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Kultur

Umstrittener Regisseur

Woody Allen orientiert sich Richtung Europa

Missbrauchsvorwürfe und krude Sätze zu #MeToo: In den USA ist es einsam um Woody Allen geworden, sein letzter Film kommt nicht in die Kinos, seine Autobiografie findet keinen Verlag. Jetzt soll es in Spanien weitergehen.

Eric Gaillard/ REUTERS

Woody Allen: um Kopf und Kragen geredet

Von
Mittwoch, 08.05.2019   20:37 Uhr

Woody Allen hat seinen neuen Film "A Rainy Day in New York" schon 2018 abgedreht. Seitdem liegt die Komödie im Regal und wartet auf ihren Einsatz im Kino. In den USA gibt es keine Anzeichen dafür, dass es dazu noch kommen wird, nachdem Amazon die Zusammenarbeit mit dem Künstler aufkündigte. In Europa aber ist es bald so weit.

Verleiher hatten jüngst Deals für Italien, Belgien, Frankreich und die Niederlande bekannt gegeben. Nun kündigt auch der deutsche Verleih Filmwelt/NFP den Start des Films im Herbst an. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Das amerikanische Branchenblatt "Variety" spekuliert, der Film könne beim Filmfest in Venedig Ende August seine Premiere feiern.

In den USA dagegen wird es nach den erneuten Missbrauchsvorwürfen seiner Adoptivtochter Dylan Farrow und einem Artikel seines Sohnes Ronan Farrow, der maßgeblich den Fall des Filmmoguls Harvey Weinstein und damit den Beginn der #MeToo-Bewegung antrieb, immer einsamer um Woody Allen.

ames Devaney/ GC Images/ Getty Images

Woody Allen und Selena Gomez bei den Dreharbeiten zu seinem bisher letzten Film "A Rainy Day in New York".

Laut " New York Times" findet sich kein Verlag, der bereit ist, seine Autobiografie zu veröffentlichen. Schauspieler und Schauspielerinnen distanzieren sich reihenweise von ihm, darunter "A Rainy Day in New York"-Darsteller Timothée Chalamet und seine Co-Stars Rebecca Hall und Griffin Newman, dazu unter anderem Natalie Portman, Reese Witherspoon und Greta Gerwig, die sich sich für ihren Auftritt in Allens Film "To Rome with Love" entschuldigte.

Die Amazon Studios, Allens künstlerische Heimat seit 2015, weigerten sich zunächst, "A Rainy Day in New York" zu veröffentlichen. Dann kündigten sie den Vertrag, laut dem Allen noch vier Filme für Amazon drehen sollte. Wegen Vertragsbruchs strengt der Regisseur nun ein Gerichtsverfahren gegen den Konzern an, in dem es laut Medienberichten um 68 Millionen Dollar geht.

In Wahrheit geht es längst um mehr, um Allens Ruf als Künstler und Mensch. Die Anwälte von Amazon gaben als Grund für die Vertragskündigung an, Allen habe es dem Studio mit Äußerungen zu #MeToo unmöglich gemacht, Promotion für seine Filme zu betreiben. Allen hatte sich 2017 in einem Interview mit der BBC um Kopf und Kragen geredet und gesagt, es sei tragisch für die betroffenen Frauen, aber auch "schlimm für Harvey [Weinstein], dass sein Leben so durcheinandergerät."

In seinen Filmen gaben sich die großen Stars die Klinke in die Hand

In der eigentlichen Sache ist wohl keine endgültige Aufklärung mehr zu erwarten. Die Vorwürfe stehen schon seit 1992 im Raum, bewiesen wurden sie nie. Untersuchungsbehörden konnten keine Beweise für sexuelle Übergriffe feststellen, verschiedene Mitglieder der Familie beziehen unterschiedlich Stellung für und gegen Woody Allen.

Lesen Sie hier ein gescheitertes SPIEGEL-Gespräch mit Woody Allen

Jahrelang störte Allens ungeklärte Vergangenheit niemanden in Hollywood. Egal, wie schlecht viele seiner späten Filme an den Kinokassen liefen - große Stars wollten immer mit ihm arbeiten. Allen galt als großer Künstler, als Klassiker, als echter amerikanischer Autorenfilmer. In seinem Spätwerk traten Kenneth Branagh und Leonardo DiCaprio auf, Sean Penn und Uma Thurman, Scarlett Johansson und Cate Blanchett, die noch 2014 für ihre Rolle in "Blue Jasmin" mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde.

Erst im Zuge der #MeToo-Bewegung drehte sich der Wind endgültig gegen ihn, und es scheint sehr gut möglich, dass Allen in den USA ähnlich wie Kevin Spacey kein Bein mehr auf die Erde bekommen wird.

Die schwierigen Diskussionen werden bleiben

Die künstlerische Zukunft von Woody Allen könnte also in Europa liegen. Mit der spanischen Produktionsfirma Mediapro hat der 83-Jährige laut Medienberichten einen Deal für einen neuen Film eingefädelt, die Arbeiten daran sollen schon begonnen haben.

Neu wäre es nicht für Allen, sich auf Europa zu konzentrieren. Seine erste "europäische Phase" begann 2005 mit dem als Meisterwerk gefeierten Film "Match Point", der in England spielte. Später tourte er regelrecht über den Kontinent und drehte in Spanien, Frankreich und Italien. Damals wich er nach Europa aus, weil seine Filme in den USA nicht mehr erfolgreich waren und sie niemand dort mehr finanzieren wollte.

Seine neuerliche räumliche Umorientierung tritt Allen unter weitaus komplizierteren Voraussetzungen an. Wie es scheint, sind die Europäer größtenteils gewillt, dem künstlerischen Werk in der Beurteilung der Person Woody Allens größeres Gewicht einzuräumen.

Möglich auch, dass Allen mit seinen Filmen, die größtenteils in einem intellektuellen Milieu spielen und oft Bezug auf die europäische Geistesgeschichte nehmen, eher ein hiesiges Selbstverständnis anspricht, mit dem die Amerikaner seit jeher fremdeln.

Die schwierigen Diskussionen um das Verhältnis von Werk und Künstler werden jedenfalls auf beiden Seiten des Atlantiks weitergehen. Vielleicht liegt darin auch die gute Nachricht: Wenn Woody Allen weiter Filme macht, dann wird auch weiter über sein Werk und den Umgang damit gesprochen.

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