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Kultur

Breakdance in der DDR

Brechtanz und ein Kessel Buntes

Die fiktive Kinokomödie "Dessau Dancers" erzählt vom realen Phänomen des Breakdance-Booms in der DDR. Mit sympathischen Schauspielern und zunächst mit Drive - bis der Ostalgie-Kitsch kommt.

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Donnerstag, 16.04.2015   10:29 Uhr

Na sowas! Wer hätte gedacht, dass Thomas Gottschalk in den Achtzigerjahren nicht nur der Heile-Welt-Onkel für die frisch gebadete Generation Golf der BRD war - sondern nebenan, in der Deutschen Demokratischen Republik, sogar subversive Jugendbewegungen auslöste? So jedenfalls erzählt es aus dem Off der junge Turner Frank (Gordon Kämmerer), Held des Kinofilms "Dessau Dancers", der in Form einer fiktiven Geschichte den realen Breakdance-Boom in der DDR in Erinnerung ruft.

Demnach war es eine Gottschalk-Sendung im Westfernsehen des Jahres 1985, in der der US-Tanzfilm-Meilenstein "Beat Street" vorgestellt wurde, die Franks Leben radikal veränderte. Nachdem er den - dank des in der DDR geschätzten Produzenten Harry Belafonte auch in Ostdeutschland gestarteten - Kinofilm gesehen hat, ist klar: Diese Moves will er auch beherrschen.

Gemeinsam mit seinem besten Kumpel Alex (Oliver Konietzny), der schönen Martina (Sonja Gerhardt) aus der Sportgruppe und dem Brillen-Nerd Michel (Breakdance-Weltmeister Sebastian "Killa-Sebi" Jäger) beginnt Frank zum Sound aus dem gepimpten Gettoblaster selbst auf der Straße zu tanzen - bis die Staatsmacht die Teenager unter amerikanischem Einfluss bei der ersten richtigen Battle mit einem rivalisierenden Gruppe verhaftet.

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"Dessau Dancers": Vom Street Style zur Volkskunst

Zwar findet die Clique zunächst einen cleveren Ausweg, indem sie den neuen Tanz, immerhin erfunden von "den Armen und Geknechteten in den amerikanischen Gettos" als "Solidaritätsbekundung mit den Unterdrückten des kapitalistischen Systems" deklariert. Lange aber lassen sich die SED-Bosse so nicht beschwichtigen. Vielmehr kommen sie ihrerseits auf eine Idee: "Wir machen diesen Breek-Tanz sozialistisch!" Der Preis, den die Kids für das Ausleben ihrer Leidenschaft bezahlen müssen, ist deren Umbenennung in "akrobatischen Schautanz", die Umdeutung der coolen, individualistischen Streetdance-Attitüde in durchchoreografierte rhythmische Sportgymnastik.

Dann kommt der Ostalgie-Kitsch

Mit dem Einschlagen dieser Erzählkurve bleibt der Tanzfilm "Dessau Dancers", der seinen Handlungsort dem Umstand verdankt, dass es in Dessau viele DDR-Breaker gab, auf historisch verbürgtem Terrain. Er fällt nach einigen virtuosen Szenen allerdings auch die Entscheidung, nicht mehr in erster Linie Tanzfilm zu sein - sondern eine Geschichte von Anpassung, Korrumpierbarkeit und Vereinnahmung. So verrät er seinen Gegenstand ein bisschen mit.

Bald kümmert sich auf Geheiß der Parteiführung der alte Sportlehrer Hartmann Dietz (Rainer Bock) um die Vierer-Crew, die eine Einladung zum Einstufungstest als "Volkskunstkollektiv" erhält. Der Test vor Parteifunktionären bedeutet für die Gruppe einen ersten tragikomischen Tiefpunkt - und für den Film, der trotzdem populäres Feelgood-Movie bleiben will, die Hinwendung zum Ostalgie-Kitsch.

Da ist sie dann wieder, die holzvertäfelte Herrlichkeit mit Honecker-Porträt und Humor-Einsprengseln, die man seit "Sonnenallee" und "Good Bye, Lenin!" zu oft gesehen hat. Und da sind sie wieder, die rauchenden Funktionäre (u. a. gespielt von Wolfgang Stumph und Bernd Stegemann), die die DDR noch ein paar Jahre am Laufen halten, drollig von "Brechtanz" und "batteln" faseln und sogar ein bisschen mitwippen.

