtet
Dienstag, 14.05.2019   15:10 Uhr

3 x deutsche Beteiligung

Iris Productions; Les films Pelléas/ Festival de Cannes

von links: "A Hidden Life", "La Gomera", "Sibyl"

Keine deutschen Filmschaffenden im Rennen um die Goldene Palme? Das hat in diesem Jahr nicht viel zu heißen. Mit "A Hidden Life" ist ein deutschsprachiger Film im Wettbewerb, gedreht von Terrence Malick. Acht Jahre nach seinem Palmen-Triumph mit "Tree of Life" kehrt Malick mit der Geschichte des österreichischen Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter (gespielt von August Diehl), der im Zweiten Weltkrieg hingerichtet wurde, nach Cannes zurück. Zwei traurige Wiedersehen sind damit auch verbunden: Bruno Ganz und Michael Nyqvist sind hier in letzten Rollen zu sehen.

Komplizen Film, die Produktionsfirma von Janine Jackowski, Jonas Dornbach und Maren Ade, hat sich zum Stammgast in Cannes entwickelt. Nach "Toni Erdmann", "Western" und "In My Room" schicken sie nun "La Gomera" von Corneliu Porumboiu, dem großen Schelm des neuen rumänischen Kinos, in den Wettbewerb. Von den bisherigen Werken Porumboius zu schließen, dürfte die Gaunerkomödie über einen Mann, der auf der titelgebenden Insel die heimische Pfeifsprache lernt, mit der er einem Kumpel beim Gefängnisausbruch helfen will, zu den Filmen mit den überraschendsten Wendungen zählen.

Apropos "Toni Erdmann": Dessen Star Sandra Hüller lässt sich auch wieder in Cannes sehen - in einer Nebenrolle in Justine Triets "Sibyl" (Wettbewerb). Die Französin Triet hatte sich mit "Victoria - Männer und andere Missgeschicke" entgegen des dämlichen deutschen Titels als Regisseurin für kluge Beziehungskomödien empfohlen. In "Sibyl" lässt sie nun eine Psychotherapeutin (Virginie Efira), die einst literarische Ambitionen hatte, ihren alten Traum wieder aufgreifen. Hüller scheint der Dreh unter französischer Regie gefallen zu haben: Mit "Proxima" von Alice Winocour steht bereits ihre nächste Zusammenarbeit mit einer Regisseurin fest.


3 x französische Regisseurinnen

Arte France Cinéma/ Canal Plus internation; Lilies Films/ Hold-Up Films/ Festival de Cannes

Von links: "Atlantique", "Portrait de la jeune fille en feu", "Une fille facile"

Fast im Alleingang treibt Frankreich die immer noch nicht gloriose Frauenquote im Wettbewerb hoch. Drei von vier Regisseurinnen sind französisch. Obwohl Mati Diop die Debütantin unter ihnen ist, hat sie vorab die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Sie ist die erste schwarze Filmschaffende, die es in den Wettbewerb geschafft hat. Mindestens so neugierig wie ihre Biografie sollten aber ihre Arbeiten als Schauspielerin (u.a. mit Claire Denis) und Regisseurin von Kurzfilmen machen, die eine Neigung zum Experiment zeigen. Nach ihrem eigenen Kurzfilm "Atlantiques" hat Diop nun ihren gleichnamigen Langspielfilm im Senegal, der Heimat ihres Vaters, gedreht - und dort die Umstände einzufangen versucht, die Menschen zur Flucht nach Europa bewegen.

