Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Komödie mit Nick Nolte und Robert Redford

Wo sich Mann und Bär gute Nacht sagen

Sie sind dann mal weg: In der Kinokomödie "Picknick mit Bären" begeben sich Robert Redford und Nick Nolte auf das amerikanische Pendant zum Jakobsweg. Statt Selbsterkenntnis gibt es aber Stuhlgangwitze.

Von
Freitag, 16.10.2015   19:16 Uhr

Für Amerikaner ist der 3500 Kilometer lange Appalachian Trail, was für Europäer der Jakobsweg ist. Nur dass die Pseudoreligiosität durch eine pseudospirituelle Naturerfahrung ersetzt wird. Hier sucht und findet Mann sich selbst. Spätestens seit "Walden", dem Einsiedlerklassiker des US-Schriftstellers Henry David Thoreau, ist dies ein existenzieller Teil amerikanischer Kerl-Kultur. Denn wo lässt es sich besser leiden, als auf den holprigen Wanderwegen durch die wilden Wälder Nordamerikas, wo sich der moderne urbane Mann noch ein letztes Stück Urtümlichkeit gönnt?

So auch in "Picknick mit Bären": Darin ziehen Bill (Robert Redford) und Katz (Nick Nolte) in ihrer Midlife-Crisis los, um sich abseits der Annehmlichkeiten heimischer Häuslichkeit ein bisschen zu quälen. Die Frauen dürfen auf die gloriose Heimkehr der Selbstfindungswanderer hoffen und höchstens mal besorgt von zu Hause anklingeln (Emma Thompson in ihrer Paraderolle als verständnisvolle Ehefrau); oder die quasselnde Mitwanderin geben (Kristen Schaal in ihrer Paraderolle als Nervensäge). Es geht hier nämlich ums Wesentliche: der Mann gegen die Natur - und gegen sich selbst.

Fotostrecke

"Picknick mit Bären": Seniorenpicknick in den Appalachen
In ihren Rollen quälen sich die beiden Schauspielveteranen durch die Appalachen: Nolte darf ächzen und schnaufen und stolpern. Er muss sich sogar ohne Hosen aus einem Motel-Fenster vor der Verfolgung durch einen wütenden Ehemann winden. Das hat eine Körperlichkeit, die eher in Richtung Bud-Spencer-Humor als Buster-Keaton-Komik abgleitet. Man geniert sich fast ein wenig dabei, diesen großen alten Schauspielern beim Scheitern zuzugucken.

Nolte und Redford verkörpern das klassische Hassliebe-Duo, das über die Laufzeit eines Spielfilms zueinander findet. In diesem Fall das Alter Ego des Schriftstellers Bill Bryson und sein ehemaliger Kumpel Katz, mittlerweile durch Alkoholismus und ein versifftes Leben gekennzeichnet. Diese Charaktereigenschaften nimmt man Noltes bulligem Spiel ohne Weiteres ab, schade nur, dass "Picknick mit Bären" daraus keine echte Geschichte entstehen lässt, sondern lieber dem nächsten Witz zum Stuhlgang im Wald nacheilt.

Das hat auch Brysons süffisanter Schreibton nicht verdient, der ihn nicht nur mit der Vorlage zu diesem Film zu einem der erfolgreichsten Bestsellerautoren des englischsprachigen Raums gemacht hat. Immerhin ist die Landschaft sehr schön anzuschauen, mit all ihrer sanften grünen Weite.

Zuletzt probierte Redford als Bösewicht in "Captain America: The Return of the First Avenger" mal andere Gefilde aus, sonst spielt er sich seit Jahren eher nur noch selbst. Dabei scheint ihm offensichtlich stets daran gelegen, auch im geschmeidigen Alter von 79 seine physische Unzerstörbarkeit vorzuführen: Ob allein auf hoher See oder jetzt eben im Wald. Redford stratzt hier, mit Nordic-Walking-Stöcken bewaffnet, durch die Wildnis - mit einem Gesicht, das inzwischen selbst wie ein zerklüfteter Canyon aussieht, und Nolte, 74, tapst kurzatmig hinterher. Immerhin eine schöne Parallele zu den jeweiligen Schauspielkarrieren der beiden Senioren.

