Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Oscarprämierte Extremkletter-Doku

Gold oder Tod

Rund tausend Meter ragt El Capitan in die Höhe - und Extremkletterer Alex Honnold will hinauf, ohne Seil, Sicherung und Hilfe. Kann das gut gehen? Die Doku "Free Solo" zeigt magische Bilder vom Kampf am Fels.

Foto: Capelight
Von
Montag, 18.03.2019   17:36 Uhr

Gut möglich, dass man das Kino nach der Vorführung des Kletter-Opus' "Free Solo" mit einem steifen Nacken verlässt. Nicht etwa, weil man seinen Körper so verrenken müsste, wie es Alex Honnold tut, der da an einer senkrecht abfallenden Felswand hängt, die tausend Meter in die Höhe ragt. Glücklicherweise sitzt der Zuschauer selbst ja im bequemen Kinosessel. Aber man kommt aus dem Kopfschütteln einfach nicht mehr heraus. Das kann er doch nicht ernsthaft vorhaben. Das geht doch nicht.

Geht aber doch. Alex Honnold ist der erste Mensch, der eine "Freerider" genannte Route durch das Felsmassiv El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark kletterte. 975 Meter hoch. Und zwar ohne Seil, Sicherung und Hilfe. Ganz allein. Daher der Titel der Doku, die diesen Meilenstein der Klettergeschichte am 3. Juni 2017 festhielt: "Free Solo".

Die Bedeutung dieser Leistung, aber auch ihre tödliche Konsequenz, macht eine Analogie deutlich, die Honnolds Kletterpartner Tommy Caldwell im Film parat hat: "Das ist so, als wollte Alex die Goldmedaille im Freiklettern gewinnen. Allerdings gibt es keine Option auf Silber oder Bronze. Es gibt nur Gold - oder den Tod."

Fotostrecke

"Free Solo": 1000 Meter über dem Abgrund

Wirklich ermessen, worauf Alex Honnold sich da einlässt, kann man allerdings erst anhand der Bilder dieses Films. Wenn die Kamera vom Gipfel des El Capitan aus über den Rand des Granits schwenkt und in den Abgrund blickt, dreht es einem den Magen um. Und dann erst sieht man, dass da ja noch jemand am Felsen klebt, fast tausend Meter über dem Boden. Die Kamera von Jimmy Chin und seinen Mitstreitern übersetzt Honnolds Leistung gleichsam in Bilder: Mal ist sie ganz nah dran an dem Freeclimber, ertastet sich gleichsam mit ihm den Weg. Dann wieder zeigen Panorama-Einstellungen seinen zerbrechlichen Körper als Teil einer grandiosen, aber mitleidlosen Natur.

Wenn Honnolds Free-solo-Begehung des El Capitan Klettern pur ist, dann ist der Film von Jimmy Chin und der Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi Kino pur, eine Feier der kinetischen Energie dieser Kunstform. Für den diesjährigen Doku-Oscar waren Filme nominiert, die sozial und politisch engagierter waren. Ausgezeichnet aber wurde "Free Solo" mit seiner Magie der bewegten Bilder.

Tatsächlich stellt dieser Film die Macht der Kino-Maschine eindrucksvoll unter Beweis: Wir wissen ja, dass Honnold nicht in die Tiefe stürzen wird. Und trotzdem kann man vor Aufregung kaum still sitzen, wenn der Kletterer sich im letzten Viertel des Films tatsächlich endlich zu seiner Expedition aufmacht.


"Free Solo"
USA 2018
Regie: Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi
Darsteller: Alex Honnold, Dierdre Wolownick, Tommy Caldwell, Jimmy Chin
Produktion: Itinerant Films, Little Monster Films, National Geographic, Parkes+MacDonald Image Nation
Verleih: Capelight Pictures
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 21. März 2019


Bis dahin hat sich "Free Solo" aber auch abseits von Sequenzen, die für einen stark erhöhten Puls sorgen, als ernsthafte Erzählung etabliert. Das unterscheidet den Film von Pepe Danquarts 2017 erschienener Kletter-Doku "Am Limit", die die deutschen Bergsteiger Alexander und Thomas Huber ebenfalls am El Capitan beobachtete. Dort waren die Bilder ähnlich eindrucksvoll, aber seinen Protagonisten kam Danquart nicht wirklich nahe.

Mit Alex Honnold aber haben Chin und Vasarhelyi einen dankbaren, weil im besten Sinne eigenartigen Protagonisten gefunden. Ein schüchterner, stiller Mann, der seit Jahren in einem spartanisch eingerichteten Campingwagen lebt. Der widerstrebende Star einer Szene, die ähnlich wie im Skate- und Snowboarding mit den Insignien von Männlichkeit spielt und diese teils ironisch bricht, aber doch bei aller zur Schau gestellten Lässigkeit auch bestätigt.