Obwohl sie nur das Drehbuch beigesteuert hatte, wurde Céline Sciamma 2016 bei der Premiere des Animationsfilms "Mein Leben als Zucchini" in Cannes mit "Cé-line! Cé-line!"-Sprechchören begrüßt. Wer ihre Filme kennt, kann das verstehen: Mit ihrer einzigartig empathischen Art, vom Erwachsenwerden zu erzählen, hat sich die 38-Jährige zu einer Marke entwickelt - und das sowohl als Regisseurin ("Mädchenbande") als auch als Drehbuchautorin ("Mit siebzehn"). Mit ihrem vierten Langspielfilm "Portrait de la jeune fille en feu" rückt sie erstmalig in den Wettbewerb vor und greift einen historischen Stoff auf: Zwischen einer Comtesse und der Malerin, der sie vor ihrer Hochzeit Porträt sitzt, entwickelt sich eine außergewöhnliche Beziehung.

Obwohl sie für ihre Filme schon mal Stars wie Natalie Portman und Lily Rose Depp gewinnt, kommt Rebecca Zlotowski der Status einer Außenseiterin im französischen Kino zu. Irgendetwas in ihrer ebenso sinnlichen wie distanzierten Inszenierungsweise scheint vielen gegen den Strich zu gehen. Nach ihrem sträflich verkannten Psychohistoriendrama "Planetarium" zeigt sie ihren neuen Film "Une fille facile" wieder fernab der sélection officielle in der Nebenreihe Quinzaine des réalisateurs - dabei spielt der Coming-of-Age-Film auch noch in Cannes.


3 x Horror

Festival de Cannes

von links: "The Dead Don't Die", "Zombi Child", "The Lighthouse"

Ausflüge ins Genre-Kino gehören im Oeuvre von Jim Jarmusch zu den schönsten Überraschungen. Schon in "Only Lovers Left Alive" versteckte sich hinter der Vampirliebesgeschichte eine wunderbare Reflexion über das Altern als Hipster. Von seiner Zombiekomödie "The Dead Don't Die", die das Festival am Dienstagabend eröffnet, sollte man deshalb außer einem irren Star-Aufgebot - u.a. spielen Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Selena Gomez und Iggy Pop mit - nichts als gesetzt erwarten. Ab dem 13. Juni ist der Film auch in den deutschen Kinos zu sehen.

Um Zombies oder zumindest einen Untoten dreht sich auch der neue Film von Bertrand Bonello. Seine letzte Arbeit, die streitbare Terrorismuserkundung "Nocturama", hatte ursprünglich im Wettbewerb laufen sollen, wurde dann aber wegen gefürchteter Korrespondenzen mit den Anschlägen von Paris und Nizza aus dem Programm gekegelt. Als Persona semi-non grata findet sich Bonello nun in der Quinzaine-Nebenreihe wieder. Seiner Provokationslust scheint das keinen Abbruch getan zu haben: Die Geschichte von seinem neuen Film "Zombi Child" über eine Gruppe von Schülerinnen, in der der Widergänger eines haitianischen Plantagenarbeiters Chaos stiftet, klingt ungehemmt wild.

Unter den meistbeachteten Horrorfilmen der vergangenen Jahre befanden sich außergewöhnlich viele Debütfilme, darunter "The Babadook" und "The Witch". Robert Eggers zeichnete sich für letzteren, einen herausragend sinnlichen Hexenfilm, verantwortlich. Nun kann er mit "The Lighthouse" (ebenfalls Quinzaine) unter Beweis stellen, dass er kein One-Hit-Wonder ist. Dabei unterstützen ihn Robert Pattinson, Willem Dafoe, ein Plot um seltsam aus der Zeit gefallene Leuchtturmwärter und der Dreh auf schwarz-weißem 35-Milimeter-Film, womit er zumindest Zelluloidfetischist Quentin Tarantino als Fan auf seiner Seite haben sollte, der mit seinem Charles-Manson-Film "Once Upon a Time in Hollywood" nach Cannes kommt.


3 x Wiederkehrende

3B Productions/ Festival de Cannes

Von links: "Too Old To Die Young", "Beanpole", "Jeanne"

Auch in diesem Jahr gibt es keine Filme von Netflix in Cannes zu sehen, dafür eine Serie von Amazon. Verstehen kann man das nur, wenn man weiß, dass das Festival ein der Mafia nicht unähnliches Verständnis von Loyalität pflegt. So ist der Beste-Regie-Gewinner von 2011, Nicolas Winding Refn ("Drive"), mit seiner LA-Noir-Serie "Too Old to Die Young" als Special Screening dabei, und weil alles schon in Schieflage ist, gibt es nicht die ersten Episoden des Zehnteilers zu sehen, sondern Parts 3 und 4.

Als der Russe Kantemir Balagov seinen fiebrigen Debütfilm "Tesnota" 2017 in Cannes zeigte, prophezeiten wir sehr zuversichtlich, dass er bald zu den mainstays des Festivals gehören werde, so beeindruckend war ihm eine Mischung aus Coming-of-Age-, Entführungsdrama und politischer Momentaufnahme gelungen. Zum Glück hat uns Balagov nicht beschämt: Mit "Beanpole", einem Drama um zwei Frauen, die in Leningrad kurz nach Ende der Besatzung ums Überleben kämpfen, ist er zurück in der Reihe Un Certain Regard.

In Bruno Dumonts einzigartigem Projekt, sein eigenes sozialrealistisches Filmoeuvre einfach nochmal als Farce zu drehen, hat sich ein Werk-Nebenstrang ergeben: Er verfilmt auch die französische Geschichte als Farce neu. Nach "Jeannette", dem Metal-Musical über die Kindheit von Jeanne d'Arc, nimmt er sich in "Jeanne" (Un Certain Regard) nun der Jugend der Nationalikone an. Headbanging vor dem Scheiterhaufen nicht ausgeschlossen!


3 x chinesisches Kino

Festival de Cannes; Kim Hee-Chul/ EPA/ DPA

Von links: "Nan Fang Che Zhan De Ju Hui", "Liu Yu Tian", Zhang Yimou

Bei der Berlinale 2014 stach Diao Yi'nan mit seinem Neo-Noir "Feuerwerk am helllichten Tag" sowohl "Boyhood" als auch "Grand Budapest Hotel" aus und nahm den Goldenen Bären nach Hause. Ebenfalls mit einem Genrefilm debütiert er nun im Wettbewerb von Cannes: In "Nan Fang Che Zhan De Ju Hui" ("Wild Goose Lake") lässt er ein junges Mädchen und einen Gangleader, beide auf der Flucht vor ihrem Schicksal, aufeinandertreffen.

Mit einem Thriller ist das chinesische Kino auch in der Nebenreihe Un Certain Regard vertreten. Schauspieler Zu Feng zeigt dort sein Regiedebüt "Liu Yu Tian" ("Summer of Changsha"), in dem ein Kommissar während der Arbeit an einem bizarren Mordfall eine Amour fou mit einer Chirurgin beginnt, die ihm eigentlich bei den Ermittlungen helfen soll. In der männlichen Hauptrolle: Der in China bereits mehrfach für sein Schauspiel ausgezeichnete Zu Feng selbst.

Bei aller Neugier auf chinesische Filme sollte einer nicht vergessen werden, der nicht gezeigt wird: "One Second", der neue Film von Zhang Yimou. Ursprünglich war das Meta-Drama um einen Filmdreh, bei dem auch die Kulturrevolution Thema ist, 2019 in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Wegen fehlender Freigaben durch die chinesischen Behörden, wurde der Film jedoch kurzfristig für Berlin gesperrt, was vielfach als Zensur gedeutet wurde. Mehr Zeit - für Nachbearbeitungen oder zusätzliche bürokratische Vorgänge - scheint keinen Unterschied gemacht zu haben: Dass "One Second" nun auch nicht in Cannes läuft, stimmt skeptisch, ob der Film jemals zu sehen sein wird.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung war unter "3 x Horror" fälschlicherweise ein Bild aus dem Film "The Lighthouse" des Regisseurs Chris Crow von 2016 zu sehen. Wir haben das Bild geändert.

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