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Kultur

Chucky-Remake "Child's Play"

Neustart einer Mörderpuppe

Chucky erschreckte und unterhielt in den Achtzigern eine ganze Generation von Teenagern. Jetzt kommt die Horrorpuppe zurück auf die Leinwand - als digital vernetzte Siri-Version.

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Dienstag, 16.07.2019   16:30 Uhr

"Are we having fun?" So lautet eine Standardfrage des elektronischen Spielkameraden Chucky im Reboot von "Child's Play". Und ja: Tatsächlich macht diese Neuauflage des Achtziger-Horrors um die notorische Mörderpuppe weit mehr Spaß als erwartet. Regisseur Lars Klevburg und Autor Tyler Burton Smith erfinden zwar weder das Genre neu, noch denken sie reizvoll neue Ansätze der Erzählung konsequent zu Ende. Dennoch ist ihr Film nicht nur cleverer als es das Geschäft mit wiederbelebten Horror-Ikonen erfordert, er ist im Gegensatz zu lust- und planlosen Reboots wie "A Nightmare on Elm Street" (2010) auch erfreulich frei von Zynismus.

Für die Rückkehr zum Wesentlichen ignoriert der Film die zahlreichen früheren Fortsetzungen, in denen Chucky-Schöpfer Don Mancini ein zunehmend groteskes und selbstreflexives Puppentheater aufführte. So bekam der kleine Killer in späteren Sequels eine passende Braut in Frankensteinscher Tradition, zeugte Nachwuchs und kalauerte sich durch immer absurdere Plots. Das war in seiner campiness unterhaltsam, hatte aber so gar nichts mehr vom ursprünglichen Schrecken.

Den will der Reboot zurückbringen, und verzichtet dabei auf eine aktive Beteiligung Mancinis. Noch schwerer wiegt jedoch die Entscheidung, die Genese Chuckys gänzlich neu zu erzählen: Im Original von 1988 transferierte ein Serienkiller seine Seele mittels Voodoo-Budenzauber in die Puppe. Das neue Modell hingegen ist ein lernfähiger Roboter namens BUDDi, gefertigt in einem Ausbeuterbetrieb in Vietnam. Dort löscht im Prolog ein verzweifelter Fabrikarbeiter sämtliche Sicherheitsprotokolle von einer Festplatte und schickt damit einen enthemmten, aber noch nicht per se bösen Plastikbuben in die westliche Konsumsphäre.

In Chicago landet das defekte Produkt schließlich in den Händen der Verkäuferin und alleinerziehenden Mutter Karen Barclay (Aubrey Plaza). Karen schenkt die Puppe ihrem 13-jährigen Sohn Andy (Gabriel Bateman), der sich eigentlich zu alt für solchen Kinderkram wähnt. Zudem merkt Andy als Digital Native sogleich, dass der Smart-Kumpel mitnichten rundläuft.

Fotostrecke

Horrorfilm "Child's Play": Chucky ist wieder da!

Doch gerade die Fehlerhaftigkeit macht Chucky - so tauft sich die Puppe nach Aktivierung kurzerhand selbst - attraktiv für den Einzelgänger Andy. Denn anders als die biederen Standardausgaben lernt Chucky bereitwillig Schimpfworte, und ist auch sonst für allerhand Grenzüberschreitungen zu haben. Mit Chucky an der Seite findet der schüchterne Andy sogar Freunde, Falyn (Beatrice Kitsos) und Pugg (Ty Consiglio) sind zwei Teenager aus der Nachbarschaft.

Aus Dankbarkeit sieht Andy zunächst über Chuckys Hang zur Eifersucht und seinen stetig aggressiver formulierten Alleinanspruch auf Andys Zuneigung hinweg. Von überdeutlichen Warnzeichen wie den immer öfter ominös rot leuchtenden Augen der Puppe ganz zu schweigen. Doch dann wird Andy drastisch gegenwärtig, dass sein voll vernetzter Freund für seine sehr eigene Vorstellung vom gemeinsamen Glück über diverse Leichen geht.


"Child's Play"
Frankreich, Kanada, USA 2019
Regisseur: Lars Klevberg
Drehbuch: Tyler Burton Smith basierend auf Don Mancini
Darsteller: Aubrey Plaza, Mark Hamill, Brian Tyree Henry, Brian Tyree Henry, Tim Matheson, Gabriel Bateman
Produktion: Orion Pictures, Bron Creative, Creative Wealth Media Finance, KatzSmith Productions, Metro-Goldwyn-Mayer (MGM), Oddfellows Entertainment, TF1 Studio
Verleih: Capelight Pictures
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 90 Minuten
Start: 18. Juli 2019


Das Verhältnis zwischen Andy und Chucky modelliert "Child's Play" gekonnt als düstere Umkehrung der innigen Freundschaft zwischen Kind und Außerirdischem in "E.T.": Bei Spielberg stand die symbiotische Beziehung für harmonische, alle Unterschiede überwindende Herzensbildung, hier dagegen für Horror im Zeitalter von invasiven digitalen Gehilfen von Alexa bis Siri.

Auch wenn der Film letztlich nur punktuell jenes zivilisationskritische Potenzial ausschöpft, das in Chuckys Entwicklung vom neugierigen Roboterfreund zur blutrünstigen Killer-App steckt, so ist er doch im Ergebnis viel besser, als er sein müsste. Das gilt zuallererst für die gelungene Besetzung, in der neben Aubrey Plaza und Gabriel Bateman als unkonventionelles Mutter-Sohn-Gespann auch Brian Tyree Henry ("Atlanta") als erfrischend geistesgegenwärtiger Polizist überzeugt. Hinzu kommt in der englischen Originalfassung Mark Hamill, der Chucky eine gleichsam samtweiche wie sardonische Stimme verleiht, die effektiv an den Nerven zerrt.

Im Video: Der Trailer zu "Child's Play"

Foto: Eric Milner/ Capelight

Der eskalierende Kampf unterhält bis zum Finale. Doch seinen besten Moment hat der Film bereits in einer frühen Szene: Als Andy, Falyn und Pugg gemeinsam "The Texas Chainsaw Massacre II" sehen und sich über das absurde Blutbad auf dem Bildschirm amüsieren, ahmt Chucky in seiner Sehnsucht nach Anerkennung die inszenierten Gewaltakte mit beinahe fatalen Folgen nach.

Der sichtbare Schock in den Gesichtern von Andy und seinen Freunden, die im Gegensatz zur Puppe genau zwischen fiktiver und realer Transgression unterscheiden können, erinnert klug an das engagierte Plädoyer für das Horrorgenre, welches Wes Cravens "Scream" formulierte: "Movies don't create psychos, movies make psychos more creative." Und weil "Child's Play" diese Grenze ebenso klar zieht, erweist sich der Film am Ende als doch ganz schön erwachsen.

insgesamt 2 Beiträge
murun 16.07.2019
1. Das Original fand ich schon ziemlich beängstigend ...
Das Original - also den ersten Teil von 1988 - fand ich schon ziemlich beängstigend, weil mit doch etwas anderem psychopathischen Bösewicht... Das Sujet hat nahegelegt, daraus eine der Zeit angepasste Variante mit all dem [...]
Das Original - also den ersten Teil von 1988 - fand ich schon ziemlich beängstigend, weil mit doch etwas anderem psychopathischen Bösewicht... Das Sujet hat nahegelegt, daraus eine der Zeit angepasste Variante mit all dem elektronischen modernen Schnickschnack zu drehen. Ich halte generell nichts von Remakes, hier bin ich aber gespannt...
andy70 19.08.2019
2. Bravo!
Childs Play ist tatsächlich ein überraschend gut ablieferndes Reboot geworden. Wir waren begeistert. Die Eigenständigkeit des Formats läuft dabei harmonisch parallel mit der nahezu liebevollen Würdigung des Originals. Und [...]
Childs Play ist tatsächlich ein überraschend gut ablieferndes Reboot geworden. Wir waren begeistert. Die Eigenständigkeit des Formats läuft dabei harmonisch parallel mit der nahezu liebevollen Würdigung des Originals. Und der Score ist sowieso ein Genuss...Diesen Spagat zwischen nostalgisch und modern muss man erstmal so hinbekommen....Da hat jemand das Genre verstanden...
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