Immer erbärmlicher und absurder werden die Auftritte der Truppe, die für ihre Kooperation mit einer Trainingshalle und einem Tourbus entschädigt wird. Zwar werden die Break Beaters, wie sie sich nennen, in den FDJ-Heimen zwischen Dresden, Gera und Cottbus zunächst bejubelt. Doch die Abwärtsspirale hin zur systemerhaltenden Synchron-Tanzgruppe ist vorgezeichnet.

Wolfgang Lippert ist zurück

Man möchte dem von den jungen Darstellern mit Verve gespielten Film die Klischees und Formelhaftigkeit nicht übel nehmen, man möchte sich freuen am letzten großen Coup der Break Beaters, wenn sie - inzwischen angekommen in der großen Samstagabendshow "Ein Kessel Buntes", moderiert von Wolfgang Lippert - sich in einem letzten rebellischen Akt die Glitzer-Klamotten vom Leib reißen und so die Abschaltung der Sendung provozieren. Allein: Am Ende überwiegt der Eindruck einer weiteren Ostalgie-Schmonzette.

"Gewidmet den Breakern der DDR", heißt es im Abspann. Wer mehr über realsozialistischen Rap, frisierte Kassettenrekorder, gefakte Markenkleidung und Graffiti in der DDR erfahren will, sollte am besten zusätzlich den Dokumentarfilm "Here we come" anschauen.

Video

Dessau Dancers

D 2014

Buch: Ruth Thoma

Regie: Jan Martin Scharf

Darsteller: Gordon Kämmerer, Oliver Konietzny, Sonja Gerhardt, Sebastian Jäger, Rainer Bock, Arved Birnbaum u. a.

Verleih: Senator

Länge: 91 Minuten

Start: 16. April 2015

insgesamt 5 Beiträge
louisesullivan 16.04.2015
1. Sprache
Die fiktive Kinokomödie "Dessau Dancers" - Bittebitte liebe SPONler: Es i s t doch wohl eine Kinokomödie und keine fiktive. Fiktiv ist die Story, oder? Jetzt lese ich mal den Text
Die fiktive Kinokomödie "Dessau Dancers" - Bittebitte liebe SPONler: Es i s t doch wohl eine Kinokomödie und keine fiktive. Fiktiv ist die Story, oder? Jetzt lese ich mal den Text
Oberlausitzerin 16.04.2015
2. FDJ-Heime
Als gelernte DDR-Bürgerin würde mich ja mal interessieren, was ein FDJ-Heim ist (war). Muss an mir vorbeigegangen sein.
Als gelernte DDR-Bürgerin würde mich ja mal interessieren, was ein FDJ-Heim ist (war). Muss an mir vorbeigegangen sein.
andolo 16.04.2015
3. FDJ-Heim
Komme gebürtig aus Dresden und habe noch ein paar Tage DDR miterlebt, aber ein FDJ-Heim ist auch mir unbekannt.
Komme gebürtig aus Dresden und habe noch ein paar Tage DDR miterlebt, aber ein FDJ-Heim ist auch mir unbekannt.
garfield 16.04.2015
4.
Sehen Sie es dem Autor nach. Er gehört offensichtlich auch zu denen, für die die DDR nur aus "organisierten Unterbringungsanstalten" bestand. Neben "FDJ-Heimen" fällt dann meist auch gleich die Klappe [...]
Zitat von andoloKomme gebürtig aus Dresden und habe noch ein paar Tage DDR miterlebt, aber ein FDJ-Heim ist auch mir unbekannt.
Sehen Sie es dem Autor nach. Er gehört offensichtlich auch zu denen, für die die DDR nur aus "organisierten Unterbringungsanstalten" bestand. Neben "FDJ-Heimen" fällt dann meist auch gleich die Klappe (um nicht zu sagen: das Brett vor den Kopf) "Gefängnisse". Zum Trost gibt es den Film ja auch nicht wirklich, denn er ist ja nur fiktiv.
timorieth 16.04.2015
5. Leute leute,
Leugnen hilft nicht, googlen schon. Aber sicher alles Propaganda des Klassenfeinds? Vielleicht ist in Nord-Korea noch ein Plätzchen frei für euch? Da lässt sich das Unrecht auch sehr gut leugnen. Und man kann den Dicken [...]
Leugnen hilft nicht, googlen schon. Aber sicher alles Propaganda des Klassenfeinds? Vielleicht ist in Nord-Korea noch ein Plätzchen frei für euch? Da lässt sich das Unrecht auch sehr gut leugnen. Und man kann den Dicken huldigen. Was will man als *gelernte* DDR-Bürgerin mehr? Ansonsten: der Film erinnert mich ein wenig an "This ain't California" (ersetze Breakdance durch Skaten).
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