Im Video: Der Trailer zu "Free Solo"

Foto: Capelight

Aber Honnold lebt eben nicht, wie der PR-Slogan zum Film behauptet, ein Leben ohne Angst. Mag sein, dass seine Amygdala, wie ein Hirn-Scan ergibt, später auf Angstreize reagiert als bei anderen Menschen. Im Alltag hilft ihm das nicht. Honnold muss lernen, sich emotional seiner Freundin zu öffnen. Lernen, das Wort "Liebe" in den Mund zu nehmen. Und mit der ungewohnten Tatsache umgehen, dass jetzt eine Frau in seinem Leben ist, die es nur schwer erträgt, wenn er wieder eine halsbrecherische Tour plant.

Am Berg, da ist das Leben eben vergleichsweise einfach: Der ständige Flirt mit dem Tod sorgt für eine drastische Klarheit. Vielleicht ist es diese Eindeutigkeit, die Honnold noch mehr sucht als die sportliche Herausforderung und den Ruhm. So wird "Free Solo" vom adrenalingetriebenen Bergsteiger-Abenteuer zum stillen Porträt eines Getriebenen. Ein aufreibendes Filmerlebnis zwischen Höhenflug und Höhenangst.

insgesamt 20 Beiträge
meister_proper 18.03.2019
1. Man kann die Nachricht von seinem Tod schon vorwegnehmen
Menschen wie Alex Honnold sind von diesem Kick so abhängig wie Cracksüchtige von ihrem Stoff. Nach einer dieser Aktionen können sie eine Zeit lang halbwegs normal leben, aber irgendwann wird der Druck zu groß und sie müssen [...]
Menschen wie Alex Honnold sind von diesem Kick so abhängig wie Cracksüchtige von ihrem Stoff. Nach einer dieser Aktionen können sie eine Zeit lang halbwegs normal leben, aber irgendwann wird der Druck zu groß und sie müssen das nächste Wahnsinnsprojekt angehen. Für ihr eigenes Leben sind sie selbst verantwortlich, aber den Menschen drumherum muss klar sein, dass der Tag kommt, an dem sie alleine dastehen.
d-c-r 18.03.2019
2. eher schade
Die sportliche Leistung wäre doch nicht geringer einzuschätzen, wenn er gesichert klettert.. Und diese Bühne verleitet junge Menschen, ihr Leben zu riskieren. Was macht ein normaler Profi nun, um Geld zu verdienen? Der TV- oder [...]
Die sportliche Leistung wäre doch nicht geringer einzuschätzen, wenn er gesichert klettert.. Und diese Bühne verleitet junge Menschen, ihr Leben zu riskieren. Was macht ein normaler Profi nun, um Geld zu verdienen? Der TV- oder Kinosessel-Bergsteiger wird ja nur noch gähnen, wenn er Haken und Seile sieht.
Papazaca 18.03.2019
3. Zutiefst unmoralisch, weil er ein negatives Vorbild ist
Der Mann kann machen, was er will, es ist sein Leben. Wenn er aber via Medien ohne Sicherung klettert, ist er ein schlechtes Vorbild für Kletterer, die sich vielleicht überschätzen. Und an deren Tod mitschuldig!
Der Mann kann machen, was er will, es ist sein Leben. Wenn er aber via Medien ohne Sicherung klettert, ist er ein schlechtes Vorbild für Kletterer, die sich vielleicht überschätzen. Und an deren Tod mitschuldig!
amadena 18.03.2019
4.
Dann sollte die Formel 1 aber auch aus dem Fernsehen verbannt werden. Immerhin wird darin vollkommen unnötig schnelles Fahren und riskante Überholmanöver propagiert. Sehr unverantwortlich das ganze... BTT.: Die Doku ist [...]
Zitat von PapazacaDer Mann kann machen, was er will, es ist sein Leben. Wenn er aber via Medien ohne Sicherung klettert, ist er ein schlechtes Vorbild für Kletterer, die sich vielleicht überschätzen. Und an deren Tod mitschuldig!
Dann sollte die Formel 1 aber auch aus dem Fernsehen verbannt werden. Immerhin wird darin vollkommen unnötig schnelles Fahren und riskante Überholmanöver propagiert. Sehr unverantwortlich das ganze... BTT.: Die Doku ist auf jeden Fall einen Blick wert. Herr Honnold ist ein Weltklassekletterer und die Aufnahmen sind mehr als nur gelungen.
Sysyphos unkaputtbar 18.03.2019
5. Mir fällt dazu immer Werner Schneyder ein,
der mal das Sportstudio moderiert hat. Als Niki Lauda mit seinem verbrannten Gesicht seine Rückkehr in die Formel 1 angekündigt hat, kommentierte Werner Schneyder: jetzt weiß ich endlich was hirnverbrannt ist. Wenn ich Niki [...]
der mal das Sportstudio moderiert hat. Als Niki Lauda mit seinem verbrannten Gesicht seine Rückkehr in die Formel 1 angekündigt hat, kommentierte Werner Schneyder: jetzt weiß ich endlich was hirnverbrannt ist. Wenn ich Niki Lauda sehe und solche Menschen, fällt mir immer dieser Spruch ein. Reinhold Messner hat es zwar selbst überlebt, aber nicht alle die ihn begleitet haben.
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP