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Kultur

Kinoentdeckung "Liebesfilm"

Wenn nur der Sommer so wird wie dieser Film!

Kind kriegen oder weiterfeiern? In dem deutschen Debüt "Liebesfilm" navigiert sich ein ungleiches Paar mit grandiosem Witz und Leichtigkeit durch die großen Fragen - unser Film der Woche

Grandfilm
Von
Donnerstag, 02.05.2019   12:14 Uhr

Ein Mann Mitte Dreißig und eine etwas ältere Frau verlieben sich. So beginnt die vielleicht größte Überraschung des deutschen Kinojahres: Eine romantische Komödie, die genau das ist, romantisch und lustig.

Das Phänomenale am ersten Spielfilm von Robert Bohrer und Emma Rosa Simon liegt in seiner Leichtigkeit und Dynamik. Qualitäten, die im Kino gar nicht so leicht zu fassen sind. Nebenbei, zufällig, wie ein Unfall ereignen sich in "Liebesfilm" die kleinen großen Momente zwischen Ira und Lenz. Ihr bizarres erstes Treffen auf einer Party am Lagerfeuer, ihr quasi sofortiges Verlieben, fast schon widerwillig ihr nachgeschobenes Kennenlernen zwischendurch und bald der erste größere Zoff - denn sie will ein Kind, und er ist dafür alles andere als bereit.

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"Liebesfilm": Schöner wird's nicht

Schon von der Energie, die Ira in seinen Alltag bringt, ist Lenz ziemlich überfahren. Sie, eine Frau mit geheimem IT-Job und Einsätzen an allen Enden der Welt, haut ihn um. Da hat sie noch gar nicht angefangen, in der Autowaschanlage über Fortpflanzung zu reden. Das Auffälligste an Lenz ist sein riesiges Lächeln. Vielleicht sind es die Drogen, vielleicht die Freiheit, die er sich nimmt, für nichts und niemanden verantwortlich zu sein. Er, den am meisten die regelmäßigen Telefonate mit dem Vater charakterisieren, montagmittags in Berlin.

Gemütlich torkelt er auf die Straße, mindestens noch etwas verkatert, vielleicht auch benebelt, geht ans Handy, schwadroniert etwas von einer Vorstandssitzung und erzählt, wie beschäftigt er ist. Weil er es so lässig amüsiert behauptet, ist allen sofort klar - dem Vater nicht weniger als dem Zuschauer oder Lenz selbst -, dass es das Gegenteil von wahr ist.

Sind Lügen eigentlich noch Lügen, wenn keiner daran glaubt? "Liebesfilm" ist eine Ode an die Erfindung, ans Märchen und an die parabelhafte Verschränkung des Privaten mit den großen moralischen Fragen unserer Gegenwart. Im Modus einer kleinen, aber nicht unwesentlichen historischen Verschiebung findet der Film nicht heute, sondern vor ein paar Jahren statt. Ungefähr markiert ist das mit zwei Ereignissen, die medial lange ausgekostet wurden und in der Fiktion sehr dicht aufeinander folgen: die Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia und das mysteriöse Verschwinden von Flug MH370 der Malaysia Airlines.


"Liebesfilm"
Deutschland 2018

Drehbuch und Regie: Robert Bohrer, Emma Rosa Simon
Darsteller: Eric Klotzsch, Lana Cooper, Gerdy Zint, Hartmut Becker, Sabine Vitua
Produktion: Basisfilm, Das kleine Fernsehspiel, DFFB
Verleih: Grandfilm
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 82 Minuten
Start: 2. Mai 2019


Klar, dass ein sich in Luft auflösendes Flugzeug die Fantasie eines Tagträumers wie Lenz anstachelt. Mehr aber noch beschäftigt ihn die Geschichte vom Kapitän, der seine Passagiere im Stich gelassen hat. Lenz hört nicht nur im Radio vom Schiffsunglück, in einem von vielen surrealen Momenten trifft er den italienischen Kapitän im WG-Badezimmer.

Auf eine Art dient das als Entlastung, mal so von Mann zu Mann zu quatschen, wie man seiner Verantwortung am besten entkommt. Gleichzeitig ist der komödiantisch eingesetzte Kapitän natürlich auch eine Warnung, die bloß keiner allzu ernst nimmt.

Zum Geheimnis von "Liebesfilm" und seiner besonderen Wirkung gehört, dass die Leichtigkeit seiner Darstellung nicht nur durch das schlaue Drehbuch mit den ständigen kleinen Winkelzügen hergestellt wird, sondern vor allem durch die Inszenierung der beiden Hauptdarsteller. Lana Cooper und Eric Klotzsch sind Energiequelle und Ankerpunkt in dem Reigen. Sie sind so unmittelbar, eigensinnig und mit aller Kraft da, dass sie alles zum Schwingen bringen. Sie transportieren, jeder für sich, eine Präsenz ständiger Aufregung, als könnten sie jederzeit explodieren.

Von Lana Cooper, für viele auch improvisierte Filme wie "Love Steaks" bekannt, konnte man das erwarten. Eric Klotzsch dagegen ist eine verblüffende Entdeckung. Bisher überwiegend fürs Fernsehen tätig, vor allem für die recht statisch und überdeutlich gespielte ZDF-Vorabendserie "Bettys Diagnose", ist es beeindruckend, wie hyperexpressiv er die Register der körperbetonten Komik zieht. "Liebesfilm" erweckt das zum Leben und nutzt es für viele eindrückliche Momente, romantisch und zeitgenössisch.

insgesamt 2 Beiträge
vera gehlkiel 02.05.2019
1.
Liebe Drehbuchautor*innen dieser Welt: erfindet doch bitte einen, nur einen einzigen Liebesfilm, in welchem das Weibchen nicht direkt nach dem Kennenlernen ein Kind vom Männchen haben will. Der große Bogen des Lebens und [...]
Liebe Drehbuchautor*innen dieser Welt: erfindet doch bitte einen, nur einen einzigen Liebesfilm, in welchem das Weibchen nicht direkt nach dem Kennenlernen ein Kind vom Männchen haben will. Der große Bogen des Lebens und besonders des Geschlechtlichen ist vielleicht schon weiter gespannt, als einem es vorkommt, schaut man regelmäßig "Bauer sucht Frau". Ein paar meiner Beziehungen (Männer mal jünger mal älter auch mal gleichalt, jedoch nur seltener "liebenswerte Tagtraeumer die man einfach gern haben muss") scheiterten explizit am unstillbaren Verlangen von Männern, mich zur Mutter ihrer Kinder machen zu sollen. Vielleicht bin ich derart unnormal, dass sich für mich ein eigener Film leider gar nicht lohnt. Naja, gefragt habe ich jetzt wenigstens!
cobaea 02.05.2019
2.
Nö, Sie sind nicht unnormal - bzw. sonst bin ich es auch - und das wäre mir neu. Ich weiss auch nicht, weshalb in Filmen nie thematisiert wird, dass Männer mindestens genauso darauf fixiert sind, ihre Gene in die nächste [...]
Zitat von vera gehlkielLiebe Drehbuchautor*innen dieser Welt: erfindet doch bitte einen, nur einen einzigen Liebesfilm, in welchem das Weibchen nicht direkt nach dem Kennenlernen ein Kind vom Männchen haben will. Der große Bogen des Lebens und besonders des Geschlechtlichen ist vielleicht schon weiter gespannt, als einem es vorkommt, schaut man regelmäßig "Bauer sucht Frau". Ein paar meiner Beziehungen (Männer mal jünger mal älter auch mal gleichalt, jedoch nur seltener "liebenswerte Tagtraeumer die man einfach gern haben muss") scheiterten explizit am unstillbaren Verlangen von Männern, mich zur Mutter ihrer Kinder machen zu sollen. Vielleicht bin ich derart unnormal, dass sich für mich ein eigener Film leider gar nicht lohnt. Naja, gefragt habe ich jetzt wenigstens!
Nö, Sie sind nicht unnormal - bzw. sonst bin ich es auch - und das wäre mir neu. Ich weiss auch nicht, weshalb in Filmen nie thematisiert wird, dass Männer mindestens genauso darauf fixiert sind, ihre Gene in die nächste Generation weiter zu reichen, wie viele Frauen. Daran sieht man, wie fest alte Rollenklischees immer noch in den Köpfen sitzen - auch in jenen, die Leuten gehören, die sich selbst als "fortschrittlich" und "offen" bezeichnen.
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