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Kultur

Ein Vierteljahr im Kino

Zu viel des Guten?

Ein Vertrauter und Großspender von Präsident Macron schickt sich an, die französische Filmlandschaft umzugraben. Die Unruhen sind groß - aber auch inspirierend.

Pandora

Szene aus "High Life" von Claire Denis mit Juliette Binoche und Robert Pattinson

Eine Kolumne von
Montag, 12.08.2019   17:51 Uhr

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"Erst schämten sie sich für ihre Ignoranz, dann begannen sie die Kultur zu verachten." So geht ein Satz von Regielegende Pier Paolo Pasolini über die Entwicklung von Menschen unter dem Einfluss des Fernsehens. Leicht lässt er sich auf die Gegenwart übertragen. Gerade Politikern unterstellt man schnell Minderwertigkeitskomplexe, immerhin sind die meisten von ihnen qua Beruf für Bereiche verantwortlich, die sie selbst nicht überblicken. Wie die Faust aufs Auge passt der Satz jedenfalls zum aktuellen Umgang französischer Politiker mit dem Kino.

Kein Wunder, dass der Tweet von Saïd Ben Saïd, der den Satz herausgesucht hat, in der vorvergangenen Woche in Frankreich oft geteilt wurde. Die Aufregung in der dortigen Filmbranche ist groß, seitdem im Juli klar geworden ist, dass die marktliberale Haltung der französischen Regierung vor dem Kino keinen Halt machen wird. Just das für Franzosen so heilige Kino scheint Präsident Emmanuel Macron nicht allzu heilig zu sein.

Sebastien Berda/ AFP

Saïd Ben Saïd

Ben Saïd ist einer der Protagonisten des Widerstands gegen diese Politik. Was hierzulande überraschen mag, weil er alles andere als ein klassischer Vertreter der Hochkultur ist. Als Produzent gewagter, lustvoller und manchmal auch perverser Filme von Paul Verhoeven, Philippe Garrel, Agnès Jaoui und Brian De Palma repräsentiert er das Populäre, das Dreckige und das Intellektuelle. Zum Glück muss sich das bislang im französischen Kino nicht widersprechen.

Die Sorge von Ben Saïd und vielen anderen steht damit in engem Zusammenhang: Sie fürchten, dass das französische Kino um seine beachtliche Vielfalt beraubt werden soll, um es angeblich rentabler zu machen. So der Kern des Protestbriefs, der Anfang Juli in "Le Monde" veröffentlicht wurde und den elf Berufsverbände und 800 Filmschaffende unterschrieben haben. Das Schreiben unter dem Titel "Frankreich: Das einzige Land der Welt, das glaubt, zu viel Autorenkino zu haben!" wurde unter anderen von Bertrand Bonello, Robin Campillo, Michel Hazanavicius, Céline Sciamma, Mati Diop und Rebecca Zlotowski unterzeichnet. Es ist eine Antwort auf zwei Gutachten, die im Mai und Juni veröffentlicht wurden.

Tatsächlich scheint mit diesen Gutachten nichts Geringeres als die so oft gepriesene exception culturelle auf dem Spiel zu stehen: die Kultur aus der Logik der Märkte auszunehmen. Noch sind es zwar nur Gedankenspiele, für die Produktion neuer Filme vermehrt auf privates Geld zu setzen und die förderwürdigen Filme stärker auszusieben.

Humor der plumpsten Sorte

Doch die Gutachten, die das nahelegen, stammen nicht von irgendwem. Die Autorinnen des einen sind Abgeordnete der Regierungspartei La République en marche. Der Autor des anderen, Dominique Boutonnat, wurde von Macron Ende Juli zum Chef der mächtigen Filmförderung CNC bestellt, die auf fast alles Einfluss nimmt, was in Frankreich mit Kino zu tun hat.

