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Kultur

Cannes-Favoritin Maren Ade

"Im Drehbuch stand, das muss lustig sein"

Mit "Toni Erdmann" hat Maren Ade die Filmfestspiele in Cannes im Sturm erobert. Hier spricht die Berliner Regisseurin über das Klischee der kalten Geschäftsfrau und verrät, wie Komik entsteht.

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Szene aus "Toni Erdmann"

Ein Interview von , Cannes
Montag, 16.05.2016   16:23 Uhr

"La sensation allemande" nennt die französische Presse ihren Film: Mit "Toni Erdmann" ist der Berliner Regisseurin Maren Ade der Überraschungshit von Cannes gelungen. In der Tragikomödie besucht Vater Winfried (Peter Simonischek) seine Tochter Ines (Sandra Hüller) in Rumänien und ist von dem freudlosen Leben der Unternehmensberaterin so bestürzt, dass er ihr als sein Alter Ego Toni Erdmann einen zweiten Besuch abstattet - mit verblüffenden Folgen. (Lesen Sie hier die Filmkritik.)

Seit der ersten Pressevorführung am Freitagabend, bei der es mehrfachen Szenenapplaus gab, wird Maren Ade als Favoritin auf die Goldene Palme gehandelt. Beim Interview in Cannes in einem kleinen Hotel jenseits von Croisette und Einkaufsmeile Rue d'Antîbes bringt die Kellnerin Wasser und Honig, weil Ade gerade dabei ist, ihre Stimme zu verlieren.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Ade, "Toni Erdmann" ist der meist geliebte Film des Festivals. Wie haben Sie die Nachrichten erreicht, dass er so gut ankommt?

Ade: Ich wusste ganz genau, wann die Pressevorführung beginnt. Ich war zu der Zeit in dem Haus, das ich mit meiner Familie in Cannes gemietet habe, habe noch meine Kinder ins Bett gebracht und gegessen. Dann fing ich an zu sagen: Jetzt hat Toni seinen ersten Auftritt! Jetzt müsste das Singen gewesen sein (für das es den Szenenapplaus gab, Anm.d.Red.) - eben weil ich den Film auf die Minute genau kenne. Zum Ende hin lag ich auf dem Bett und wurde nervös, ob denn jetzt endlich mal jemand simst. Wenig später kamen dann die ersten SMS, dass der Film sehr gut ankam, und ich habe mich echt gefreut.

SPIEGEL ONLINE: Das Festival ist am Mittwoch gestartet, Sie saßen dem Vernehmen nach noch am Montag im Studio am Tonschnitt, stimmt das?

Ade: Ja, das war schon krass, so unvermittelt aus dem Studio ins Festival zu plumpsen. Ich habe am Montag noch einen halben Tag gemischt und am Dienstag die Mischung abgenommen. Am Mittwoch ist dann jemand mit der Kopie nach Cannes geflogen, weil das Festival langsam nervös wurde. Dabei sind die das eigentlich gewohnt: Ich habe darüber auch mit Festivalleiter Thierry Frémaux geredet. Der meinte, manche Filmemacher setzen sie immer ganz am Ende ins Programm, weil sie wissen, dass die immer noch etwas ändern, auch wenn das Festival schon fast begonnen hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist dann der Film für Sie fertig oder würden Sie mit mehr Zeit noch etwas ändern wollen?

Ade: Nein, der Film ist fertig. Was ich noch ändern würde, spielt sich höchstens im Rahmen von einem Dezibel ab, in dem ich ein paar Dialoge noch soundtechnisch gleichmäßiger machen würde.

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Szene aus "Toni Erdmann"

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist getragen von den darstellerischen Leistungen von Sandra Hüller und Peter Simonischek, die ohne einander nicht funktionieren würden. Warum heißt der Film trotzdem nur "Toni Erdmann"?

Ade: Ich sehe die Figuren auch als gleichwertig an, eigentlich übernimmt Sandra Hüllers Figur Ines später den Film und führt ihn zu Ende. Aber Toni Erdmann ist für mich nicht nur die Figur, sondern steht für eine Ausbruchsfantasie, die der Vater lebt. Wenn er als Toni Erdmann seinen ersten Auftritt hat, ist das der große Wendepunkt im Film. Der Vater versucht ja mit dieser Verwandlung, die Beziehung zu seiner Tochter neu aufzubauen, indem er ihr als Fremder begegnet. Gleichzeitig bietet die Figur dem Vater auch die Möglichkeit, seine Gedanken anders auszudrücken. "Toni Erdmann" ist deshalb eher eine Art Haltung.

SPIEGEL ONLINE: Manche Kritikerkollegen hatten Probleme mit der Darstellung von Unternehmensberaterin Ines, da sie nah am Klischee von der unterkühlten Geschäftsfrau dran ist, der man erst einmal das Leben zeigen muss. Warum haben Sie die Figur so angelegt?

Ade: Als Unternehmensberaterin gehört es dazu, eine Rolle zu spielen, man arbeitet mit einer Fassade, hat ein Arbeitsgesicht. Männer wie Frauen müssen in dem Job also ihre Gefühle kontrollieren, ich glaube nur, dass es Frauen stärker angekreidet wird, wenn sie sich so verstellen. Das Tolle an Sandra Hüller ist, dass es mit ihr nicht ins Klischee abrutscht, weil sie eine Durchlässigkeit der Fassade mitspielen kann. Der Vater hat übrigens auch den Reflex, in ihr die kalte Businessfrau zu sehen, indem er ihr Fragen stellt wie "Bist du denn glücklich?" Ich weiß nicht, ob er die einem Sohn gestellt hätte. Ines bleibt dann ja auch bei ihrer Entscheidung für dieses Leben. Ihr Vater mag Recht haben, dass der Job sie manchmal einsam macht. Aber sie beharrt darauf, dass sie es sich so ausgesucht hat und fordert von ihm, dass er das akzeptiert. Insofern kann ich mich auch in ihr wiederfinden.

SPIEGEL ONLINE: Die Schauspieler haben erzählt, dass Sie viele Szenen mehrfach gedreht haben mit unterschiedlichen Ansätzen und in anderen Stimmungslagen. War Ihnen während des Drehs noch nicht klar, wohin sich die Geschichte entwickeln soll?

Ade: Für mich ist Filmemachen ein Prozess, bei dem es von Anfang an darum geht, so viele Schichten wie möglich übereinander zu legen. Wenn ich mich mit den Schauspielern an eine Szene mache, weiß ich nicht, was die eine richtige Spielweise ist, deshalb probiere ich gern mehrere aus. Da geht es oft nur um Nuancen, aber die sind nachher in der Montage sehr wichtig, damit die Geschichte ihren idealen dramaturgischen Fluss hat. Bei "Toni Erdmann" ist der Subtext, der innere Konflikt, eigentlich die Haupthandlung, das muss dann sitzen, sonst fliegt man aus dem Film raus. Ich will am Ende einer Szene auch keine leichte Antwort geben, sonst müsste auch vorher schon alles klar sein. Aber das ist anstrengend für die Schauspieler, klar.

SPIEGEL ONLINE: Gab es eine Szene, die besonders schwierig zu drehen war?

Ade: Ja, wenn Toni das erste Mal auftaucht. Im Drehbuch stand dazu im Prinzip "Das muss lustig sein". Dann kommt man morgens ans Set und denkt: Argh, heute müssen wir lustig sein. Das ist dann schon mal ganz schlecht. Die Szene haben wir letztlich drei Tage lang gedreht, weil der Auftritt glaubwürdig und lustig zugleich sein sollte. Gleichzeitig muss hinter Toni immer auch noch Winfried durchscheinen: Peter Simonischek, der ein guter Schauspieler ist, muss jemanden spielen, der nicht gut spielen kann. Das ist wirklich vertrackt, da ist man schnell bei einer Komödie, die von außen gedacht ist. Dabei soll es ja der Vater sein, der was Lustiges macht, nicht ich, die Regisseurin.

SPIEGEL ONLINE: Führt diese Art des Probens und Neuansetzens dazu, dass Sie vor allem mit Schauspielern arbeiten, die hauptsächlich Theater spielen?

Ade: Ja, ich bin bei meinen letzten zwei Filmen immer bei Theaterschauspielern gelandet, weil die eine Offenheit gegenüber dem Prozess mitbringen und das ausführliche Proben kennen. Mit Birgit Minichmayer und Lars Eidinger (den Hauptdarstellern von "Alle anderen") habe ich vorab vier Wochen geprobt und einfach auch nur Zeit verbracht, damit wir angefüllt in den Dreh gehen konnten. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll, wenn man sich erst am ersten Drehtag kennenlernt. Die Schauspieler müssen ihre Figuren doch kennen und Verantwortung für sie übernehmen.

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