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Kultur

Doku über Christo-Projekt

Erlösung auf Pontons

Wie Jesus über das Wasser laufen - das ermöglichte im Sommer 2016 die Mega-Installation Floating Piers. Die Doku "Christo - Walking On Water" zeigt den Ausnahmekünstler bei seiner kompromisslosen Arbeit.

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Samstag, 13.04.2019   07:16 Uhr

Alles schwankt so unbeständig. Wasser und Wetterlage verändern sich ebenso unvorhersehbar wie die Computertechnik und das Wohlwollen der Behörden, die die monumentalen Spektakel des weltbekannten Künstlers Christo genehmigen müssen. Die Nerven liegen blank. Nur noch wenige Tage verbleiben bis zur Eröffnung der Floating Piers - der schwimmenden Stege im italienischen Iseosee, mittels derer im Sommer 2016 mehr als eine Million Menschen übers Wasser liefen.

Fotostrecke

Fotostrecke: Christos schwimmende Stege

Und auch der Gemütszustand der Hauptperson ist so wechselhaft wie die Niederschlagsmenge in den italienischen Alpen. Christo, einer der berühmtesten Künstler seiner Generation, kann sich wie ein Kind freuen, wenn seine aufwändigen Projekte voranschreiten. "Schaut nur! Schaut!" ruft er immer wieder begeistert. Er widmet sich so bedingungslos seinen Mega-Installationen, dass ihm kaum Zeit bleibt, etwas zu essen oder sich hinzusetzen. "Künstler sein ist kein Beruf. Man hat keine festen Arbeitszeiten", erklärt Christo. "Du bist keine Sekunde nicht Künstler."

Doch wenn die Dinge gegen seinen Willen verlaufen, kann Christo äußerst ungehalten und störrisch werden. "Das ist alles Quatsch hier", brüllt er seinen Neffen Vladimir Yavachev an, "Totaler Quatsch! Es funktioniert nicht!". Vladimir hat seit dem Tod von Christos Frau Jeanne-Claude 2009 deren Rolle eingenommen. Er ist der Organisator, er behält den Überblick, ist Stichwortgeber bei Auftritten Christos und dessen beruhigender Anker im Iseosee.


"Christo - Walking On Water"
USA, Italien 2018
Regie: Andrey Paounov
Darsteller: Christo
Verleih: Alamode Film
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 0 Jahren freigegeben
Start: 11. April 2019


"Niemand braucht unsere Projekte"

Was hinter den Kulissen von Christos Großprojekten passiert, wie besessen er arbeitet und plant, welche Hindernisse das Christo-Team überwinden muss - davon erzählt nun der Dokumentarfilm "Christo - Walking on Water". 700 Stunden lang begleitete die Kamera den Künstler und seine 500 Helfer bei der Planung und dem Zusammenbau der 220.000 mit leuchtend orangefarbenem Stoff bezogenen Plastikwürfel. Drei Kilometer maßen die Piers zu den Inseln Monte Isola und San Paolo.

Der Filmtitel spielt nicht umsonst auf eine Erlöserfigur an. Es gehört schon viel Wahnsinn und Idealismus dazu, eine Landschaft so gigantisch zu verändern. Und Christos Projekte - sei es die verhüllte Küste Australiens, die 7000 Tore im New Yorker Central Park oder der eingepackte Reichstag in Berlin - mobilisieren Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu Christo-Happenings. "Unsere Projekte sind nutzlos, das lässt sie noch absurder wirken. Niemand braucht sie, nur Jeanne-Claude und ich brauchten sie.", sagte Christo im SPIEGEL-Gespräch.

Gespräch bei SPIEGEL+

Von Floating Piers sprachen Christo und seine Frau schon seit 1969, sie stellten auch Anträge in Japan und Argentinien, doch einzig die Bürgermeisterin von Sulzano in der Lombardei genehmigte das Projekt. "Schaut nur! Diese Berge bildeten den Hintergrund für die 'Mona Lisa'!", ruft Christo begeistert, als er über die ersten auf dem Wasser zusammengeschraubten Plastikwürfel schreitet. "It's fucking awesome!", schreit Neffe Vladimir in den Wind. Es ist wirklich unmöglich, von der Erhabenheit der Installation vor Alpenpanorama nicht ergriffen zu sein. Das spüren jetzt sogar diejenigen, die nicht selbst übers Wasser laufen konnten, sondern im Kino das Spektakel nachfühlen.

Bei der Eröffnung wird es dramatisch

Weil das Ziel so groß und klar ist, kommt der Film ohne Erzählstimme aus. Er zeigt Christo in Momenten der inneren Einkehr, wie er etwa die vielen Vorstudien zeichnet, mit deren Verkauf er das 15-Millionen-Projekt aus eigener Tasche finanziert. Die Kamera ist bei enthusiastischen Auftritten dabei und auch bei endlosen Behördengängen, wenn Christo und Vladimir vor Erschöpfung die Augen zufallen.

Im Video: Der Trailer zu "Christo - Walking on Water":

Und er zeigt die dramatischen Momente: Als die Floating Piers am 16. Juni 2016 eröffneten, wurden sie von Besuchern regelrecht erstürmt. Schon am zweiten Tag wandelten 55.000 Besucher über die schwankenden Stege ohne Brüstung, bald wurde ein kleines Mädchen vermisst. Obwohl Christo davor gewarnt hatte, dass die Pontons nicht unbegrenzt tragen würden, hatte die Präfektur die Besucherzahl nicht reguliert. Christo drohte mit dem Abbruch des Projektes, würden die Behörden nicht eingreifen.

