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Kultur

"Fahrenheit 11/9" von Michael Moore

Wer Schuld hat an Trump? Gwen Stefani!

Wie konnte Trump US-Präsident werden - und was kann man jetzt tun? Doku-Aktivist Michael Moore misst in "Fahrenheit 11/9" erneut Amerikas Betriebstemperatur. Seine Diagnose ist so deprimierend wie aufwühlend.

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Donnerstag, 17.01.2019   16:58 Uhr

"Was it all just a dream?" - War das alles nur ein Traum, fragt Michael Moore in Fernsehbilder vom Vorabend der jüngsten US-Präsidentschaftswahl hinein: Tausende skandieren in der Innenstadt von Philadelphia "Hillary, Hillary" und freuen sich über ihren vermeintlich sicheren Sieg.

Doch was dann, in den frühen Morgenstunden des 9. Novembers 2016, verkündet wird, ist seitdem absurde Realität: Trump, nicht Clinton, gewann die Wahl. "How. the. fuck. did. this. happen?" - wie zur Hölle konnte das passieren, schließt Moore das Intro seines Films "Fahrenheit 11/9", die zweistündige Diagnose einer politisch-gesellschaftlichen Krise.

Übertriebener Alarmismus?

Die Frage nach dem bösen Erwachen stellte Moore 2004 schon einmal. Es sind auch die ersten Worte in seinem Film "Fahrenheit 9/11". Damals zeigte der oscarprämierte Doku-Aktivist auf, wie die Anschläge vom 11. September 2001 zum fragwürdig motivierten Krieg im Irak führten. Mit "Fahrenheit 11/9" (die Datums-Ähnlichkeit ist ein günstiger Zufall), hält er nun erneut das Zeitgeist-Thermometer an eine fiebrige Nation.

Moores Requiem auf den American Dream ist so deprimierend wie unterhaltsam: Wer hat Schuld an Trump? "Ja, es waren die Russen", erklärt Moore, "aber vor allem war es Gwen Stefani". Trump sei nur deswegen auf die Idee gekommen, eine Kandidatur als US-Präsident zu starten, weil er herausgefunden hatte, dass die US-Sängerin als Jurorin der Castingshow "The Voice" mehr Geld bekommt als er selbst bei der Talentsuche "The Apprentice". Sein Ziel: Mehr Geld von NBC. Der Sender feuerte ihn dann wegen seiner politischen Rabulistik, also zog Trump die Präsidenten-Nummer durch.

Man kann die Frage stellen, ob man Moores wie immer als suggestive, hochgradig agitatorische Farce arrangierte Analyse zwei Jahre nach der Wahl noch braucht. Vor allem wenn er am Ende seines Films die Nazi-Keule schwingt, scheint sein Alarmismus übertrieben. Moore unterlegt Szenen einer Hitler-Rede mit Trump-Rhetorik und setzt dann etwas zu verschwörerisch den Reichstagsbrand mit 9/11 in Verbindung: Extreme Lagen ermöglichten dem Autokraten in spe jene Notstandsverordnungen, mit denen er die Gewaltenteilung final aushebelt, insinuiert er.

Fotostrecke

"Fahrenheit 11/9": Das Trump-Thermometer

Bequemlichkeit und Ignoranz hätten Trump ins Amt verholfen. Niemand, leitet Moore her, habe vor der Wahl etwas gegen dessen Aufstieg unternommen, auch er selbst nicht. Dabei lag alles, was Trump zu einer Zumutung im höchsten Staatsamt macht, sein Rassismus, seine Misogynie, seine Lügen, zu jeder Zeit offen. "Fühlen Sie sich jetzt unbehaglich", fragt Moore maliziös, "Warum denn das? Nichts davon ist neu".

