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Kultur

Überlebenskampf in Moskau

Blut, Schweiß und Muttermilch

Warum lässt eine Frau ihr Neugeborenes in der Klinik zurück? In dem erschütternden Kinodrama "Ayka" erzählt Filmemacher Sergey Dvortsevoy vom Überlebenskampf einer Illegalen in Moskau.

Neue Visionen

Samal Yeslyamova in der Titelrolle der "Ayka"

Von Sven von Reden
Mittwoch, 17.04.2019   14:17 Uhr

Ayka rennt. Gerade hat die junge Kirgisin in Moskau ein Baby geboren - und schon ist sie auf der Flucht. Sie lässt ihr Kind zurück, weil sie es nicht ernähren kann, weil sie dringend arbeiten muss, weil ihr Schuldeneintreiber auf den Fersen sind. Damit nicht genug: Ein Schneesturm bedeckt Moskau meterhoch mit Schnee. Die Metropole bietet sich ihr so noch unwirtlicher dar.

Der kasachische Filmemacher Sergey Dvortsevoy debütierte 2008 als Spielfilmregisseur mit "Tulpan". Beim Filmfestival von Cannes gewann der damals 46-Jährige den Hauptpreis in der renommierten Nebensektion "Un Certain Regard"; es folgten mehr als ein Dutzend weitere internationale Auszeichnungen. In "Ayka" tauscht er die Weite der kasachischen Steppe "Tulpans" gegen die Enge einer Großstadt, den warmherzigen Blick auf skurrile Provinzler gegen das Porträt einer gnadenlosen Gesellschaft, in der nur das Recht des Stärkeren zählt.

Geblieben ist, dass er sich im weiteren Sinne Problemen der Familiengründung widmet: Ging es in "Tulpan" um die Schwierigkeiten der Brautschau in den spärlich besiedelten Weiten Zentralasiens, handelt "Ayka" von der schwierigen Situation alleinstehender schwangerer Migrantinnen.

Neue Visionen

Samal Yeslyamova in der Titelrolle der "Ayka"

Dass Babys in Moskauer Kliniken von ihren Müttern verlassen werden, ist keine filmgerechte Zuspitzung. Dvortsevoy wurde zu "Ayka" angeregt durch einen Zeitungsartikel, in dem für das Jahr 2010 von 248 zurückgelassenen Neugeborenen in Moskauer Kliniken allein durch kirgisische Mütter berichtet wurde. "Ich stand lange Zeit unter Schock, nachdem ich das gelesen hatte: Wie kann das sein?", schreibt Dvortsevoy in einem Regiekommentar zum Film.

Es ist Dvortsevoys inszenatorischem Können zu verdanken, dass Aykas Entscheidung am Ende geradezu unausweichlich erscheint. Dafür muss er gar nicht in die Zeit der Schwangerschaft der illegalen Arbeitsmigrantin zurückblenden. Ihr Leben ist auch ohne Baby prekär genug.


"Ayka"
RUS/D/PL/KAZ/CH/F 2018

Regie: Sergey Dvortsevoy
Drehbuch: Sergey Dvortsevoy, Gennadiy Ostrovskiy
Darsteller: Samal Yeslyamova, Zhipara Abdilaeva, Sergey Mazur, David Alavverdyan, Polina Severnaya
Produktion: Arte, Eurasia Film Production, Eurimages et al.
Verleih: Neue Visionen
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 18. April 2019


Vom Krankenhaus aus hastet Ayka atemlos zu ihrem Job: Geflügel rupfen im Akkord in einer engen und dreckigen Hinterhofbaracke. Kamerafrau Jolanta Dylewska fängt diese Bilder im Stile eines atemlosen Sozialrealismus ein, der eher dem Vorbild der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne folgt als dem des formal meist strengeren russischen Festivalkinos, für das Namen stehen wie Andrey Zvyagintsew ("Leviathan") oder Alexander Sokurow ("Faust"). Das analoge 35-mm-Material verleiht der Szenerie keine wohlige Wärme. In Kombination mit dem Dauerschnee trübt es eher die Sinne, taucht alles in eine leichte Unschärfe.

Auch Aykas Sinne sind benebelt. Als sie um ihren Lohn betrogen wird, hastet sie weiter durch Moskau auf der Suche nach Arbeit. Sie plagen Bauchkrämpfe. Packt sie sich zwischen die Beine, sind ihre Hände rot. Ihre Brüste schmerzen, da sie nicht stillen kann. Ein ständiger Strom von Blut, Schweiß und Milch scheint ihr zu entweichen.

Eigentlich müsste sie dringend zum Arzt, doch dafür fehlen Geld und Zeit. Die einzigen Schutzräume für Ayka sind immer wieder Toiletten, hinter deren verschlossenen Türen sie kurz zur Ruhe kommt. Es ist eine Tour de force sondergleichen, die auch Hauptdarstellerin Samal Yeslyamova hinter sich bringen musste - der Lohn war der Preis als beste Schauspielerin beim letztjährigen Filmfestival von Cannes.

Ein klein wenig Menschlichkeit erfährt Ayka nur von einer Landsmännin, die als Putzhilfe in einer Tierarztpraxis arbeitet, und von einer Ärztin, die sie, als nichts mehr geht, auf Pump behandelt. Doch das scheint marginal zu sein in einer Welt, die Ayka wieder und wieder ignoriert. Sie bleibt Einzelkämpferin und schreibt sich in eine männlich dominierte Tradition der Kinogeschichte ein. Sie ist eben nicht das Muttertier, das aufopferungsvoll ihren Nachwuchs beschützt, stattdessen braucht sie übermenschliche Kräfte, um gerade so zu überleben.

Was dann kommt, lässt Dvortsevoy offen. Ein filmisch herausragendes Werk, das in seinem Miserabilismus den Zuschauer ebenso hilflos zurücklässt wie seine Protagonistin.

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