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Kultur

Stalking-Thriller "Greta"

Isabelle Huppert ist hinter dir her

Alt und jung, Einsamkeit und familiäre Nähe verbinden sich im Psychothriller "Greta" zu einem Spiel aus Paranoia und psychischer Gewalt. In der Titelrolle glänzt Isabelle Huppert mit liebreizendem Wahnsinn.

Foto: capelight pictures/ Ascot Elite
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Mittwoch, 15.05.2019   17:48 Uhr

Eine Version von Frank Sinatras "Where Are You" weckt gleich zu Beginn von "Greta" bittersüßes New-York-Gefühl. Die silbernen Waggons der Subway rauschen vorüber; ein Lokal versinkt im dämmrigen Kerzenlicht. Und über all dem schweben jene dahin gehauchten Zeilen, thematisch passend eingesungen von einer weiblichen Stimme: "Where are you? / Where have you gone without me? / I thought you cared about me / Where are you?"

Zwei Frauen, Greta Hideg (Isabelle Huppert) und Frances McCullen (Chloë Grace Moretz), durchwandeln dieses New York, das mitunter wie eine Schablone anmutet. Manhattan und Brooklyn müssen anhand weniger Einstellungen unterscheidbar werden. Ein, zwei Aufnahmen der Brücken, die beide Teile miteinander verbinden, um sich zu orientieren.

Das klappt. Und es macht deutlich, wie vertraut New York in seinen geographischen Kennungen ist. So vertraut, dass ein Regisseur wie Neil Jordan, der Ire ist, noch nicht einmal in New York zu drehen braucht, um einen Film zu machen, der in New York spielt. Lediglich einige Außenaufnahmen reichen, um den Effekt zu erzeugen. Das meiste, was in "Greta" zu sehen ist, wurde in Dublin und Toronto inszeniert.

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"Greta" von Neil Jordan: In die Falle gelockt

Jordan, dessen bekanntester Film vielleicht "Interview mit einem Vampir" (1994) ist, inszeniert hier geschickt, indem er nicht nur auf städtische Wiedererkennungseffekte setzt, sondern auch auf die Erwartungen eines ans Psychothrillergenre gewöhnten Publikums. Und darüber hinaus mit einem Horrorsubgenre spielt, das auf den schönen Namen Psycho-biddy hört.

In ihm lehrt eine hexenartige Alte das Fürchten. Das Besondere: Zumeist handelt es sich um vormals überaus glamouröse Erscheinungen. Wie Bette Davis und Joan Crawford in Robert Aldrichs "What Ever Happened to Baby Jane" (1962) oder, weniger bekannt, Shelly Winters als liebeshungrige Reiche mit Kinderleiche unterm Dach in Curtis Harringtons märchenhaften "Who Slew Auntie Roo?" von 1971.

Gerade mit dieser Auntie Roo hat Isabelle Huppert als Greta Hideg nicht wenig gemein. Beide haben am Verlust einer Tochter zu tragen. Und beide locken Waisen - im Falle von Frances eine Halbwaise - ins Haus, um den Verlust zu lindern, wenn nicht auszugleichen. Warb Auntie Roo mit opulenten Weihnachtsfeiern um die Gunst der armen Kinderlein aus dem nächsten Heim, legt Greta ihre Fallen in Form von ansehnlichen Damenhandtaschen aus, die sie, mit einem Adresskärtchen versehen, in U-Bahnabteilen platziert. Dort lauern sie, offenbar erfolgreich, auf junge Mädchen wie Frances.


"Greta"
Irland / USA 2018

Regie: Neil Jordan
Buch: Ray Wright, Neil Jordan
Darsteller: Isabelle Huppert, Chloë Grace Moretz, Maika Monroe
Produktion: Sidney Kimmel Entertainment, Lawrence Bender Productions, Little Wave Productions
Verleih: Ascot Elite Entertainment Group
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 98 Minuten
Start: 16. Mai 2019


Und fraglos ist man, nachdem man Greta, eine ältliche, aber aparte Französin (jedenfalls gibt sie sich als eine solche aus) kennengelernt hat, unverzüglich bereit, mit ihr auf einen Kaffee zu gehen und Risottorezepte zu tauschen - wie es auch Frances anfänglich tut. Lediglich deren beste Freundin Erica Penn (Maika Monroe) kommt das plötzliche Anbändeln merkwürdig vor.

Und als sich Gretas Avancen intensivieren, ist sie es, die weiß: "The crazier they are, the harder they cling." Erica ist der dritte Strang in dieser sonderbaren Freundinnen-Feindinnen-Verknotung, eine sexy aufgemachte Yogafanatikerin, der Neil Jordan aber doch etwas mehr Handlungsspielraum einräumt als eine Skorpionhaltung im Handstand.

Sowieso ist hier, neben der sich zuspitzenden Story um Stalkerin Greta (die auch mit einigen nekrophilen Anleihen versehen wurde), einiges mehr zu entdecken, als es zunächst den Anschein macht. Etwa der an die Wand genagelte rote Stern, unter dem sich Frances in ihrem großzügigen Apartment im Stadtteil Tribeca niederlässt, und der von drohendem Unheil kündet. Denn kurze Zeit später sorgt ein überraschender Ohnmachtsanfall dafür, dass die Ungarin, die Greta in Wirklichkeit ist, die wohlbehütete Amerikanerin aus der Worth Street in Richtung Osten, also Brooklyn, verschleppen kann.

Im Video: Der Trailer zu "Greta"

Foto: capelight pictures/ Ascot Elite

So klimpert "Greta" möglicherweise noch auf einer ganz anderen Klaviatur, die politischer Natur ist. Möglich aber auch, dass dieser Eindruck einer im Hintergrund arbeitenden Paranoia geschuldet ist, die sich zwar nicht perfekt, aber immer wieder genussvoll in diesen Film flicht.

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