Bis zum Schluss spart sich Regisseur Andrey Paounov für seine ruhige und dennoch spannungsreiche Dokumentation die Vogelperspektive aus dem Helikopter auf. Endlich ist das zu sehen, was Christo im Film immer wieder zeichnet. Daneben das strahlende Gesicht des 81-Jährigen: Voller Energie, Begeisterung, Kompromisslosigkeit. Beides ein berührender Anblick.

insgesamt 11 Beiträge
spon-41d-frm9 13.04.2019
1. für mich zu kompromisslos
da ich selbst 3 Tage am Lago d´Iseo war und das Kunstwerk geniessen durfte möchte ich mir die kompromisslose Arbeit von Christo lieber nicht antun. Allein der Ausschnitte den ich gesehen habe, wo er Leute als Idioten beschimpft, [...]
da ich selbst 3 Tage am Lago d´Iseo war und das Kunstwerk geniessen durfte möchte ich mir die kompromisslose Arbeit von Christo lieber nicht antun. Allein der Ausschnitte den ich gesehen habe, wo er Leute als Idioten beschimpft, hat mir gereicht. Ich denke der Film würde meine wunderbaren Eindrücke von dem Kunstwerk kaputtmachen.
mucschwabe 13.04.2019
2.
Ich bin damals über den See spaziert. Es war wundervoll. Großartig. Wir brauchen viel viel mehr solcher scheinbar nutzloser Projekte. Diese Dinge sind weniger für den Bauch und mehr für den Geist und die Seele des Menschen. [...]
Ich bin damals über den See spaziert. Es war wundervoll. Großartig. Wir brauchen viel viel mehr solcher scheinbar nutzloser Projekte. Diese Dinge sind weniger für den Bauch und mehr für den Geist und die Seele des Menschen. Wichtiger als wir gemeinhin denken.
ackermart 13.04.2019
3. Der Verhüllungs-Prophet
hat es also auch unverhüllt unverpackend gepackt, den Migrationspspakt weit mehr als nur sinnbildlich wie vor(her)gesehen in Szene zu setzen. Sei denn George Soros war der wahre Spiritus Kreator wie auch Sponsor der höchst [...]
hat es also auch unverhüllt unverpackend gepackt, den Migrationspspakt weit mehr als nur sinnbildlich wie vor(her)gesehen in Szene zu setzen. Sei denn George Soros war der wahre Spiritus Kreator wie auch Sponsor der höchst unsubtilen Botschaft, für deren Realisierung danach er längst Himmel und Hölle in Bewegung setzt. Denn auch die Höllenhunde aller Welts Kriegsschlunde werden nun empfangen wie die himmlischen Heerscharen, im gelobten Lande der Vollalimentierung für BABY-LOHN!
Little_Nemo 13.04.2019
4. Jesus mit Schwimmflügeln?
Eine schöne Installation, ohne Frage, und sicher ein beeindruckendes Erlebnis da rüber zu laufen, in dieser wunderschönen Kulisse. Aber ehrlich gesagt frage ich mich dabei auch ob Christos Kunst angesichts der grassierenden [...]
Eine schöne Installation, ohne Frage, und sicher ein beeindruckendes Erlebnis da rüber zu laufen, in dieser wunderschönen Kulisse. Aber ehrlich gesagt frage ich mich dabei auch ob Christos Kunst angesichts der grassierenden Plastik-Pest, die unsere Meere erstickt und unsere Nahrung vergiftet, noch zeitgemäß sein kann. 220.000 Plastikwürfel! Für etwas, das selbst Christo für nutzlos hält. Ich gehe mal davon aus, dass die auch alle restlos wieder aus dem Wasser geholt werden. Aber was geschieht dann mit ihnen? Und welches Signal wird in dieser Hinsicht durch diees Projekt in die Welt gesendet? Könnte der (ohnehin ein bisschen anmaßende) Erlöser-Gedanke hier nicht gar nach hinten losgehen? Was mich übrigens auch ein bisschen erstaunt ist die Sicherheitsfrage. Vermutlich kreuzten da vor den Pontons Rettungsboote, oder? Denn ich sehe da kein Geländer und keine Rettungsringe, wie es üblicherweise an belebten Uferstrecken vorgesehen ist. Oder ist das in Italien anders? Insbesondere mitten auf einem See sicherlich nicht unbeträchtlicher Tiefe...
mucschwabe 13.04.2019
5. @Little_Nemo Nr.3
https://web.de/magazine/unterhaltung/stars/christos-floating-piers-recycelt-32014642 Das Plastik wurde recycelt. Und ja, es gab Rettungsboote, die neben den Stegen fuhren. Außerdem passten die Menschen auf dem Steg ja auch [...]
https://web.de/magazine/unterhaltung/stars/christos-floating-piers-recycelt-32014642 Das Plastik wurde recycelt. Und ja, es gab Rettungsboote, die neben den Stegen fuhren. Außerdem passten die Menschen auf dem Steg ja auch aufeinander auf und es gab zudem Ordner.
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