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Kultur

Meisterwerk "Toy Story 4"

Dieser Film ist für Kinder viel zu schade

Kunststoff zur Kreatur formen, Materie mit Leben beseelen: In keinem Pixar-Film ist das so gut geglückt wie im vierten Teil der Spielzeug-Saga "Toy Story". Hier zeigen Plastikfiguren, was das Menschsein bedeutet.

Foto: Disney
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Montag, 12.08.2019   14:16 Uhr

Kinder kommen und gehen, Woody und Buzz bleiben. Den ersten Teil der existentialistisch aufgeladenen Spielzeug-Saga sah man 1995 noch alleine im Kino, Teil zwei 1999 mit der großen Tochter, Teil drei 2010 mit dem kleinen Sohn. Bei Teil vier des Pixar-Epos sitzt man nun wieder allein im Kino, die Kinder sind aus dem Haus oder haben sich in die Marvel-Parallelwelt verabschiedet. Sollen sie da alleine ihrem Sitznachbar Cola über das T-Shirt schütten. Für "Toy Story 4" im dunklen Kino zurückgeworfen auf sich selbst, muss man sich die Frage stellen, wer man eigentlich wirklich ist.

So wie Woody, der selbstlose, loyale, übertrieben empathische Spielzeug-Cowboy, der bei der Fixierung auf das jeweilige Kind, in dessen Spielzeugkiste er lebte, immer vergaß, mal darüber nachzudenken, was er selbst eigentlich vom Leben will. Komplexere Beziehungen, Erwachsenen-Unterhaltung, Romantik gar - das alles verkniff er sich.

Am Anfang von "Toy Story 4" sehen wir in einer Rückblende, wie er sich in einer herzzerreißenden nächtlichen Regen-Szene von der wunderbaren Bo Peep verabschiedet, einer Schäferin mit Porzellangesicht, mit der er viel Spaß und gute Gespräche hatte, die aber dann eben mit anderen Spielsachen in einem Karton weggefahren wurde. Woody hätte sich noch in den Karton schmuggeln können, sah sich aber außerstande, das Kind zurückzulassen, als dessen Begleiter er sich unersetzbar sah.

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Trickfilm-Saga: Der Sinn des Spielzeuglebens

Sein aktueller Bespaßungs- und Beaufsichtigungsauftrag gilt nun der fünfjährigen Bonnie, die ihren ersten Tag in der Vorschule zu bestehen hat. Woody schmuggelt sich in ihren Rucksack, wirbelt unterm Spieltisch als übertrieben beflissener Helikopter-Dad herum, und als die Kinder aus Abfall eine Figur basteln sollen, schiebt er ihr heimlich Plastikgabel, Eis-Stiel und Bürstendraht zu. Geboren wird - Forky!

Plastik, das um seine Existenzberechtigung kämpft

Schöpfung und Vernichtung, das waren ja immer die großen Themen von "Toy Story", in der die Menschen wie plumpe Aufziehpuppen herumlaufen, die Spielzeugfiguren sich aber zu vielschichtigen Helden entwickeln, die um ihre Existenzberechtigung kämpfen. Kunststoff zur Kreatur formen, Materie mit Leben beseelen - das glückt in keinem anderen Pixar-Film so gut wie in "Toy Story" und innerhalb des "Toy Story"-Figurenkosmos so gut wie bei dem Stückwerkwesen Forky.

Im Video: Der Trailer zu "Toy Story 4"

Foto: Disney

Anrührend, wie das Müllmännchen Angst vor dem Spielzeugdasein hat und immer wieder in Papierkörbe und Abfalleimer flüchtet, während Soundtrack-Komponist Randy Newman beherzt singt: "I Can't Let You Throw Yourself Away". Aufwühlend, wie Forky nach Art von Boris Karloff als Frankensteins Monster Gefühle entdeckt, die er selber nicht deuten kann. Aberwitzig, wie Woody das linkische Anhängsel in einem langen Gespräch an einer nächtlichen Landstraße in die Geheimnisse des Lebens einweist - eine Szene, in der formvollendet die Walking-and-talking-Sequenz mit Dustin Hoffman und Jon Voight in "Midnight Cowboy" nachgeahmt wird.

Unterwegs mit einer Truppe Anarcho-Spielzeug

Die Tragik und Tiefe hinter all den Imitaten und Zitaten: Woody macht sich durch Forky selber überflüssig, das geliebte Kind vertauscht den Cowboy mit seiner relativ komplexen Bewegungsapparatur gegen das tapsige Wegwerfbesteck. Ein befreiender Schock für Woody, der schließlich auf einer entfesselten Tour über Spielplätze und Jahrmarktstände seine verlorene Flamme Bo Peep wieder trifft. Die hat sich längst aus der Bindung zu einem festen Kind befreit und marodiert nun mit einer Truppe Anarcho-Spielzeug durch die Sandkästen. Spieltrieb: ja! Abhängigkeit: nein!

