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Kultur

Liebesfilm "Rafiki"

Dieser Film leuchtet

Mit ihrem Debütfilm "Rafiki" erzählt die Kenianerin Wanuri Kahiu nicht nur eine lesbische Liebesgeschichte jenseits von Afrika-Klischees, sie entwirft eine knallbunte Ästhetik. Unser Film der Woche.

Foto: Edition Salzgeber
Von
Freitag, 01.02.2019   16:29 Uhr

Eine junge Frau fährt auf ihrem Skateboard durch Nairobi, zu den Beats von Muthoni Drummer Queen. Vorbei an Messerschleifern, Friseuren, Kindern mit Hula-Hoop-Reifen, Straßenkehrern. Kena (Samantha Mugatsia) bewegt sich scheinbar so frei wie die Mauersegler, die immer wieder durchs Bild sausen, doch sie wird beobachtet. Die engen Straßen bergen keine Geheimnisse, und was man nicht sieht, das weiß Mama Atim, die Kioskbesitzerin: wer gerade ein Kind erwartet, wer seine Frau verlassen hat, wer fremdgeht, wer von all dem keinen blassen Schimmer hat.

Doch selbst Mama Atim traut ihren Augen nicht, als sie Kena und Ziki (Sheila Munyiva) in inniger Vertrautheit in den Straßen ihres Viertels sieht: die beiden Politikertöchter, die eine jungenhaft und "unweiblich", die andere wie ein Popstar, mit bunten Braids, knalligen Fingernägeln und pinkem Lippenstift. Ihre Väter konkurrieren miteinander, ihre Mütter haben bereits ihre Zukunft geplant. Kena soll sich einen vermögenden Mann angeln, und die reiche Ziki im Ausland studieren.

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"Rafiki": Das ist Afrobubblegum

Doch Kena und Ziki werden ein Paar und malen sich eine ganz andere Zukunft aus: bloß nicht wie die Eltern, bloße keine "typischen Kenianer" werden! Und Wanuri Kahius spektakulär cooler Film "Rafiki" baut den beiden einen Freiraum, der sie kurzzeitig vor den Blicken der anderen schützt, zum Träumen und Spaßhaben, in dem die Zeit stillsteht und alles möglich scheint. Doch da hat Mama Atim sie bereits entdeckt und ihre Beziehung als soziale Unmöglichkeit markiert: "Heute wird die Sonne regnen!"

Keine Agenda-Kunst

Neue Bilder aus Afrika verspricht die junge Regisseurin, die wie viele Künstler_innen keine Lust mehr hat auf das, was sie "Agenda-Kunst" nennt: in Entwicklungshilfelogik verstrickte Problematisierungen des afrikanischen Alltags, durchweg auf Hunger, Armut und Aids beschränkte Darstellungen unglücklicher Menschen, denen nur von außen geholfen werden kann.

Kahiu hat eine künstlerische Bewegung gegründet, die sie "Afrobubblegum" nennt. Sie meint damit keine Flucht vor Problemen, sondern den stolzen, aber auch ein bisschen frivolen Zukunftsentwurf einer Jugend, die gelernt hat, ihre eigenen Bilder in die globalisierte Popkultur einzuschleusen. "Spaß ist politisch", weiß sie und forderte mit ihrer farbenfroh-alltagsnahen lesbischen Liebesgeschichte, die als erster kenianischer Film nach Cannes eingeladen wurde, die staatlichen Zensurbehörden heraus.


"Rafiki"
Kenia 2018
Regie: Wanuri Kahiu
Drehbuch: Wanuri Kahiu, Jenna Cato Bass
Mit: Samantha Mugatsia, Sheila Munyiva, Neville Misati, Nice Githinji
Produktion: Big World Cinema, MPM Film, Schortcut Films, Ape&Bjørn, Rinkel Film, Razor Film Produktion GmbH
Verleih: Edition Salzgeber
Länge: 83 Minuten
FSK: 12 Jahre
Kinostart: 31. Januar 2019


"Rafiki" ist kein eskapistischer Film, er beschönigt nichts. Weder die täglichen Diskriminierungen, die Menschen erleben, die keine "typischen Kenianer" sein wollen, auch nicht die engen, von Armut bestimmten Räume, die die Handlungsfähigkeiten der Jugendlichen einschränken, noch die toxischen Einflüsterungen der Prediger, die den Herausforderungen der Globalisierung mit allzu wortwörtlichen Auslegungen des Alten Testaments begegnen.

Farbige Kleidung und fette Bassmusik

Aber "Rafiki" weiß um die Kraft des Kinos, lässt farbige Kleidung in staubigen Straßen vor tristen Betonhäusern explodieren, fette Bassmusik die verbohrten Predigten übertönen, steigt mit Kena und Ziki auf Hausdächer, um den weiten Horizont für ihre Träume zu finden. Auf einer Glow Party küssen sie sich zum ersten Mal, die Neonfarbe macht aus ihnen bunte Kriegerinnen, die im UV-Licht umeinander tanzen. Afrobubblegum ist Zukunft und stolze Vergangenheit in Einem. Die Jugend Nairobis leuchtet im Dunkeln.

Ob sie eine Zukunft haben werden in diesem Land, das immer noch in der Tradition der britischen Kolonialgesetzgebung Homosexualität unter Strafe stellt, weiß auch dieser Film nicht. Aber er isoliert sein Liebespaar nicht von der Gesellschaft, wie es ein klassischer Problemfilm machen würde. Kena und Ziki stehen nicht allein einem feindlichen Mob gegenüber. Sie haben Freunde, mitfühlende Eltern, ein Umfeld, in dem jeder seinen eigenen Kampf gegen die Strukturen kämpft. Und sie haben Spaß.

Im Video: Der Trailer zu "Rafiki "

In einem Vortrag hat Wanuri Kahiu eine Variation des Bechdel-Tests, mit dem die sexistische Darstellung von Frauen überprüft wird, für afrikanische Filme vorgeschlagen. Demnach sollen Filme nur dann gefördert werden, wenn sie mindestens zwei afrikanische Menschen zeigen, die 1. gesund sind, 2. nicht mittellos und abhängig von fremder Hilfe erscheinen, und die 3. das Leben genießen und Spaß haben.

Bei allem, was Kena und Ziki in "Rafiki" zu ertragen haben, bei aller Beschränkung ihrer Handlungsräume und bei aller Unsicherheit, was ihre Liebe betrifft: Den Afrobubblegum-Test haben sie bestanden.

insgesamt 1 Beitrag
ditta 01.02.2019
1. Interessante Neubesinnung
kenianischer Frauen, welche mit dem überkommenen Rollenmodell brechen wollen. Die Frage bleibt nur, wie dieser Film von den lokalen Kinogängern in Nairobi, Mombasa etc. goutiert werden wird, welche notwendigerweise ganz andere [...]
kenianischer Frauen, welche mit dem überkommenen Rollenmodell brechen wollen. Die Frage bleibt nur, wie dieser Film von den lokalen Kinogängern in Nairobi, Mombasa etc. goutiert werden wird, welche notwendigerweise ganz andere "Sorgen" haben. Immer noch ist auch in Kenia das Ideal der Frau als Mutter, leider häufig ohne Miternährer der Familie, verbreitet, und der muslimische Bevölkerungsteil hat eher ganz andere Konzepte für die Frau in der Familie. Im Übrigen stellte nicht nur die britische Kolonialgesetzgebung Homosexualität unter Strafe, sondern die traditionelle Gesellschaft wußte diese, auch unkodifiziert und tabuisiert vor den Augen der Öffentlichkeit, zu sanktionieren! Daran hat auch die Gesetzgebung der meisten afrikanischen Staaten kaum etwas geändert.
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