Seine Stärken hat "Picknick mit Bären" nur in den Momenten, in denen er seinen Stars zugesteht, ihre Sentimentalität in ruhigeren Szenen auszuspielen. Und selbst dann sind die Wipfel der Bäume auf den Appalachen noch die faszinierenderen Akteure.

Im Video: Der Trailer zu "Picknick mit Bären"

Picknick mit Bären

USA 2015

Originaltitel: A Walk in the Woods

Regie: Ken Kwapis

Drehbuch: Rick Kerb, Bill Holderman; basierend auf dem gleichnamigen Buch von Bill Bryson

Darsteller: Robert Redford, Nick Nolte, Kristen Schaal, Nick Offerman, Mary Steenburgen, Emma Thompson

Verleih: Alamode Film

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 0 Jahren

Start: 15. Oktober 2015

insgesamt 5 Beiträge
dasrichi 16.10.2015
1.
Nun aus der künstlerischen Sicht ist der Film natürlich eher eine 4- oder 5. Aber: Den zahlreichen "ich-will-heute-Abend-solide-Unterhaltung-im-Kino-mit-meiner-guten-Freundin-Renate"-Frauen wird der Film gefallen. Denn [...]
Nun aus der künstlerischen Sicht ist der Film natürlich eher eine 4- oder 5. Aber: Den zahlreichen "ich-will-heute-Abend-solide-Unterhaltung-im-Kino-mit-meiner-guten-Freundin-Renate"-Frauen wird der Film gefallen. Denn denen ist dieser Film schon Arthouse genug. "Der Redford spielt mit? Hach, so ein toller Schauspieler..." Allemal besser als FJG2....
Miere 17.10.2015
2. So vom ersten Eindruck her ...
Müsste der Katz-Darsteller nicht dick und unsportlich aussehen, nach der Vorlage? Das Buch ist jedenfalls sehr zu empfehlen.
Müsste der Katz-Darsteller nicht dick und unsportlich aussehen, nach der Vorlage? Das Buch ist jedenfalls sehr zu empfehlen.
fördeanwohner 17.10.2015
3. -
Habe vorgestern bei NDR Info eine Empfehlung für diesen Film gehört. Dort klang das ganz anders. Hmm, am besten sollte man sich wohl keine Filmkritiken zu Gemüte führen. Allerdings stimme ich mit den SPON-Rezensionen sehr [...]
Habe vorgestern bei NDR Info eine Empfehlung für diesen Film gehört. Dort klang das ganz anders. Hmm, am besten sollte man sich wohl keine Filmkritiken zu Gemüte führen. Allerdings stimme ich mit den SPON-Rezensionen sehr häufig nicht überein. Was sagt denn Bill Bryson selbst zu der Adaption seiner Geschichte? Das wäre mal ein Kriterium, immerhin ist der Mann tatsächlich so etwas wie ein literarisches Genie.
Sibylle1969 17.10.2015
4. Midlife Crisis?
Die beiden Hauptdarsteller sind meines Wissens über 70, da kann von Midlife Crisis keine Rede mehr sein. Davon mal abgesehen bin ich ein großer Fan von Bill Bryson, von dem ich fast alle Bücher im Original gelesen habe, [...]
Die beiden Hauptdarsteller sind meines Wissens über 70, da kann von Midlife Crisis keine Rede mehr sein. Davon mal abgesehen bin ich ein großer Fan von Bill Bryson, von dem ich fast alle Bücher im Original gelesen habe, darunter natürlich auch "A walk in the woods". Ich liebe einfach seinen Humor.
ferdi111 12.01.2016
5. Einfach ein schöner Film...
wenn man den ein paar mal anschaut, dann wird er immer besser! Vielleicht liegt es daran, dass ich Wanderer bin. Dieser Film ist immerhin besser, als andere Hollywood-Schinken, bei denen die Helden dann noch möglicherweise mit [...]
wenn man den ein paar mal anschaut, dann wird er immer besser! Vielleicht liegt es daran, dass ich Wanderer bin. Dieser Film ist immerhin besser, als andere Hollywood-Schinken, bei denen die Helden dann noch möglicherweise mit Bären kämpfen müssen und natürlich gewinnen...genau das ist noch langweiliger!
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP