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Kultur

Mit Rechten reden

"Kleine Germanen" und ihre Eltern? Nicht groß beachten!

Ein Dokumentarfilm über Kinder, die von Rechten erzogen werden: In "Kleine Germanen" erkennt unser Autor einen medialen Nihilismus, den auch sein Roman kritisiert: Er bildet völkische Fassaden ab, statt sie zu entlarven.

Little Dream

Die kleine Elsa salutiert: Szene aus "Kleine Germanen"

Ein Gastbeitrag von Jörg-Uwe Albig
Samstag, 18.05.2019   17:37 Uhr

Dieser Text ist ein Problem. Er beschäftigt sich mit etwas, das er ablehnt, das aber durch diese Beschäftigung womöglich tendenziell stärker wird. Das verbindet ihn mit einer großen Zahl von Texten, Ton- und Bildbeiträgen, die darin allerdings überhaupt kein Problem sehen. Und schon gar nicht darüber nachdenken.

Zum Autor

Der Anlass dieses Textes ist fast austauschbar. Zufällig ist es ein Film, der gerade im Kino läuft und bald auch in 500 deutschen Schulen. Er heißt "Kleine Germanen" und ist eine Mischung aus Dokumentar- und Animationsfilm - Animation deswegen, weil es den Machern nicht gelang, echte Kleingermanen vor die Kamera zu kriegen. Sein Thema: die Kindererziehung in der sogenannten "Neuen Rechten" (die ungefähr das Altmodischste und Rückwärtsgewandteste ist, das man sich vorstellen kann, die aber als neu durchgeht, seitdem Journalisten eingewilligt haben, sie so zu nennen).

Die Leerstellen füllt der Film mit Bildern selbstvergessen spielender, meist flachsblond gecasteter Kinder auf Wiesen und Stränden, untermalt von vage warnenden Expertenstimmen aus dem Off - und mit (zum Gähnen harmlosen) Monologen rechter Aktivisten: der national gesinnte Mini-Verleger; seine Frau, die in seinem Verlag publiziert; der Anführer einer völkischen Jugendgruppe, die in ganz Deutschland etwa 400 Mitglieder hat, ungefähr so viele wie der Kneipp-Verein Dinslaken oder der Angelsportverein Rotenburg/Wümme.

Es sind Figuren, deren gesellschaftliche Bedeutung nicht besonders groß ist. Sie leiten keine Konzerne, bekleiden keine öffentlichen Posten, bespielen keine wichtigen Medien, können auch nicht besonders gut singen oder Fußball spielen. Wer Presse und Fernsehen halbwegs fleißig verfolgt, kennt sie trotzdem - denn es sind immer die gleichen Gestalten, die durch unermüdliche Rotation in den bei ihnen verhassten "Mainstream-Medien" inzwischen fast so etwas wie rechtsextreme Popstars geworden sind. Und weil das so ist, verzichtet der problematische Text, den Sie gerade lesen, mehr kann er nicht tun, wenigstens darauf, ihre Namen zu nennen.

In meinem aktuellen Roman "Zornfried" stößt der Reporter einer Tageszeitung auf die Gedichte eines völkischen Dichters namens Storm Linné. Die klingen dann etwa so:

"Und wenn auch brunst-geschmeiß und vieh die kirchen fluten / Wenn hass aufs eigne schrill vor den altären klingt / Wenn üble priester mann und mann vermählen / Und grauser chor der massen herrschaft singt..."

Der Reporter hat von dem Dichter noch nie etwas gehört. Aber in einem Mix aus morbider Faszination, Aufklärungswille und Sensationsgier macht er sich auf den Weg zur Burg Zornfried im Spessart, wo der Poet inmitten seiner wunderlichen Entourage residiert. Dass er damit dem Dichter weit über dessen eingeschworene Fanbasis hinaus Prominenz verschafft und auch unfreiwillig neue Anhänger zutreibt, darf den Reporter nicht irritieren. Er tut, wie man in Deutschland so sagt, nur seine Pflicht.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Jörg-Uwe Albig
Zornfried: Roman

Verlag:
Klett-Cotta
Seiten:
159
Preis:
EUR 20,00

Ihn treibt sein journalistisches Ethos. Ein medialer Nihilismus, der so tut, als wäre alles, was er vorfindet, in gleichem Maß berichtenswert - als wäre nicht jede Reportage, jedes Porträt, jede Namensnennung von vornherein schon eine unwahrscheinlich kühne Auswahl, eine winzige Bodenprobe aus der tausendschichtigen Geologie der Welt.

Bei dieser Auswahl spräche für die rechten Jungmannen eigentlich nicht viel mehr als für die etwa gleich starken Wassertreter von Dinslaken. Die aber bleiben unbeachtet. Warum also der völkische Jugendklub? Vielleicht ist es das publizistische Kalkül mit dem Grusel, das in der Vergangenheit immer wieder die schönsten Hitler-Titelblätter hervorgebracht hat.

Little Dream

Elsa und ihr Großvater: Das Verborgene müsse schon irgendwann durchscheinen

Dabei mündet diese Beschäftigung meist nicht in dem klassischen Enthüllungsjournalismus, der hinter die Fassaden schaut und dort Unterschlagungen, Grabenkämpfe und zwielichtige Finanziers entdeckt. Sie begnügt sich vielmehr mit der maßstabsgetreuen Abbildung dieser Fassaden - offenbar in der Hoffnung, das Verborgene müsse schon irgendwann und irgendwie durchscheinen. Vielleicht wie in der Erzählung Edgar Allan Poes, in der ein Herzklopfen unter den Dielen schließlich doch das Versteck der Leiche verrät.


"Kleine Germanen"
Deutschland, Österreich 2018
Regie: Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger
Drehbuch: Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger, Armin Hofmann
Darsteller: Aybi Era, Andre Grave
Produktion: Brave New Work GmbH, Little Dream Entertainment; Golden Girls Filmproduktion
Verleih: Camino Filmverleih GmbH, Little Dream Pictures GmbH
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 9. Mai 2019


Man könnte, wenn schon der Aufklärungswert solcher Oberflächen-Scans begrenzt ist, das unaufhörliche (und oft überproportionale) Reden über Rechts immerhin als Zeichen-Setzen begreifen, als Flagge-Zeigen, als Ausweis der eigenen demokratischen Haltung - eine Art Demo am Computer oder der Kamera. Allerdings leidet auch das Demonstrieren auf der Straße oft unter dem gleichen Dilemma wie das Schreiben, Filmen und Fotografieren.

Am 27. Mai 2018 zogen aus ganz Deutschland rund 5000 AfD-Anhänger, die Zuschauerzahl eines besseren Viertliga-Fußballspiels, zum "Tag der Abrechnung" vom Berliner Hauptbahnhof zum Reichstag. Die Strecke führte durch so gut wie unbewohntes Gebiet, und weil Sonntag war, blieben wohl auch die Büros unbesetzt. Jeden Tag marschieren durch Berlin im Schnitt zwölf Demonstrationszüge, von denen meist kaum jemand etwas erfährt.

Die Illusion von Bürgerkrieg

Und auch von dieser Aktion hätten vielleicht nur wenige etwas mitbekommen - wären nicht auch 25.000 Gegendemonstranten angetreten, um Flagge zu zeigen. So landete die Kundgebung, inklusive Redebeiträgen von Funktionären und Mitläufern, problemlos abends in der Tagesschau.

In meinem Roman "Zornfried" versammeln sich an einem regnerischen Tag Antifaschisten aus Aschaffenburg vor der Burg, um gegen die rechten Umtriebe im Wald zu protestieren. Die Burgbewohner stehen auf dem Turm und feiern den Aufmarsch mit Billigsekt, in dem eingemachte Erdbeeren schwimmen. Das frierende Häuflein Demonstranten zu ihren Füßen verschafft ihnen immerhin die Illusion vom Bürgerkrieg, ohne die der nationale Kämpfer nicht leben kann.

In seinem Tagebuch "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" (das keineswegs privat war, sondern bis 1943 in 41 Auflagen gedruckt wurde) schrieb Joseph Goebbels über den 14. Juni 1932: "Abends gehe ich mit 40, 50 SA-Führern, die in voller Uniform trotz Verbot aufkreuzen, in ein großes Café am Potsdamer Platz, um zu provozieren. Wir haben nur den einen sehnlichen Wunsch, dass die Polizei uns verhaftet."

Aber dann die Enttäuschung: "Leider tut uns der Alexanderplatz (damals Sitz des Polizeipräsidiums, JUA), der uns doch sonst so manchen Dienst erwies, diesen Gefallen nicht. Ganz langsam spazieren wir um Mitternacht über Potsdamer Platz und Potsdamer Straße. Aber kein Aas rührt sich."

Stell dir vor, es ist Rechtspopulismus, und keiner schaut mehr hin.

insgesamt 14 Beiträge
otto_habsburger 18.05.2019
1. Krebs muss bekämpft werden
... bevor er sich ausbreitet. Ihn zu leugnen, zu ignorieren ist das Schlechteste, was wir machen können.
... bevor er sich ausbreitet. Ihn zu leugnen, zu ignorieren ist das Schlechteste, was wir machen können.
Lorah 18.05.2019
2. Aber ...
... und das ist der richtige Punkt hier, man kann das auch auf Seite 4 bringen, zwischen zwei Beiträgen über eben die Wassertreter aus Dinslaken und deren Jugendmannschaft und in der gleichen Diktion und Kürze. Dort wo sie eben [...]
... und das ist der richtige Punkt hier, man kann das auch auf Seite 4 bringen, zwischen zwei Beiträgen über eben die Wassertreter aus Dinslaken und deren Jugendmannschaft und in der gleichen Diktion und Kürze. Dort wo sie eben zahlenmäßig hingehören. Man muss dann eben alles lesen und nicht nur die ersten drei Seiten. Da hat auch der Leser in seinem Medienverhalten eine Verantwortung.
noalk 18.05.2019
3. Vortrefflich beschrieben
Dieser Artikel gehört in jedes Lehrbuch für Journalisten. @1: Es gibt etwas, das noch schlechter ist: Ihm durch unnötiges Darauf-Aufmerksam-Machen zum Wachsen zu verhelfen.
Dieser Artikel gehört in jedes Lehrbuch für Journalisten. @1: Es gibt etwas, das noch schlechter ist: Ihm durch unnötiges Darauf-Aufmerksam-Machen zum Wachsen zu verhelfen.
paysdoufs 19.05.2019
4. Dass ich das noch
erleben darf: Ein Meinungsartikel im Spiegel, der zu mehr Gelassenheit im Kampf gegen "Rechts" mahnt. Ob den auch die restliche Redaktion liest? ;-) Die Hoffnung stirbt zwar bekanntlich zuletzt, aber schon der erste Kommentar [...]
erleben darf: Ein Meinungsartikel im Spiegel, der zu mehr Gelassenheit im Kampf gegen "Rechts" mahnt. Ob den auch die restliche Redaktion liest? ;-) Die Hoffnung stirbt zwar bekanntlich zuletzt, aber schon der erste Kommentar hier zeigt ja dass sie leider unberechtigt ist: Wo gegen-Rechts-sein der einfachste Weg geworden ist ein wenig Selbstbeweihräucherung und Eigenlob abzugreifen, da ändern sich auch die eingeschliffenen Verhaltensweisen nicht. PS: Schade dass 500x mal wertvolle Unterrichtszeit für solchen Kappes verschwendet wird!
nach-mir-die-springflut 19.05.2019
5. Der Nationalist, der um den den Rechtsraum diskutiert
Wenn Sie das so offen in den Rezensionen zu Merkels Hotel und ihren Gäste sagen, werden Sie schnell als Nazi gebrandmarkt. Aber Sie haben natürlich Recht damit, wenn die Deutschen in Zonen und Schulen zur verhassten und [...]
Zitat von otto_habsburger... bevor er sich ausbreitet. Ihn zu leugnen, zu ignorieren ist das Schlechteste, was wir machen können.
Wenn Sie das so offen in den Rezensionen zu Merkels Hotel und ihren Gäste sagen, werden Sie schnell als Nazi gebrandmarkt. Aber Sie haben natürlich Recht damit, wenn die Deutschen in Zonen und Schulen zur verhassten und drangsalierten Minderheit werden, man dem entgegenwirken muss. Ich würd's nur so drastisch nicht ausdrücken, 's klingt so sehr nach dem 3. Reich (und wir wissen ja, was aus dem geworden ist). Außerdem geht's nicht um die Gäste, es geht um die Administratoren des Hotels. Niemand sagt, dass Sie ein Patriot sein müssen. Lieben und lieben lassen.
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