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Kultur

Kinokomödie "Yesterday"

Die Beatles? Wer sind denn die Beatles?

All you need is Love - und die Beatles: In "Yesterday", einer allzu niedlichen Komödie von Danny Boyle und Richard Curtis, erinnert sich niemand an die Fab Four - außer einem verkrachten Indie-Musiker.

Foto: Universal Pictures
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Mittwoch, 10.07.2019   12:03 Uhr

Irgendwo in dem sehr liebenswerten Kitsch von "Yesterday" schlummert ein sehr guter Film. Vielleicht hätte Danny Boyle, der Regisseur von "Trainspotting" und "28 Days Later", ihn drehen können, wenn nicht das Drehbuch von Richard Curtis stammen würde. Während Boyle in den Neunzigerjahren mit seinen Filmen die Schattenseiten von Britpop-Mania und "Cool Britannia" ausleuchtete, kleisterte Curtis sie mit seinen bürgerlich-biederen Rom-Coms wie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" und "Notting Hill" und viel Oberklassen-Poshness wieder zu.

Dass nun ausgerechnet diese beiden Gegenpole des modernen britischen Kinos zusammen einen Film über die nachhaltige Magie der Beatles gemacht haben, scheint ebenso absurd wie auf zwingende Weise logisch. Denn "Yesterday" ist die gutherzige, zutiefst romantische Komödie, die das Brexit-gebeutelte Großbritannien gerade gut gebrauchen kann: Worauf sich die Nation vermutlich auch in größter Spaltung immer wird einigen können, ist ihr stolzes Popkultur-Erbe. Man gönnt den Briten zwei Stunden Verschnaufpause in ihrem Stress. Aber man hätte trotzdem gerne einen Film mit mehr Biss gesehen.

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"Yesterday": Here comes the Kitsch

Doch gegen die altgedienten, hervorragend funktionierenden Story-Mechanismen eines Richard Curtis ist offenbar auch ein Danny Boyle machtlos - oder aber es waren sich beide Filmemacher einig, dass man allergrößte Behutsamkeit und Blauäugigkeit walten lassen muss, wenn es um die ehrwürdigen, übermächtigen Beatles geht. Fair enough: Ohne die Beatles kein moderner Pop: Die Welt wäre ein sehr düsterer Ort ohne sie.

Ach ja? Im England von "Yesterday" ist eigentlich alles wie immer, obwohl eines Nachts wegen eines kosmischen Kurzschlusses für 12 Sekunden der Strom ausfällt - und sich danach plötzlich niemand mehr an die Beatles erinnern kann. Außer einem. Der verkrachte Indie-Songwriter Jack Malik (Himesh Patel) aus Suffolk wird während des Stromausfalls von einem Bus angefahren und wacht im Krankenhaus wieder auf.

Der Sohn indischer Einwanderer büßt bei dem Unfall zwei Vorderzähne ein, die Welt aber verlor die Beatles. Das merkt Jack, als er, wieder genesen, mit Freunden am Meer sitzt und auf seiner neuen Gitarre ein Lied zum Besten geben soll. Er spielt, was man so spielt, wenn einem gerade nichts Besseres einfällt: "Yesterday". Zunächst glaubt er, seine Clique will ihn veräppeln, als ihn alle für seinen genialen neuen Song bewundern: "Kommt schon, Leute, das ist einer der großartigsten Songs, die je geschrieben wurden", versucht Jack den Joke zu lösen, aber die Freunde halten ihn nur für größenwahnsinnig: Ganz nett, aber nun auch nicht Coldplay, hämt einer. Haha.

Solche Gags gibt es zuhauf in "Yesterday", vor allem in der ersten Hälfte, wenn Jack bei der Google-Suche immer nur auf "Beetles" stößt und dann fieberhaft versucht, sich so viele Beatles-Klassiker wie möglich in Erinnerung zu rufen. Wie war das gleich noch in "Eleanor Rigby" mit der Kirche, den Socken und Father McKenzie? Verdammt! Aber ihm ist klar: Das Vermächtnis der Fab Four darf nicht sterben.

Es kommt, wie es kommen muss: Jack tritt in einer lokalen TV-Show mit seiner Version von "In My Life" auf, Ed Sheeran (der echte) ruft ihn an, besucht ihn zuhause und nimmt ihn dann gleich mit auf Tournee. In Moskau spielt Jack dann "Back in the U.S.S.R" vor johlenden Russen. Und backstage lässt er sich auf einen Wettbewerb mit dem schön passiv-aggressiven Sheeran ein - und gewinnt. Natürlich.

Und so geht es weiter: Schmunzelsicher getragen von jener entwaffnenden Slapstick-Version eigentlich nervtötender Britishness, mit der Curtis berühmt geworden ist - und von einer Liebesgeschichte, die, Love is schließlich all you need, den Kern des Films bildet: Denn in seinem Wahn, erfolgreicher Musiker zu werden, ist dem sympathischen, aber begriffsstutzigen Jack nie aufgefallen, dass seine sonnenscheinhafte Freundin und Managerin Ellie ("Cinderella" Lily James) schon seit Kindheitstagen in ihn verknallt ist.


Yesterday
UK 2019
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Richard Curtis, Jack Barth (Story)
Cast: Himesh Patel, Lily James, Kate McKinnon, Joel Fry, Ed Sheeran
Produktion: Working Title, Etalon Films
Verleih: Universal
Länge: 116 Minuten
FSK: keine Altersbeschränkung
Start: 11. Juli


Nun wird Jack mithilfe seiner kompetent gecoverten Beatles-Songs tatsächlich zum Superstar und muss sich in Los Angeles mit einem zynischen Musikindustrie-Drachen (Kate McKinnon) herumplagen - sie will aus dem stoffeligen Briten ein Popidol formen und Millionen an ihm verdienen. Aber je größer Jacks Ruhm, desto drückender die Albträume, der ganze Betrug könnte spektakulär auffliegen. "Help me!" singt er in einer Konzertszene mit markerschütternder Panik.

Wer Curtis-Schmachtfetzen wie "Love Actually" und "Notting Hill" liebt, der findet an "Yesterday" nicht viel zu meckern: Er liefert eine mitreißend sentimental inszenierte romantische Komödie mit reichlich Beatles-Songs zum Mitsingen. Man kennt sie ja, zum Glück.

Im Video: Der Trailer zu "Yesterday"

Foto: Universal Pictures

Aber das ist natürlich ein Problem, wenn man immun gegen Curtis-Kitsch ist: Spätestens nach der Hälfte des Films ist langweiligerweise klar, worauf der Plot am Ende zusammenschrumpfen muss: Erfolg oder Ellie. Weltverarschung oder wahre Liebe.

Interessant wäre, wenn der Film hier eben nicht die erwartbare Antwort geben würde. Toll wäre, wenn die alten Beatles-Klassiker eben nicht mehr dieselbe Magie entfalten würden wie vor 50 Jahren, weil sich Ansprüche an Pop geändert haben: Stell dir vor, du spielst "Yesterday" und keinen kümmert's!

Aber so viel Blasphemie können Boyle und Curtis nicht zulassen. Eine Welt, in der Beatles-Songs nicht unmittelbar und bedingungslos von jedem geliebt werden, ist für sie nicht vorstellbar. Es bleibt bei einer braven Verbeugung. Das ist ganz niedlich, aber es rockt nicht.

insgesamt 127 Beiträge
jan-e-mann 10.07.2019
1. Interessante Frage
Seit dem ersten Trailer zu dem Film stellt sich mir (als langjährigem Beatles-Fan) die Frage, ob die Beatles als neue Band tatsächlich Erfolg hätten.... Den gleichen Ehrgeiz und die selben Talente vorausgesetzt, halte ich das [...]
Seit dem ersten Trailer zu dem Film stellt sich mir (als langjährigem Beatles-Fan) die Frage, ob die Beatles als neue Band tatsächlich Erfolg hätten.... Den gleichen Ehrgeiz und die selben Talente vorausgesetzt, halte ich das durchaus für möglich. Die Songs selbst aber dürften ganz anders ausfallen, zeitgemäßer natürlich. Aber würden die damaligen Kompositionen, vielleicht im moderneren Gewand, überhaupt eine Chance auf die Top-Ten haben?
toninotorino 10.07.2019
2. Yersterday/Film
Habe neulich bereits etwas über den Film gelesen. Gute Story. Vor längerer Zeit ging es mir gesundheitlich sehr schlecht. Ich legte irgendwann ein Album der Beatles auf und ich merkte, dass mir die Musik gut tat. Habe dann [...]
Habe neulich bereits etwas über den Film gelesen. Gute Story. Vor längerer Zeit ging es mir gesundheitlich sehr schlecht. Ich legte irgendwann ein Album der Beatles auf und ich merkte, dass mir die Musik gut tat. Habe dann wochenlang Beatles gehört. Ticket To Ride, I feel fine, Here Comes the sun, das war, als ob ich runderneuert werde! Kann ich immer empfehlen, wenn man in den Seilen hängt. Unabhängig jeden Alters. Lemmy Kilmister griff auch auf sie zurück, als es ihm nicht so gut ging, habe ich mal gelesen.
noalk 10.07.2019
3. englischer Größenwahn
In England fällt der Strom aus, und alle Welt - sogar die Russen und die Amis - vergisst die Beatles. Schon der Trailer kam mir seltsam vor und weckte bei mir überhaupt keine Lust zum Angucken. Von Humor und Romantik hat der [...]
In England fällt der Strom aus, und alle Welt - sogar die Russen und die Amis - vergisst die Beatles. Schon der Trailer kam mir seltsam vor und weckte bei mir überhaupt keine Lust zum Angucken. Von Humor und Romantik hat der nicht gerade getrieft.
snickerman 10.07.2019
4. Dankeschön!
Bei dieser penetranten Wertung schon im Teaser ist meine Entscheidung gefallen. Dank Herrn Borcholte werde ich auf jeden Fall da reingehen. Wenn Kulturkritiker vom Kitsch reden, ist das schon mal ein gutes Argument, endlich mal [...]
Bei dieser penetranten Wertung schon im Teaser ist meine Entscheidung gefallen. Dank Herrn Borcholte werde ich auf jeden Fall da reingehen. Wenn Kulturkritiker vom Kitsch reden, ist das schon mal ein gutes Argument, endlich mal wieder was fürs Gemüt!
streifenpuppe 10.07.2019
5. Scheint ein wirklich netter Film zu sein
wenn der Spiegel ihn so verreißt.... sollte man sich also unbefangen ansehen!
wenn der Spiegel ihn so verreißt.... sollte man sich also unbefangen ansehen!
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