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Kultur

"Der Fall Collini"-Regisseur Marco Kreuzpaintner

"Man muss versaut sein dürfen"

Gerade hat Marco Kreuzpaintner mit seiner Amazon-Serie "Beat" den Grimmepreis gewonnen, jetzt startet sein Gerichtsthriller "Der Fall Collini". Der Regisseur über Freiheiten bei Streamern - und zur Frage, womit sich das Kino retten kann.

Constantin Film/ Getty Images
Ein Interview von Bettina Aust und Christian Aust
Mittwoch, 17.04.2019   19:04 Uhr

Zur Person

Marco Kreuzpaintner, geboren 1977 in Rosenheim, studierte zunächst Kunstgeschichte, bevor er als Assistent unter anderem bei Edgar Reitz zum Film kam. 2003 kam sein Debüt "Ganz und gar" in die Kinos, mit dem Coming-Out-Drama "Sommersturm" gelang ihm ein Jahr später der Durchbruch. Seitdem dreht er für TV und Kino, in den USA und in Deutschland. Im November 2018 lief seine erste Serie "Beat" über das Berliner Nachtleben bei Amazon Prime an, mit der er den Grimmepreis gewann. In dieser Woche startet nun sein Kinothriller "Der Fall Collini" mit Elyas M'Barek in der Hauptrolle.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kreuzpaintner, Ferdinand von Schirachs Romanvorlage "Der Fall Collini" war ein Bestseller, wurde in den Feuilletons aber überwiegend verrissen. Wie hat das Ihre Arbeit an der Verfilmung beeinflusst?

Marco Kreuzpaintner: Ich kannte die Kritiken, aber sie haben mich nicht beeinflusst. Die "FAZ" hat sich zum Beispiel an dem Schlusssatz hochgezogen: "Du bist, wer Du bist ". Den hat sie für einen Kalenderspruch gehalten. Das ist mir zu einfach. Man kann alles positiv oder negativ darstellen. Ich halte Herrn von Schirach für einen bedeutenden Autor, und da stehe ich nicht allein. Es mögen ja auch nicht alle meine Filme. Da heißt es immer: Der ist zu opernhaft, zu emotional.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie das?

Kreuzpaintner: Ich bin einfach nur ich selbst. Ich finde es sogar toll, wenn man sich an etwas reiben kann. Aus Sicht des Marketings ist das sogar gut. Es bleibt länger im Gespräch. Die Leute sollen sich ruhig über den Film streiten.

SPIEGEL ONLINE: Nach dieser Logik wäre es also am besten, wenn sich Ferdinand von Schirach von Ihrer Verfilmung distanzieren würde - ähnlich wie Gerhard Richter von "Werk ohne Autor".

Kreuzpaintner: Das wäre ideal. Aber Schirach findet den Film gut. Da muss ich Sie enttäuschen.

SPIEGEL ONLINE: "Der Fall Collini" handelt von der rechtlichen und moralischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der alten Bundesrepublik. Warum war der Stoff für Sie relevant genug, um jetzt daraus einen Film zu machen?

Kreuzpaintner: Das liegt am Rechtsruck in Deutschland und ganz Europa. Im Buch geht es um das Empfinden des Unterschiedes von Recht und Gerechtigkeit. Wie sieht man das in der Bevölkerung, was ist gerecht und was ist nur rechtens? Wenn das divergiert, wie das meines Erachtens momentan in Europa der Fall ist, dann ist Demokratie in großer Gefahr.

Fotostrecke

"Der Fall Collini" mit Elyas M'Barek: Vergeltung und Geschichte

SPIEGEL ONLINE: Elyas M'Barek ist Deutschlands erfolgreichster Filmstar, allerdings im Genre Komödie. War es ein Risiko, ihn als Hauptdarsteller in einem Gerichtsdrama zu besetzen?

Kreuzpaintner: Genau diese Frage hat mich auch beschäftigt. Aber ich habe dann schnell festgestellt, wie vorurteilsbehaftet man sein kann. Ich hätte es besser wissen müssen. Er hatte ja nicht nur einen Erfolg. Jemand, der über Jahre hinweg immer wieder bewiesen hat, dass er sein Publikum versteht und begeistern kann, dem gelingt das nicht nur zufällig. Wenn wir schon einmal einen solchen Star haben, sollte die Presse jetzt nicht anfangen, den zu demontieren. Mit seiner Starpower kann er uns dabei helfen, andere Stoffe zu finanzieren, die nicht immer nur Komödien sind.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Serie "Beat" bei Amazon Prime haben Sie bereits Schauspieler wie Kostja Ullmann jenseits der gängigen Rollenklischees gezeigt. Ist man im Bereich Serie offener für neue Ideen?

Kreuzpaintner: Sie sprechen mir aus der Seele. Haben wir in diesem Land nicht verstanden, dass Schauspiel bedeutet, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen? Und das heißt nicht nur, jemandem eine neue Perücke aufzusetzen, sondern ihn etwas machen zu lassen, das verblüfft. Wir sollten uns nicht zu sehr auf den Plot konzentrieren, denn die bestehen sowieso nur aus den immer selben Varianten. Woran wir in Deutschland arbeiten müssen, ist die Figurenentwicklung. Die Drehbuchautoren dazu haben wir.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie dann das Problem?

Kreuzpaintner: Wir konstruieren wahnsinnig gut Plots, aber uns fehlt das Verspielte bei der Rollenanlage. Da muss man sich auch trauen, sexuell zu sein, da muss man versaut sein dürfen. Und da muss man auch eine kriminelle Ader haben, um seinen Figuren so etwas zu geben. Wir müssen die dunklen Seiten in uns auf der Leinwand zeigen, nur dann wird es spannend. Was wäre eine Clarice Starling in "Das Schweigen der Lämmer", wenn sie nicht unterschwellig eine erotische Faszination für Hannibal Lecter hätte? Das ist unsere Aufgabe für die nächsten Jahre: mehr für Schauspieler zu schreiben, gegen die Erwartungen.

Serienkritik "Beat"

SPIEGEL ONLINE: Und bei Amazon Prime hat man das bereits begriffen?

Kreuzpaintner: Ja und nein. Bei Amazon ist es so, dass sich überhaupt niemand darum kümmert, die lassen die Künstler erst einmal machen. Man will vor allem Produkte verkaufen. Da erzähle ich kein Geheimnis, und man pisst Amazon auch nicht gegens Bein, wenn man so etwas sagt. Das ist ein Warenhaus, das im Foyer ein Kino stehen hat - und Netflix ist ein Multiplex-Kino. Und der Vor- und Nachteil daran ist, dass Amazon die reichste Firma der Welt ist, die auch in ein paar Jahrzehnten noch existieren wird. Die Zukunft von Netflix mit seinen Schulden steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Da haben im Moment die Banken das größere Problem. Freiheit ist in diesem Fall durchaus eine zweifelhafte Angelegenheit. Man kann sich da auch alleingelassen fühlen. Ich persönlich fühle mich allerdings selten allein und brauche nicht so viel Input von außen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Freiheit haben Sie bei Kinoproduktionen nicht?

Kreuzpaintner: Mit der Constantin Film war es in diesem Fall so, dass sie immer darauf achten, dass die Künstler, mit denen sie verbunden sind, optimal arbeiten können, und das wollten sie auch für Elyas. Das ist schon verständlich, schließlich ist er deren größter Star. Aber als wir dann einen Konsens gefunden hatten, hatte ich bei "Collini" genauso viel Freiheit wie bei "Beat".

SPIEGEL ONLINE: Wann drehen Sie die zweite Staffel von "Beat"?

Kreuzpaintner: Da bitte ich, alle Anfragen an Amazon zu stellen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es leider wegen interner Geschichten bisher gescheitert ist. Warner Bros., die auch als Produzenten daran beteiligt waren, werden jetzt auch eine eigene Streamingplattform haben. Es ist sehr schwierig zu sagen, ob es da überhaupt zu einer zweiten Staffel kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos in Konkurrenz zu den immer neuen Streamingdiensten in Deutschland?

Kreuzpaintner: Der deutsche Kinofilm muss deutlich stärker werden. Wenn ich Serien für sehr viel weniger Geld auf dem Sofa haben kann, die dann auch noch spannender sind als der deutsche Film, warum soll ich dann noch ins Kino gehen? Also, mir wird ja geradezu schlecht, wenn ich sehe, was da dieses Jahr alles noch anläuft. Sorry, ich will da niemandem zu nahe treten, aber ich frage mich: Wo sind die Experimente? Manchmal auch tatsächlich: Wo ist das Handwerk?

Im Video: Der Trailer zu "Der Fall Collini"

Foto: Constantin Film

SPIEGEL ONLINE: Was machen die Streamer besser?

Kreuzpaintner: Die Streamer haben uns ja auch deswegen so begeistert, weil sie uns von dieser ätzenden klassischen Drei-Akt-Struktur befreit haben. Die wird aber an deutschen Filmhochschulen immer noch gelehrt. Da sage ich: Jungs, die ist mittlerweile zweitausend Jahre alt. Ja, man muss es mal gelernt haben. Aber lasst uns doch bitte etwas freier damit umgehen und extremere Stoffe bringen. Dann wird Kino auch immer eine Daseinsberechtigung haben, weil man am Ende doch lieber mit mehreren etwas zusammen sieht als mit der Tante auf dem Sofa. Da kommt ja auch noch der Flirt-Faktor dazu.

insgesamt 6 Beiträge
tonhalle 17.04.2019
1. Positiv, locker und beeindruckend
Leider legt die Kulturlandschaft in Deutschland vor allem Wert auf politische Korrektheit. Unterhaltung kommt nicht mal an zweiter Stelle, sondern da steht der Applaus der "Kollegen". Ich bin geneigt das Onanie zu nennen...aber [...]
Leider legt die Kulturlandschaft in Deutschland vor allem Wert auf politische Korrektheit. Unterhaltung kommt nicht mal an zweiter Stelle, sondern da steht der Applaus der "Kollegen". Ich bin geneigt das Onanie zu nennen...aber die Strukturen sind halt schon zu lange so.
rivka 17.04.2019
2.
Ich hätte mir gewünscht, dass noch stärker auf den Filminhalt eingegangen wäre. Ein Anwalt, der einen Mann vertritt, der jemanden ihm gut bekannten umgebracht hat? Macht den ganzen Film unrealistisch und ist damit für mich [...]
Ich hätte mir gewünscht, dass noch stärker auf den Filminhalt eingegangen wäre. Ein Anwalt, der einen Mann vertritt, der jemanden ihm gut bekannten umgebracht hat? Macht den ganzen Film unrealistisch und ist damit für mich ruiniert.
kaiosid 17.04.2019
3. muss was passieren
Solange es noch sowas wie den Tatort gibt, habe ich wenig Hoffnung auf Besserung. Ich dachte früher immer Tatort gucken sei selbstironisch, aber das scheint nicht der Fall zu sein... Muss ich mal Beat schauen. Ansonsten ist [...]
Solange es noch sowas wie den Tatort gibt, habe ich wenig Hoffnung auf Besserung. Ich dachte früher immer Tatort gucken sei selbstironisch, aber das scheint nicht der Fall zu sein... Muss ich mal Beat schauen. Ansonsten ist deutsches Fernsehen ziemlich unerträglich verkopft oder "total locker", dass es einem mulmig wird ob dieses komischen Humors.
i. c. rosche 17.04.2019
4. Ja Bitte, mehr loslassen
Ich brauche Filme, die mir mein wahres (auch dunkles) Ich näherbringen. Ich möchte mich mit Figuren identifizieren, bei denen ich spüre - ja, das ist ein Teil von mir. ... woups!? Manche Filme werde ich blöd finden und [...]
Ich brauche Filme, die mir mein wahres (auch dunkles) Ich näherbringen. Ich möchte mich mit Figuren identifizieren, bei denen ich spüre - ja, das ist ein Teil von mir. ... woups!? Manche Filme werde ich blöd finden und manche richtig gut. Die Bewertungen bzw. Rezensionen werden das schon richten, was ankommt. Gruß an Amazon. Bitte mehr Experimente (auch mal losgelöst - vom moralischen oder ideellen Balast)! Ich genieße Film dann sehr gerne, wenn ich mich in irgendeiner Situation erkenne. So kann ich entscheiden. Ja prima, das ist ein Teil von mir oder neee, da gibt es Korrekturbedarf - da sollte ich etwas an mir ändern. ... für interessantere und bessere Filme :-)
calinda.b 18.04.2019
5. Genau!
"Wenn ich Serien für sehr viel weniger Geld auf dem Sofa haben kann, die dann auch noch spannender sind als der deutsche Film, warum soll ich dann noch ins Kino gehen? " Genau, besonders da man im Kino von 5 Dutzend [...]
"Wenn ich Serien für sehr viel weniger Geld auf dem Sofa haben kann, die dann auch noch spannender sind als der deutsche Film, warum soll ich dann noch ins Kino gehen? " Genau, besonders da man im Kino von 5 Dutzend Kids genervt wird, die im Dunkeln mit dem Handy spielen und alle blenden.

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