Der Finanzier und Produzent ist 2005 aus dem Versicherungsgeschäft in die Filmfinanzierung gewechselt und hat bis auf "Ziemlich beste Freunde" wenig nennenswerte Filme mit Mitteln versorgt - dafür aber wohl den Präsidenten: In den "MacronLeaks" wurde Boutonnat als einer der Großspender der Präsidentschaftskampagne von Macron gelistet. Nun tritt er mit seinem hoch umstrittenen Bericht dafür ein, künftig einen politischen Schwerpunkt auf die größere Rentabilität des Kinos zu setzen, um private Investoren anzulocken. Das genaue Gegenteil also der "kulturellen Ausnahme".

Ben Saïd gehört zu einer kleinen Gruppe französischer Filmschaffender, die sich in den Sozialen Medien besonders klar positionieren. Sie wenden sich gegen Boutonnats Analyse der Filmfinanzierung, bei der sich "ein paar nationale Champions" durchsetzen sollten. Weil es wie die Blaupause für ein Szenario wirkt, bei dem fast alle auf der Strecke bleiben.

Ben Saïd formulierte es ganz schlicht: "Wenn Boutonnat zum Leiter des CNC ernannt würde, Gott behüte, würde das bedeuten, dass die Filme von Philippe Garrel und Franck Dubosc auf die gleiche Weise und nach den gleichen wirtschaftlichen Kriterien finanziert werden müssten. Wir würden daher keine Filme von Philippe Garrel mehr sehen." Dubosc ist ein Komiker und Schauspieler, der für die plumpste Sorte Humor steht. Garrel ist einer der wichtigsten noch lebenden Vertreter der zweiten Generation der Nouvelle Vague.

In Deutschland: längst triste Wirklichkeit

Was aktuell in Frankreich vor sich geht, erinnert an die Debatte 2017 in Deutschland, als die Filmförderungsanstalt Leitlinien verabschiedete, um künftig nur noch solche Filme zu fördern, von denen erwartet wird, dass sie über 250.000 Zuschauer im Kino anlocken können. Was in Deutschland triste Wirklichkeit geworden ist, könnte im zentralistisch organisierten Frankreich noch weitaus dramatischere Folgen haben. Wo, wenn nicht dort, können die Filme finanziert werden, die sich in die Geschichtsbücher einschreiben, die heute ungewollt erscheinen und morgen schon als Avantgarde gelten? Wo entstehen in Zukunft die Filme, die Sehgewohnheiten herausfordern?

Natürlich hat sich Boutonnat beeilt, nach seiner Ernennung die Wogen zu glätten. In einem kurzen Interview mit der liberal-konservativen Zeitung "Le Figaro" bemühte er dafür gleich an vier Stellen die "Diversität". Es ist der Begriff der Stunde, Politiker und jene, die es werden wollen, tun sich leicht damit, für sie einzutreten. Doch was steckt dahinter? Klar ist, was nicht genügt: Das Kino in zwei Kategorien einzuteilen, wie es auch hierzulande so oft geschieht - einerseits die Filme, die ihre Kosten an der Kasse wieder einspielen, und andererseits jene, die das kulturelle Kapital der "gesellschaftlichen Relevanz" liefern, die drängenden Fragen der Gegenwart verständlich aufzubereiten.

Stattdessen muss es darum gehen, das Kino als Ganzes zu denken. Filme dürfen ernst sein, lustig sein, Lust machen, über die Stränge schlagen. Wer ermöglicht sie künftig - all die leichten, ambivalenten, vielschichtigen Filme, die sich keinem anderen Zweck direkt unterordnen lassen als einem ästhetischen? Noch gibt es viele Regisseurinnen und Regisseure in Frankreich, die genau dafür stehen und mit ordentlichen Budgets arbeiten können, die bekanntesten heißen Claire Denis, Olivier Assayas, Gaspar Noé und Mia Hansen-Løve.

Hölderlin, hilf!

Sorgen wirft auch die Frage auf, was es mit dem Kino in Deutschland und der Welt macht, wenn Frankreich sich auf einen Wettbewerb der künstlerischen Unterbietung einlässt. Es ist kein großer Sprung von den Vorschlägen Boutonnats der größeren Rentabilität zu den Fragen von Kulturstaatsministerin Monika Grütters nach einer effizienteren Filmförderung. Seit ein paar Monaten konfrontiert sie damit die Filmbranche im Rahmen von runden Tischen. Zwar betont die CDU-Politikerin ihre Leidenschaft für die Kultur, bisher klingt es aber immer so, als meinte sie nur diejenige, die auch zur Distinktion taugt.

Zur Erinnerung: Die Filme, denen in Frankreich bald der Geldhahn zugedreht werden könnte, haben in Deutschland bereits keine Lobby. Es sind die Filme von Rudolf Thome, von Christoph Hochhäusler, von Jan Bonny, von Maria Schrader, von Franz Müller, von Ramon Zürcher und von Valeska Grisebach. Von außen wirkt es wie eine Lotterie, ob sie ihren nächsten Film werden überhaupt finanziert bekommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass es hier kaum Produzenten wie Ben Saïd gibt.

Statt einer Selbstbeschreibung steht in seinem Twitter-Profil nur ein kurzes Zitat, sonst nichts: "Leben heißt, eine Form verteidigen". Der Autor: Hölderlin. Deutschland, oh Land der Dichter, zeig mir die Produzenten, die nicht jammern, sondern aufbegehren gegen die Politik.

insgesamt 3 Beiträge
eepikurist 13.08.2019
1. Edelfrüchte und Birnen.
Herr Jaeger, ein guter Artikel mit einem sehr guten Schlußsatz. Nur bei der Aufzählung der deutschen Regisseure schmeißen Sie Edelfrüchte, Fallobst und nicht so gutes Obst alles in einen Korb. EinigInnen in diesem Korb haben [...]
Herr Jaeger, ein guter Artikel mit einem sehr guten Schlußsatz. Nur bei der Aufzählung der deutschen Regisseure schmeißen Sie Edelfrüchte, Fallobst und nicht so gutes Obst alles in einen Korb. EinigInnen in diesem Korb haben sehr wohl (sogar viel zu große) Lobby, aber wenig Interessantes zu bieten, während andere tatsächlich keine Lobby haben.
dragondeal 13.08.2019
2. Im Zusammenhang mit Kunst und Kultur
stellt sich schon die Frage, was gesellschaftlich relevant ist. Reicht es, wenn ein Film ein entsprechendes Thema hat? Oder braucht es nicht auch ein entsprechend großes Publikum, um überhaupt erst Relevanz zu entwickeln? Reicht [...]
stellt sich schon die Frage, was gesellschaftlich relevant ist. Reicht es, wenn ein Film ein entsprechendes Thema hat? Oder braucht es nicht auch ein entsprechend großes Publikum, um überhaupt erst Relevanz zu entwickeln? Reicht es, wenn ein Künstler sagt, sein Werk habe diese oder jene Bedeutung oder verliert es nicht seine Relevanz, wenn die Masse darin lediglich einen Haufen Altmetall erkennt und die "Kulturszene" sich nur darauf einigen kann, dass es eine Bedeutung hat, aber nicht welche? Ich denke schon, dass sich Künstler, Film- und Theaterschaffende immer wieder diesen Fragen (und damit auch der Frage nach Förderung) stellen sollten und sich auch selbst diese Fragen stellen sollten.
Dr.T 16.08.2019
3. Man muss schon erklären können, warum...
Filmförderung nach Anzahl von Zuschauern ist leicht, weil halt ein leicht messbarer Indikator verwendet wird. Ein Film, den kaum jemand sehen will, ist jedenfalls nicht unbedingt im Sinne des Zuschauers, um den es letztlich geht. [...]
Filmförderung nach Anzahl von Zuschauern ist leicht, weil halt ein leicht messbarer Indikator verwendet wird. Ein Film, den kaum jemand sehen will, ist jedenfalls nicht unbedingt im Sinne des Zuschauers, um den es letztlich geht. Das erinnert mich ein wenig an die Diskussion um Theaterstücke. Wenn der KPI "Anzahl Zuschauer" abgelehnt wird, dann muss man halt andere definieren. Das ist eigentlich leicht, wenn man etwas von der Materie versteht.
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