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Kultur

Einzigartiges Filmprojekt "La Flor"

Irre Blüten

So etwas wie "La Flor" hat es noch nicht gegeben: Vier Darstellerinnen spielen sich in 14 Stunden durch sechs Episoden und einen Großteil der Filmgeschichte. Anmaßend, extrem und sehr unterhaltsam - unser Film der Woche.

Foto: Grandfilm
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Donnerstag, 11.07.2019   15:47 Uhr

Gäbe es eine Insel, auf die Sie nur einen Film mitnehmen dürften, würde ich Ihnen "La Flor" als diesen Film empfehlen. Zugegeben, Sie würden damit eher sechs bis neun Filme mitnehmen, denn "La Flor" ist 14 Stunden lang und besteht aus sechs Episoden, die zum Teil noch mal in in Unter-Episoden gegliedert sind. Aber die Inselfrage zielt ja vor allem darauf ab, einen Film zu benennen, der stellvertretend für die gesamte Kinoerfahrung steht. Und das tut "La Flor" wie kein zweiter.

Von 2009 bis 2016 haben der argentinische Regisseur Mariano Llinás und die Schauspielerinnentruppe Piel de Lava an dem Projekt gearbeitet. Der Titel "La Flor" ("Die Blume") ergibt sich aus der Struktur des Films, wie Llinás anfangs anhand einer Art Infografik selbst erklärt: Die ersten vier Episoden haben einen Anfang, aber kein Ende und bilden damit vier Blütenblätter. Die fünfte Episode ist die einzige, die durcherzählt ist, sie formt den Fruchtknoten. Die sechste Episode stellt hingegen nur das Ende einer Geschichte da und schließt die Blume als Stiel ab.

Grandfilm

Filmplakat zu "La Flor"

Wenn das mehr nach cinephiler Wildwiese als einzelnem Filmgewächs klingt, ist das kein falscher Eindruck. Verschiedene Episoden greifen verschiedene Genres auf, auf ein B-Movie mit einer verfluchten Mumie folgt ein Beziehungsdrama im Schlagermilieu, woran sich vier Kurz-Episoden über Agentinnen von Stasi bis MI6 anschließen.

Ein Remake von Jean Renoirs "Eine Landpartie" findet sich aber auch noch im Angebot, ebenso ein Frontier-Drama über vier Frauen, die in der amerikanischen Wüste gefangen gehalten wurden, sowie eine Meta-Komödie über vier Schauspielerinnen, die sich weigern, ein Frontier-Drama über vier Frauen, die in der amerikanischen Wüste gefangen gehalten wurden, zu spielen.


"La Flor"
Argentinien 2018

Buch und Regie: Mariano Llinás
Darstellerinnen: Elisa Carricajo, Valeria Correa, Pilar Gamboa, Laura Paredes
Produktion: El Pampero Cine, Universidad de Cine
Verleih: Grandfilm
Länge: 837 Minuten
Start: 25. Juli 2019*


Von diesen Episoden ist, wie angekündigt, nur Nr. 5 (das "Landpartie"-Remake) in sich geschlossen, doch das macht im Großen und Ganzen nichts aus. Entscheidender ist, wie effektiv Llinás seine Stilmittel einsetzt, um Dramatik, Suspense und immer wieder Komik entstehen zu lassen. Dass sich die dabei evozierten Emotionen in keinem Shoot-out oder Kuss entladen - geschenkt. Wenn das Kino eins ist, dann ein ewiger Anfixer und Scharfmacher, und genau das legt Llinás Episode um Episode immer wieder offen.

Dabei kommt dann noch ein anderes Charakteristikum des Kinos zum Tragen: Die Tendenz des - weiterhin hauptsächlich männlichen - Filmemachers, sich als alleinige kreative Antriebskraft eines zutiefst kollaborativen Prozesses zu stilisieren. Immer wieder rückt sich Llinás selbst ins Bild und sei es nur mit seiner Hand, die Notizen oder Schaubilder zum Film verfasst. Ein Sturmlauf auf die Auteur-Bastion ist bitter nötig und in "La Flor" mit Episode Nr. 4, in der die Schauspielerinnen gegen ihren Regisseur und dessen Frontier-Drama aufbegehren, auch keine Episode zu früh angesetzt.

Fotostrecke

"La Flor": Die fabelhaften Vier

Am schönsten an "La Flor" ist jedoch der Einsatz der Schauspielerinnen. Sämtliche weibliche Hauptrollen werden von denselben vier Frauen gespielt, von Elisa Carricajo, Valeria Correa, Pilar Gamboa und Laura Paredes. Ihr Wechsel zwischen den Registern und Genres ist grandios. War eine noch emotionslose Auftragskillerin in der einen Episode, glüht sie als tragische Liebhaberin in der nächsten umso intensiver. Mit jeder Episode entdeckt man bei jeder Frau eine weitere Facette ihres Talents und ihres Gesichts. Am Ende sind sie einem so ans Herz gewachsen, wie es andere Darstellerinnen nur nach Jahren und Dutzenden von Filmen könnten.

Im Video: Der Trailer zu "La Flor"

Foto: Grandfilm

Wenn sich dieser Effekt einstellt - und das tut er naturgemäß erst nach ein paar Stunden, die man mit den vier Frauen verbracht hat -, dann kommt einem die Laufzeit von "La Flor" nicht sonderlich lang vor. Schließlich verfolgt man vier Schauspielerinnen-Karrieren und so viel an Filmgeschichte gleichzeitig. Vielleicht überlegen Sie sich das mit der Insel noch mal.


*Das Berliner Arsenal zeigt "La Flor" ab dem 12. Juli in einer Vorabpremiere in verschiedenen Blöcken. Den genauen Zeitplan entnehmen Sie hier. Der bundesweite Kinostart erfolgt am 25.Juli.

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