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Kultur

Zum Tod von Rutger Hauer

Mehr als Tränen im Regen

Sein Auftritt in "Blade Runner" als ungeahnt menschlicher Replikant überragte Rutger Hauers gesamte Karriere. Dabei verschrieb sich der Holländer allen seinen Rollen schonungslos.

Michael Tighe/ Getty Images
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Donnerstag, 25.07.2019   16:36 Uhr

Im Gedenken an die Toten fällt es uns oft schwer, geeignete Worte zu finden. Doch als gestern mit Verspätung bekannt wurde, dass Rutger Hauer am 19. Juli im Alter von 75 Jahren gestorben ist, erinnerten Menschen weltweit in den sozialen Netzwerken mit diesem einen, unvergesslichen Zitat an den Schauspieler:

"I've seen things you people wouldn't believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate. All those moments will be lost in time, like tears in rain. Time to die."

Es ist, natürlich, der Monolog des sterbenden Replikanten Roy Batty, den Hauer so furchterregend wie bewegend in Ridley Scotts stilbildender Dystopie "Blade Runner" (1982) gab. Hauer wich in der ikonischen Szene des Science-Fiction-Dramas vom ursprünglichen Skript ab und machte sich den Text mit entscheidenden Änderungen zu Eigen. So formte vor allem sein Spiel diesen Schlüsselmoment, in dem das nach Menschenbild geschaffene Kunstwesen Batty seine Seele offenbart, und im Kontrast zu seinen skrupellosen Schöpfern wahre Humanität beweist.

Seine Anfänge sind verwoben mit denen von Regisseur Paul Verhoeven

Diese Rolle machte Rutger Hauer endgültig zu einem weltweit bekannten Gesicht, doch herausragende darstellerische Leistungen hatte der 1944 in Breukelen geborene Niederländer schon zuvor etliche gezeigt. Dabei sind die aufregenden Anfänge von Hauers Schauspielkarriere untrennbar mit dem Aufstieg von Regisseur Paul Verhoeven verknüpft. Der besetzte ihn erstmals Ende der Sechzigerjahre als jugendlichen Ritter und Titelhelden in der TV-Serie "Floris", die Hauer in seiner Heimat zu plötzlicher Popularität verhalf.

1973 inszenierte Verhoeven dann erneut mit ihm in der Hauptrolle das Liebesdrama "Turks fruit" ("Türkische Früchte"), welches durch - für damalige Verhältnisse - gewagte Offenheit und eine ungeschönte, explizite Sinnlichkeit für Aufsehen weit über die Niederlande hinaus sorgte.

Hauer und Verhoeven setzten ihre äußerst produktive Zusammenarbeit mit "Soldaat van Oranje" (1977, "Soldier of Orange") fort. Der Film über niederländische Widerstandskämpfer und Kollaborateure während der deutschen Besatzung war nicht nur ein immenser Erfolg bei Kritik und Publikum in den Niederlanden, sondern bedeutete auch den internationalen Durchbruch für Regisseur und Hauptdarsteller. Wie Verhoeven folgte auch Hauer in den Achtzigern dem Ruf nach Hollywood, wo beide später noch einmal beim fiebrig-brutalen Mittelalterspektakel "Flesh and Blood" (1985) zusammenarbeiten sollten.

Für die Darstellung eines KZ-Überlebenden erhielt er den Golden Globe

Nach "Blade Runner" reüssierte Hauer in weiteren Genres: als investigativer Journalist in Sam Peckinpahs Thriller "The Osterman Weekend" (1983), als sehnsüchtiger Ritter an der Seite von Michelle Pfeiffer in der Fantasy-Romanze "Ladyhawke" (1985) und als "The Hitcher" (1986, "Hitcher - Der Highway Killer"), ein trampender Psychopath, der Reisenden abgetrennte Finger in die Pommes Frites steckt (und zu noch weit Schlimmerem fähig ist). Er verlieh jedem Part eine intensive, physische wie mentale Präsenz. Das gilt auch für seine eindringliche Darstellung des sowjetischen Soldaten und KZ-Überlebenden Alexander Petschjorski in "Escape from Sobibor" (1987, "Flucht aus Sobibor"), für die Hauer mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde.

Gewalt, ob selbst ausgeübt oder leidvoll erfahren, ist zwar in vielen Filmen Hauers ein zentrales Motiv, doch er selbst war zeitlebens ein vehementer Pazifist und Waffenfeind. Womöglich war es zum Teil auch diese eigene Abscheu vor Brutalität, die ihn oft zu so schonungslosem Schauspiel befähigte.

Rutger Hauer war eine Ausnahmeerscheinung - ein Charakterdarsteller voller Körperlichkeit, der nie seine Intelligenz verbarg. Diese Erinnerung an ihn wird bleiben, anders als Tränen im Regen.

insgesamt 26 Beiträge
vulcan 25.07.2019
1. Schade
Zugegebenermaßen hatte ich Rutger Hauer in den letzten Jahren nicht mehr so sehr im Fokus, aber gesehen habe ich ihn immer gern. Und wenn nicht mit anderem, so hat ihn die Rolle des Replikanten Roy eh unsterblich gemacht. Klingt [...]
Zugegebenermaßen hatte ich Rutger Hauer in den letzten Jahren nicht mehr so sehr im Fokus, aber gesehen habe ich ihn immer gern. Und wenn nicht mit anderem, so hat ihn die Rolle des Replikanten Roy eh unsterblich gemacht. Klingt vielleicht etwas melodramatisch, aber ist so, finde ich. "I've seen things....." - eins meiner absoluten Lieblingsfilmzitate, tolle Szene.
caligula-nrw 25.07.2019
2. Verlust
Was für ein Verlust.Seine Textzeile "all diese Momente werden verloren sein, wie Tränen im Regen." erschien mir immer als die Quintessenz dessen, was den Wert jedes Menschen ausmacht. Unvergessen ist aber für mich [...]
Was für ein Verlust.Seine Textzeile "all diese Momente werden verloren sein, wie Tränen im Regen." erschien mir immer als die Quintessenz dessen, was den Wert jedes Menschen ausmacht. Unvergessen ist aber für mich auch seine Darstellung des Kripobeamten in der Dystopie "Vaterland".
neptun680 25.07.2019
3. Danke!
Ich dachte schon die kurze Info gestern von seinen Tod war alles. Die Nachricht hat mich doch sehr berührt. Ich fand Ihn als Schauspieler sehr interessant. Nicht selten ergibt sich ja solches durch entsprechende Kontraste [...]
Ich dachte schon die kurze Info gestern von seinen Tod war alles. Die Nachricht hat mich doch sehr berührt. Ich fand Ihn als Schauspieler sehr interessant. Nicht selten ergibt sich ja solches durch entsprechende Kontraste und/oder scheinbare Widersprüche in der Natur. So wirkte er charismatisch und präsent, dann oft auch vulgär und bedrohlich und es gab diese sehr verletzliche Seite. "Der Tag des Falken", "Blade Runner" und "Fleisch und Blut" werde ich mir nun wohl sicher noch mal ansehen. So leb er denn wohl!
xcountzerox 25.07.2019
4. Als ich
Als ich Anfang der 2000er Zatoichi – Der blinde Samurai sah, musste ich immer an Blinde Wut mit Hauer denken. Er bleibt unvergessen.
Als ich Anfang der 2000er Zatoichi – Der blinde Samurai sah, musste ich immer an Blinde Wut mit Hauer denken. Er bleibt unvergessen.
petro28 25.07.2019
5. Ein ganz Großer
Egal in welchem Film, Rutger Hauer hatte eine enorme Präsenz und Ausstrahlungskraft. Er hatte eine ungehobelte Eleganz, das Talent nicht viel zu sagen, aber doch mit den Augen und Gesicht alle in den Bann zu ziehen. Besonders in [...]
Egal in welchem Film, Rutger Hauer hatte eine enorme Präsenz und Ausstrahlungskraft. Er hatte eine ungehobelte Eleganz, das Talent nicht viel zu sagen, aber doch mit den Augen und Gesicht alle in den Bann zu ziehen. Besonders in Erinnerung bleibt er mir in Blade Runner und Hitcher-Der Highwaykiller....Kult und für immer unsterblich! R.I.P. mein Freund!

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