Alle kriegen Saures: Die mächtigen, alten Network-Männer, die mit Trump Quote machten, die bornierte "New York Times" ebenso wie die Establishment-Demokraten, die, so Moore, Vorwahlergebnisse in West-Virginia fälschten, um Clinton zu pushen, obwohl eigentlich Bernie Sanders alle Bezirke gewonnen habe. An einer Stelle gibt der Filmemacher seinem Buhmann sogar Recht: Das politische System sei manipuliert, das war einer der Wahlkampfslogans von Trump.

Junge Radikale als Hoffnungsträger

Ist Optimismus wirklich tot in der Trump-Ära, wie der "New Yorker" zum Jahreswechsel fragte? Haben nicht inzwischen die Midterm-Wahlen in den USA die größte Gefahr gebannt? Vielleicht. Aber Trumps aktuelle Ansprache aus dem Oval Office, in der er gerade noch davon absah, eine behauptete Migrantenkrise an der Grenze zu Mexiko zum nationalen Notstand zu erklären, lässt ahnen, dass Moore mit seinen Mahnungen nicht zu spät kommt, sondern vielleicht genau richtig.

Der ewige Sozialromantiker Moore trifft sich mit den Schülern aus Parkland, Florida, die nach dem Massaker an ihrer Highschool gegen die Waffenlobby zu Felde ziehen. Er reist nach West-Virginia und porträtiert arbeiterbewegte Lehrerinnen, die sich vom Staat nicht drangsalieren und unterbezahlen lassen wollen. Und er sucht junge, radikale Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez aus New York oder Rashida Tlaib aus Michigan auf, um zu zeigen, dass noch nicht überall in der Demokraten-Partei der Lobbyismus-Wurm drin ist. Amerika, postuliert Moore in einer lustigen Montage, sei doch eigentlich mehrheitlich ein "leftist country"!

Seine Beispiele für Zivilcourage machen Mut, vor allem aber wohl Moores angestammter Klientel aus dem linksliberalen Spektrum. Emotionale Grundierung über ideologische Gräben hinweg erhält "Fahrenheit 11/9" jedoch erst, als sich Moore, wie einst in "Roger & Me", ausführlich einem Skandal in seiner Heimatstadt Flint widmet. Der vorwiegend von Afroamerikanern bevölkerte Industriestandort in Michigan leidet seit Jahren unter verseuchtem Trinkwasser.

In Flint ist Moore nicht nur buchstäblich zuhause, sondern auch brillant in seiner nassforsch-agitatorischen Inszenierung von Bürgerempörung: Mit einem Löschwasserwagen fährt er vor dem Anwesen des Gouverneurs Rick Snyder vor und beginnt, als der Politiker ihm nicht öffnet, dessen Garten mit der Giftbrühe aus dem Fluss zu besprengen. 2016, auf dem Höhepunkt der Krise, fliegt schließlich der damalige US-Präsident Obama nach Flint, als "letzter Hoffnungsträger", der dann jedoch auf schockierende Weise enttäuscht.

Im Video: Der Trailer zu "Fahrenheit 11/9"

Foto: Weltkino

Aber was hat das Elend von Flint, einst vielleicht als eigenständiger Film geplant, mit Trump zu tun? Der habe sich sehr genau angesehen, was in Michigan möglich war und ist: "Wenn Snyder mit all dem durchkommt, was könnte er (Trump) sich dann noch alles erlauben?", fragt Moore. Was er nicht erwähnt, ist, dass Michigan 2016 trotz allem mit knapper Mehrheit Trump wählte, ebenso übrigens wie, ungleich deutlicher, West-Virginia.

