Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Familiendrama "Die Kommune"

Zusammen ist man schwieriger allein

Das Kinodrama "Die Kommune" erzählt von einer Familie, die sich von bürgerlichen Normen lösen will. Was natürlich schmerzlicher ist, als alle denken.

Von
Donnerstag, 21.04.2016   16:49 Uhr

Annas Enthusiasmus ist ansteckend: Zusammen mit ihrem Mann Erik (Ulrich Thomsen) und ihrer pubertierenden Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen) besichtigt sie das riesige Anwesen in einem feinen Viertel von Kopenhagen, das Erik soeben geerbt hat.

450 Quadratmeter aufgelassene Bürgerlichkeit, die mit neuem Leben, neuen Ideen gefüllt werden könnten. Erik, Dozent für Architektur an der Uni, zögert: Viel zu groß, so viel Platz bräuchten sie zu dritt doch gar nicht, man würde sich verlieren. Außerdem könnte man sicher bis zu einer Million Kronen durch den Verkauf gewinnen.

Doch Anna (Trine Dyrholm), prominente Nachrichtensprecherin beim Fernsehen, hat eine Vision. Es sind die Siebzigerjahre, Zeit der großen gesellschaftlichen Umbrüche und Befreiungen: Anna will das große, alte Haus mit Freunden, Bekannten und vielleicht sogar Fremden zu einer Kommune machen.

Fotostrecke

Siebzigerjahre-Drama "Die Kommune": Familie als Kollektiv

Alsbald füllt sich die lange Holztafel in der Diele mit Bierflaschen und allerlei Gestalten, Lebenskünstler ebenso wie Gescheiterte und der sechsjährige, herzkranke Knirps Vilads, der kokett von sich behauptet, spätestens mit neun sterben zu müssen.

Erik, der Zweifler, arrangiert sich: Sowohl mit der schockierenden Ansage seiner Ehefrau, sie würde sich mit ihm allein ohnehin langweilen, als auch mit seiner neuen Rolle als Oberkommunarde, die er als Bestverdiener und Hauseigentümer automatisch innehat.

Großzügig gewährt er dem sympathischen, aber mittellosen Migranten, der sich um einen Platz im Kollektiv bewirbt, nur so viel Miete zu zahlen, wie er gerade aufbringen kann. Der Küchendienst wird penibel geregelt, der Einkauf wird gemeinsam erledigt. Stolz und ausgelassen flaniert die libertäre Gruppe in bunten Pullovern und langen Hippiemänteln durch die Stadt. Das Experiment, es scheint zu glücken.

Chronik des Scheiterns

Regisseur Tomas Vinterberg, 1969 geboren, verbrachte seine ersten 19 Lebensjahre ebenfalls in einer Kommune, nachdem sich seine Eltern scheiden ließen, verblieb er in der Obhut des Kollektivs.

Vinterberg kennt sich also aus mit den Dynamiken, die eine Gemeinschaft unter Stress entwickeln kann, und er hat sie in seinen Filmen schon vielfach thematisiert, im Dogma-Film "Das Fest" ebenso wie im Rufmord-Drama "Die Jagd" . Mit "Die Kommune", der Kinoversion eines Theaterstücks, das er 2011 an der Wiener Burg inszenierte, greift er nun erstmals auf Quasi-Autobiografisches zurück. Doch sein zwischen Burleske und Tragödie changierender Film ist keine bittere Abrechnung geworden.

Allerdings sieht es zunächst ganz so aus. Denn als sich Erik in die junge Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) verliebt, ein jüngeres, attraktiveres Abbild seiner Frau, muss sich zeigen, wie ernst es Anna wirklich mit ihrem freiheitlichen Denken meint. Beherzt schlägt sie selbst vor, dass Emma Teil der Kommune wird und in das Haus einzieht. Sie will wissen, ob es möglich ist, sich tatsächlich von tradierten Rollen- und Familienbildern zu lösen, sich nicht von gesellschaftlichen Normen fesseln zu lassen.

Was folgt, ist eine kühl inszenierte Chronik des Scheiterns.

Trine Dyrholm, deren Anna im Zuge ihres Experiments ihre Selbstsicherheit, ihre Stellung innerhalb der Familie und nach einem Zusammenbruch vor laufender Kamera sogar ihren Job verliert, wurde auf der Berlinale im Februar für ihre intensive, aber nie überdramatisierende Darstellung mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. In einer Szene sitzt sie mit Emma auf einer Fußgängerbank, die beiden Frauen ähneln sich äußerlich so sehr, dass sich die Ältere in der Jüngeren spiegelt, sich ihrer eigenen Vergänglichkeit, jeder Runzel und Falte, schmerzhaft bewusst wird.

Erkenntnisse aus dem Rosenkrieg

Aber wenn wir ohnehin alle zum Sterben verdammt sind, warum dann nicht alles auf eine Karte setzen, die Grenzen - der Liebe, der Gemeinsamkeit, des Zusammenlebens, der eigenen Toleranz - austesten oder sprengen, auch wenn es weh tut?

Annas Tochter Freja, die nächste Generation, Symbol für die modernen Gesellschaften Skandinaviens, zieht ihre eigenen Erkenntnisse aus dem Rosenkrieg ihrer Eltern, der auch ein Kampf zwischen Beziehungskapitalismus und -sozialismus ist: Erik, der sich nie wirklich aus althergebrachten Mustern löst, will einfach die nicht mehr in seinem Sinne funktionierende Frau durch eine neue, unkompliziertere ersetzen.

Anna weigert sich, diese Ökonomie als gegeben hinzunehmen: Alte und junge Liebe, das muss doch auch zusammen gehen, als Kollektiv einer erweiterten Familie. Freja wird, so deutet Vinterberg es an, mit ihrem jungen Lover einen neuen, eigenen Weg gehen, sie wirkt im letzten Akt bereits um einiges klüger und erwachsener als die irrlichternden Kommunarden.

Die radikale Utopie, das revolutionäre Element, das auch in der Historie immer nur ein kurzes, intensives Aufbäumen war, stirbt mit dem kleinen Vilads analog zu seiner Vorhersage. Am Ende trägt die Kommune ihn bei einem fröhlichen Fest im alten Bürgerhaus zu Grabe. Die Stimmung ist versöhnlich, auch bei Anna: Man hat es zumindest versucht.

Kinotrailer "Die Kommune":

Die Kommune

DK/S/NL 2016

Originaltitel: Kollektivet

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm

Darsteller: Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrøm Hansen

Produktion: Zentropa, Topkapi Films

Verleih: Prokino

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Start: 21. April 2016

insgesamt 2 Beiträge
fhcvn 21.04.2016
1.
Hmm, eigentlich schade, dass Kommunen lediglich als ein gesellschaftliches und selbstverständlich gescheitertes Experiment der Sechziger und Siebziger gelten. Dabei gibt es eine ganze Anzahl von funktionierenden Kommunen in [...]
Hmm, eigentlich schade, dass Kommunen lediglich als ein gesellschaftliches und selbstverständlich gescheitertes Experiment der Sechziger und Siebziger gelten. Dabei gibt es eine ganze Anzahl von funktionierenden Kommunen in Deutschland, darunter die älteste Kommune Niederkaufungen, die bereits seit den Achtzigern besteht. Allerdings geht es dort vornehmlich um gemeinsames Leben und Arbeiten. Konsensprinzip und gemeinsames Eigentum klingen natürlich trockener als freie Liebe... Sind aber mindestens ebenso revolutionär. Einen "Oberkommunarden" gibt es, siehe Konsensprinzip, natürlich dort nicht.
fiftysomething 21.04.2016
2. @fhcvn
Meine Erfahrungen in Konsensgruppen ist, es gibt Alphatiere (meist männlich), die ihre Konditionierung zwar durchschauen, aber auch nicht in die zweite Reihe zurücktreten (können oder wollen).Das Prinzip heisst dann [...]
Meine Erfahrungen in Konsensgruppen ist, es gibt Alphatiere (meist männlich), die ihre Konditionierung zwar durchschauen, aber auch nicht in die zweite Reihe zurücktreten (können oder wollen).Das Prinzip heisst dann All-leader, meint Selbstverantwortung und strengt jeden an. Manche sind dazu nicht in der Lage, nicht selbst-bewußt genug oder willens. Da wird dann in Abstimmungen geguckt, was der/die Wortführer wollen und stimmt eher in ihrem Sinne. Nicht immer hat jemand mit Bedenken oder einem Veto Lust oder die Kraft, gegen den "Gruppengeist" zu stimmen. Ob nun Kaufungen, 7Linden oder Tempelhof,an der Fluktuation sieht man dann, wie bereit diese Gemeinschaften wirklich für eine wertschätzende, im Flow befindliche Gemeinschaft von Gleichen ist. Bis wir als Gesellschaft von der Idee lassen, das Wissen zwar den Horizont erweitert, damit aber keine Macht anzustreben, da braucht es noch ein paar friedliche Generationen, die auch Gewinnmaximierung, Körperwahrnehmung und Bewertung von Arbeit durch Geldmenge durchdacht, durchlebt und hinter sich gelassen haben. Ganz abgesehen von der Idee, dass ein Mensch dauerhaft für die emotionale Erfüllung anderer Menschen da sein kann oder soll. Beziehung wird meiner Meinung nach immer ökonomisch reflektiert..... die Kultur der Liebe ist die lockende Verpackung für menschlichen Grundbedürfnisse. Ich denke, Vinterberg will genau das zeigen.
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP