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Kultur

Cannes-Eröffnung

Was Festival und Zombie-Film gemein haben

Mit Bill Murray und Adam Driver gegen die Untoten: "The Dead Don't Die" eröffnete die Filmfestspiele in Cannes. In der Zombie-Komödie erweitert Jim Jarmusch seinen Alte-Kumpels-Kosmos. Erneuert sich auch das Festival?

Universal Pictures

Adam Driver in "The Dead Don't Die"

Aus Cannes berichtet
Mittwoch, 15.05.2019   14:25 Uhr

Wenn man den Weltuntergang nicht mehr abwenden kann, ist es sehr naheliegend, sich für tröstende Worte an Bill Murray zu wenden. Doch auch der kann angesichts der Katastrophe, die zudem menschengemacht ist, nur mehr murmeln: "Ganz eventuell erwachen wir aus alldem wie aus einem schlechten Traum."

Eigentlich geht es in "The Dead Don't Die" - dem neuen Film von Jim Jarmusch - mit dem am Dienstagabend die Filmfestspiele von Cannes eröffnet wurden (deutscher Kinostart: 13. Juni), nicht um Klimawandel. Bill Murray spielt darin einen Polizisten im Nordosten der USA, dessen Heimatstadt Centerville von Zombies heimgesucht wird.

Doch diese Katastrophe ist eben auch menschengemacht. Eine besonders invasive Energiegewinnungstechnik namens Polar-Fracking hat die Achsen der Welt verschoben. Nun steht die Natur Kopf: Als Erstes verschwinden die Tiere, dann scheint es keine Sonnenuntergänge und damit auch kein Ende der Tage mehr zu geben.

Amerika soll wieder weiß bleiben

Wer dabei nicht ans millionenhafte Artensterben und den langen Sommer von 2018 denkt, der hält es mit dem Klimawandel womöglich wie etliche Bürger von Centerville mit dem Polar-Fracking: Nur weil sich alle Experten über dessen Schädlichkeit einig sind, lassen sie sich das noch lange nicht als Meinung aufzwingen. "Keep America White Again", steht auf der roten Schiebermütze eines besonders unerträglichen Bewohners der 723-Seelen-Stadt.

Es ist eine hübsche Überraschung, dass in die eklektisch-abgeriegelte Kinowelt von Jim Jarmusch auch ein wenig von unserer gemeinsam gelebten Welt passt. Mit "The Dead Don't Die" öffnet Jarmusch sich und seinen Alte-Kumpel-Kosmos (unter anderem spielen RZA, Iggy Pop und Tom Waits mit) bewusst. Und das passt wiederum wunderbar zu einem Festival, das sich ganz ähnlich öffnet. Seit einigen Jahren versucht auch Cannes, weg von einer Altmänner-Riege hin zu größerer Vielfalt und stärkerer politischer Resonanz zu kommen.

Eine erstmals veröffentlichte Übersicht zu den Geschlechterverhältnissen bei Einreichungen und Auswahl ist einer der vielen Schritte, die das Festival mittlerweile wagt. Ebenso eine Programmierung, in der die schwarze Debütantin Mati Diop mit einem im Senegal gedrehten Experimentalfilm über Fluchtursachen am selben Tag läuft wie der weiße Veteran Ken Loach mit einem englischen Sozialdrama über die Gig-Economy.

Die offensichtlichste Maßnahme zur Modernisierung des Festivals war in diesem Jahr aber, die Eröffnungszeremonie samt Film in über 600 Kinosäle in ganz Frankreich zu übertragen. Das lässt die Elite-Veranstaltung an der Croisette einerseits nahbarer erscheinen, andererseits unterstreicht es die Bedeutung des Kinoerlebnisses.

Seltsam? Nein, Schottin!

Jurypräsident Alejandro Iñarritú zeigte sich bei der Vorstellung seiner Jury am Dienstagmittag denn auch beeindruckt davon, wie sehr in Frankreich per Gesetz für den Erhalt der Kinos und ihres Geschäftsmodell gekämpft werde. Ein Seitenhieb gegen Netflix, klar - wobei Iñarritú aber mit gewohnt kerniger Emphase auch noch ein paar ermunternde Worte übrig hatte: Sie würden doch schon Filme finanzieren, die sonst nicht gemacht würden. Warum nicht den Filmschaffenden und dem Publikum noch die Seherfahrung im Kino schenken? Dann wären alle glücklich.

Vianney Le Caer/ AP

Regisseur Jim Jarmusch (3.v.links) mit seinen Darstellerinnen Chloë Sevigny (von rechts), Selena Gomez, Adam Driver, Luka Sabbat, Tilda Swinton, Sara Driver und Bill Murray

Wie glücklich man mit "The Dead Don't Die" werden kann, ist derweil eine andere Frage. Mit Cannes hat der Film nämlich auch noch gemein, dass er sich im Zweifelsfall lieber auf sein Staraufgebot verlässt, als seine soziopolitischen Ideen mit Konsequenz zu verfolgen. Nachdem die Parallelen zum Klimawandel ausformuliert sind, schenkt sich Jarmusch den Gesellschaftskommentar und puzzelt den Rest des Films einigermaßen denkfaul aus Genre-Zitat (sehr viel George Romero) und Eigen-Zitat zusammen.

Dazwischen gestreut ist Humor, der selbst nicht besonders lebendig erscheint. So spielt Tilda Swinton eine extravagante Leichenbestatterin namens Zelda Winston. "Die ist seltsam, oder?", sagt ein Centerville-Bewohner. "Nein, sie ist Schottin", sagt ein anderer.

Im Video: Der Trailer zu "The Dead Don't Die"

Ganz ohne Spaß ist das alles nicht. Besonders Adam Driver als Polizistenkollege von Bill Murray holt einiges an Witz aus dem an sich ambitionslosen Drehbuch heraus. "Ich glaube, das wird ein schlechtes Ende nehmen", sagt er ein ums andere Mal. Das kann man für Centerville und den Klimawandel so stehen lassen. Für den Cannes-Auftakt gilt: Hätte besser losgehen können. Eine Katastrophe war es aber auch nicht.

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