Noch viel mehr Wucht würde "Fahrenheit 11/9" daher entfalten, wenn Moore auf seinen Reisen durch das gebeutelte Land auch Trump-Sympathisanten Raum gegeben hätte, um auch ihre Positionen zu reflektieren - und damit seinen Film und seine berechtigten Sorgen und Mahnungen auch für dieses Publikum zu öffnen. Die Krise des Systems betrifft ja alle Amerikaner, nicht nur frustrierte Linke.

insgesamt 39 Beiträge
hegoat 17.01.2019
1.
Moore ist ein Linker, der in seinen Filmen oft überspitzt und manchmal übertreibt, bzw. nur die halbe Wahrheit sagt. Das macht ihn leider nur bedingt glaubhaft, womit er seiner eigenen Sache einen Bärendienst erweist. Schade, [...]
Moore ist ein Linker, der in seinen Filmen oft überspitzt und manchmal übertreibt, bzw. nur die halbe Wahrheit sagt. Das macht ihn leider nur bedingt glaubhaft, womit er seiner eigenen Sache einen Bärendienst erweist. Schade, denn damit öffnet er jedem Konter und jeder Glaubwürdigkeitskritik Tür und Tor.
sven2016 17.01.2019
2. Wenn der Mann in seinen Filmen
nur nicht immer so simpel und platt argumentieren würde ... Ich erinnere mich an den "Überfall" zum überraschenden Interview mit dem damaligen NRA-Chef Charlton Heston, in dem er den alten Mann plötzlich ziemlich [...]
nur nicht immer so simpel und platt argumentieren würde ... Ich erinnere mich an den "Überfall" zum überraschenden Interview mit dem damaligen NRA-Chef Charlton Heston, in dem er den alten Mann plötzlich ziemlich unangenehm anging. Glanzstunde des politischen Reports war das nicht.
DJ Doena 17.01.2019
3.
Moore war ja einer der wenigen, die Trumps Wahlgewinn sogar vorausgesagt haben, weil sich die Linken/Liberalen/Demokraten so verhalten haben, wie sie es taten. https://www.youtube.com/watch?v=EekI4rBg9_U
Moore war ja einer der wenigen, die Trumps Wahlgewinn sogar vorausgesagt haben, weil sich die Linken/Liberalen/Demokraten so verhalten haben, wie sie es taten. https://www.youtube.com/watch?v=EekI4rBg9_U
defy_you 17.01.2019
4. Naja, der wahre Grund für Trump
ist doch genau das, was hier als Hoffnung aufgezeigt wird: "Und er sucht junge, radikale Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez aus New York oder Rashida Tlaib aus Michigan auf, um zu zeigen, dass noch nicht überall in der [...]
ist doch genau das, was hier als Hoffnung aufgezeigt wird: "Und er sucht junge, radikale Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez aus New York oder Rashida Tlaib aus Michigan auf, um zu zeigen, dass noch nicht überall in der Demokraten-Partei der Lobbyismus-Wurm drin ist." Gerade diese linken Radikalen treiben die Mittelschicht doch zu Trump. Es ist im Grund wie in Deutschland, wo Merkel aus der cdu eine zweite grüne Partei gemacht hat. Thaib ist nicht die Hoffnung der Demokraten, sondern kostet Ihnen richtig Stimmen.
niska 17.01.2019
5.
Trump ist ein Rechtsradikaler, der in seiner Politik meist überspitzt und immer übertreibt, bzw. niemals auch nur die halbe Wahrheit sagt. Das macht ihn leider völlig unglaubhaft, womit er seiner eigenen Sache einen [...]
Zitat von hegoatMoore ist ein Linker, der in seinen Filmen oft überspitzt und manchmal übertreibt, bzw. nur die halbe Wahrheit sagt. Das macht ihn leider nur bedingt glaubhaft, womit er seiner eigenen Sache einen Bärendienst erweist. Schade, denn damit öffnet er jedem Konter und jeder Glaubwürdigkeitskritik Tür und Tor.
Trump ist ein Rechtsradikaler, der in seiner Politik meist überspitzt und immer übertreibt, bzw. niemals auch nur die halbe Wahrheit sagt. Das macht ihn leider völlig unglaubhaft, womit er seiner eigenen Sache einen Bärendienst erweist. Schade, denn damit öffnet er jedem Konter und jeder Glaubwürdigkeitskritik Tür und Tor. Eine Glaubwürdigkeitskritik gerade von Seiten von Trumplovern wäre daher an absurder Skurilität nicht zu übertreffen.
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