Die Figur Bo Peep, die sich von einer passiven Porzellanfigur in ein Riot Grrrl verwandelt hat, zeigt am deutlichsten, wie das "Toy Story"-Franchise sich im Wandel der Zeit geändert hat. Bei der Entwicklung von Teil vier musste "Toy Story"-Schöpfer John Lasseter nach Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe während des Drehs das Haus verlassen, Pixar wurde in Folge stark umstrukturiert, auch in Hinblick auf Diversität. (Lesen Sie hier einen Report über den Wandel bei Pixar )

Nun waren allerdings bei "Toy Story" die Männer sowieso nie klassische Machos, aber oft gebrochene Figuren, die mit Ängsten zu kämpfen hatten. Ein interessanter Neuzugang in diesem Sinne ist der kanadische Stuntfahrer Duke Caboom, ein frankophoner Bruder Evil Knievels, der sein durch einen katastrophalen Einsatz unterm Weihnachtsbaum entstandenes Sprung-Trauma überwinden muss. Ebenfalls auf Suche nach neuem Lebenselan ist Buzz Lightyear, der hier seine Spracheinstellungen abruft, um sich selbst zu motivieren. Endlich findet also auch er eine innere Stimme, die ihm vom Objekt niederer Spieltriebe zum handelnden Individuum macht.

"Toy Story 4" ist eine wunderbare Ermächtigungsfantasie über Gegenstände, die wir in unserer Einfalt bislang für leb- und willenlos halten. Hier zeigen Plastikfiguren, was das Menschsein bedeutet. Das ist mit wirklich jedem Pixel Kino für Erwachsene.


"A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando"
USA 2019
Regie: Josh Cooley
Buch: Andrew Stanton, Stephany Folsom, Originalstory: Rashida Jones u.a.
Produktion: Pixar Animation Studios, Walt Disney Pictures
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 100 Minuten
Start: 15. August 2019


insgesamt 10 Beiträge
mick richards 12.08.2019
1.
Welch eine befremdliche überschrift. Würde mich mal interessieren wie der autor dies kindern erklären würde, das dieser film von kindern gar nicht bewertet werden kann und deshalb viel zu schade für kinderaugen sind. [...]
Welch eine befremdliche überschrift. Würde mich mal interessieren wie der autor dies kindern erklären würde, das dieser film von kindern gar nicht bewertet werden kann und deshalb viel zu schade für kinderaugen sind. Bei weitem mehr als schade ist, das erst kinder und jugendliche, allen voran die junge schwedische aktivistin "Lena G." der erwachsenenwelt die gefahren der klimaerwärmung und umweltverschmutzung aufzeigen müßen.
Stereo_MCs 12.08.2019
2. wow
Sensationeller Trailer, bestimmt ein toller Film für Jung und Alt. Schon wegen der brillanten Sycronstimmen von Bully und Rick sicher in deutsch ein Erlebnis. Und dann dieses animierte Gesicht von Porzellinchen, wow, magic. [...]
Sensationeller Trailer, bestimmt ein toller Film für Jung und Alt. Schon wegen der brillanten Sycronstimmen von Bully und Rick sicher in deutsch ein Erlebnis. Und dann dieses animierte Gesicht von Porzellinchen, wow, magic. Und die Idee mit dem gebastelten Plastikgabel-Männchen, zu süß. Wäre doch alles so wertvoll was aus der Computer unterstützten Welt so kommt. Wann implodiert eigentlich der Twitter Account samt Hardware dieses hohlen Halloween Kürbis wo man vergessen hat eine Kerze reinzustellen? (© by Mia Mittelkötter)
PeterAlef 12.08.2019
3. ...Buß ist selbst noch ein Kind...
...siehe seine Famose Liebe zum Spoilern von Krimis... Drum kann er diesen Film nicht einschätzen. Da fehlt ihm einiges. Wenn er schon muß, der Buß, soll er von mir aus weitermachen mit den Tatorten. Von Kinofilmen sollte er [...]
...siehe seine Famose Liebe zum Spoilern von Krimis... Drum kann er diesen Film nicht einschätzen. Da fehlt ihm einiges. Wenn er schon muß, der Buß, soll er von mir aus weitermachen mit den Tatorten. Von Kinofilmen sollte er die Finger lassen. Da fehlen ihm Seriosität und Kompetenz...
dimitristoupakis 12.08.2019
4. Einfach super
Ich liebe die Toy Story Filme, habe alle mehrfach gesehen! Bin übrigens 60+. Sind sehr humorvoll und super gemacht. Empathie, Menschlichkeit und Respekt stehen hier im Mittelpunkt! Sollten sich die Hassschreiberlinge von AFD, [...]
Ich liebe die Toy Story Filme, habe alle mehrfach gesehen! Bin übrigens 60+. Sind sehr humorvoll und super gemacht. Empathie, Menschlichkeit und Respekt stehen hier im Mittelpunkt! Sollten sich die Hassschreiberlinge von AFD, PEGIDA und anderen Menschenverachtern mal als Anschauungsunterricht nehmen.
Drexler 12.08.2019
5. Kultureller Kontext?
" Gegenstände, die wir in unserer Einfalt bislang für leb- und willenlos halten. Hier zeigen Plastikfiguren, was das Menschsein bedeutet. " Mich verwundert doch sehr, dass hier ganz unter den Tisch fällt, welch [...]
" Gegenstände, die wir in unserer Einfalt bislang für leb- und willenlos halten. Hier zeigen Plastikfiguren, was das Menschsein bedeutet. " Mich verwundert doch sehr, dass hier ganz unter den Tisch fällt, welch reichhaltige Kultur des Puppenspiels und Objekttheaters in Deutschland oder auch Frankreich gepflegt wird. Die Ideen, die Pixar für Millionen vermarktet, haben eine lange Tradition. Nun haben sie Eingang in eine Hochglanzanimation gefunden, gut. Trotzdem empfehle ich neben dem Besuch des Kinos auch mal das Puppentheater der Stadt aufzusuchen. Hier findet sich schon lange nicht mehr nur ein Kasper auf der Bühne und das Programm richtet sich schon lange nicht mehr nur an Kinder.
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