Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

50 Jahre "U-Comix"

Munterer Leichnam unter Strom

Erst wiederbelebt, dann bis zum 50. Geburtstag gepusht: Die Independent-Legende "U-Comix" zuckt erfreulich lebendig und ermöglicht zum Fest gleich zwei erstaunliche Wiedersehen.

Steff Murschetz/ U-Comix
Von
Donnerstag, 05.09.2019   13:08 Uhr

Zum Autor

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Alle mal herhören: "U-Comix" ist 50! Tusch! Doppeltusch! Na?

Also gut, ich seh schon, der Jubel ist ausbaufähig. Ist ja auch lange her. Die sich erinnern sagen wahrscheinlich: "50? Sind die nicht tot?" Waren sie auch eine Zeit lang, zugegeben. Es hat einen richtigen Doktor Frankenstein gebraucht, der den Leichnam wieder unter Strom gesetzt hat, aber da sind wir ja auch schon mitten im Thema. Denn eigentlich ist es genau das, was "U-Comix" immer gewesen ist, eine Art Frankensteinsches Monster der neunten Kunst, ein Comic-Magazin, zusammengesetzt aus eigenwilligen Einzelteilen, allesamt natürlich ausgegraben, denn das "U" steht und stand für "Underground": Untergrund.

Der Untergrund ist das, was sich unterhalb des Mainstreams sammelt, entstanden in den Sechzigerjahren in den USA, nachdem konservative Strömungen dort die Comics-Code-Authority erzwungen hatten, eine Selbstzensur der Comicverlage. Ohne CCA-Siegel blieb nur die weniger lukrative Veröffentlichung mit Independent-Verlagen - etwas für Leute, denen Inhalte wichtiger waren als Gewinne. Also (je nach Ansicht) abgedrehte, geschmacklose Irre oder sensationelle, meinungsstarke, unangepasste Künstler wie Gilbert Shelton.

1969 beschloss Raymond Martin, derlei auch in Deutschland zu veröffentlichen. Leider gab (und, seufz, gibt) es hier etwas viel wirksameres als die CCA: Die breite Überzeugung, dass Comics blöd wären oder für Kinder oder beides, und dass man sie deshalb am besten weder liest noch kauft. Die Idee, in diesem Markt auch noch Untergrundcomics verkaufen zu wollen, war, um es vorsichtig auszudrücken: sportlich, und führte zum ersten Konkurs.

Erst der Nürnberger Alpha Verlag unter seinem rührigen Chef Achim Schnurrer brachte Mitte der Achtzigerjahre wirtschaftlichen Schwung in die Sache: Schnurrer präzisierte die U-Comix-Kundschaft, angepeilt wurden jene, die nicht mehr im "MAD"-Alter waren, aber gern etwas Ähnliches gehabt hätten. Humor, ein bisschen alternativ, ein bisschen sponti, grell, konsequent hemmungsarm. Schnurrer fuhr die Alt-Hippie-Inhalte zurück, brachte zu den Franzosen wie Gotlib neue Gesichter wie Pierre Clement oder auch mehr deutsche Inhalte, Leute wie Walter Moers, Klaus Cornfield, Ralf König oder den grandiosen Gerd Bauer.

Zudem hatte er einen deutlich größeren Markt ausgespäht: Sonderalben der Künstler, deren Einzelgeschichten die Leser im Heft kennen und schätzen gelernt hatten - Ralf Königs Klassiker "Kondom des Grauens" etwa erschien zuerst keineswegs bei Rowohlt, sondern im Alpha Verlag. Der Konkurs 1997 war denn auch weniger wirtschaftlich als staatsanwaltlich bedingt. Wohl auch deshalb fand sich anschließend niemand, der es riskiert hätte, "U-Comix" weiterzuführen - bis 2013.

Fotostrecke

50 Jahre "U-Comix": Munterer Leichnam unter Strom

Seit inzwischen sechs Jahren haucht der Zeichner Steff Murschetz der Leiche neues Leben ein, und das erfreulich traditionsbewusst: "U-Comix" ist eine liebevoll gemischte Fundgrube, die Jubiläumsausgabe hat zudem zwei echte Sensationen an Bord. Murschetz hat bislang Unübersetztes von Gilbert Shelton ausgegraben, vier Fat-Freddy-Abenteuer, von Shelton betextet, gezeichnet von Hal Robins, Jack Jackson, Spain Rodriguez und Paul Mavrides. Nicht minder sagenhaft: Murschetz hat Édika reaktiviert.

Tatsächlich haben ja viele, inklusive mir selber, geglaubt, der französische Kult-Eskalationsmeister sei entweder verschollen oder tot oder mangels Lesern verhungert. Immerhin war er einer der Topstars der verblichenen "U-Comix", mit rund 20 eigenen Alben voll blühendem Unfug - und doch hatte man seit dem Konkurs in Deutschland nichts mehr von ihm gelesen. Siehe da: Édika war nie weg, er sitzt und zeichnet noch, es hat ihn nur keiner mehr übersetzen mögen. Außerdem ist er nicht ganz leicht zu finden und zu erreichen, Murschetz ist ihm jahrelang hinterhergelaufen. Zwei Édika-Stories hat das Jubiläumsheft, das Wiedersehen allein ist schon den Kaufpreis wert.

Nicht immer hilfreich ist der 3D-Running-Gag des Hefts: Murschetz hat eine 3D-Brille spendiert, das Cover und 14 Heftseiten sind ein bisschen dreidimensional, na ja, und manche Frauen sind angezogen, wenn man sie mit dem einen Auge ansieht, und wenn man das andere nimmt, nicht. Ein bisschen Sex hat bei U-Comix immer dazugehört, allerdings - wie auch diesmal - derart übertrieben albern, dass jeglicher pornografische Nutzwert auszuschließen ist.

Was gibt's noch? Einen hübsch kranken Beitrag von Klaus Cornfield: ein neues Abenteuer mit Akne-Jürgen. Und auch sehr schön irritierend: Die Aufarbeitung des Schwerpunktthemas "Zorro" von Susanne Köhler. Ihr Zorro nimmt Greta Thunberg im Auto mit, und es stellt sich sehr schnell heraus, dass der edle Held für die noch edlere Jungheldin nicht wohlmeinend genug ist und sowieso die komplett falschen Prioritäten setzt. Aber bitte, Geschmäcker gibt es viele und mancher bevorzugt womöglich Murschetz' erstaunlich ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Bergbau im Ruhrgebiet.

Auswahl gibt es genug, und mit ein bisschen Glück schaffen's die "U-Comix" dann bis zum 60. Zu wünschen ist es ihnen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Autorennamen des Beitrags "Zorro & the Kids" (mit Greta Thunberg) korrigiert.


U-Comix Nr. 198. "50 Jahre U-Comix". 148 Seiten, 12 Euro.

insgesamt 7 Beiträge
Jor_El 05.09.2019
1. U-comix ist wieder da
Toll, noch mehr aber wünsche ich mir die Wiederbelebung von "Schwermetall".
Toll, noch mehr aber wünsche ich mir die Wiederbelebung von "Schwermetall".
P-Schrauber 05.09.2019
2. U-Comix, die hab ich ja noch gelesen
und dass ist schon lange her, sehr lange sogar! In der Mitte bis in die späten 80'er Jahren hatte die Reihe Format und war qualitativ sehr gut. Dann wächst man aus dem Heft tatsächlich heraus widmet sich anderen und [...]
und dass ist schon lange her, sehr lange sogar! In der Mitte bis in die späten 80'er Jahren hatte die Reihe Format und war qualitativ sehr gut. Dann wächst man aus dem Heft tatsächlich heraus widmet sich anderen und wichtigeren Dingen. Jetzt ist U-Comix ein Revival der Generation 50+x und nichts mehrr. Ich lese trotzdem immer gerne wieder Geschichten von Franquin (Spirou und Fantasio, Gaston, sowie schwarze Gedanken), Moebius, (Die Incal Reihe ist sehr gut), Uderzo, Hergé, Morris, Jean Giraud (Leutnant Blueberry) und Jean Graton (Vaillant). Das ist nur eine Einstellungsfrage, das Sujet und die erzählerisch wie zeichnerische Dichte mit der erreicht man die neue Generation Heute nicht mehr. Heute sind die Comic's (häufig Manga …) verflacht, selbst Donald Duck ist nicht mehr so gut wie früher, keine erzählerische Tiefe, keine vernünftige Sprache oder Wortspiele. Daher es war nett hier mal was darüber zu lesen aber gefragt ist es (leider) nicht mehr.
schaeuferla22 05.09.2019
3. Aber bitte
Raymond's Zeiten waren klasse. Er hat gekämpft und gegen die bayrische Vorschriften für Medien flagge gezeigt. Die Folgen aus dieser Zeit, einschliesslich des Vorwortes lese ich heute noch gerne. Freak-Brothers, Al Voss, Gotlib [...]
Raymond's Zeiten waren klasse. Er hat gekämpft und gegen die bayrische Vorschriften für Medien flagge gezeigt. Die Folgen aus dieser Zeit, einschliesslich des Vorwortes lese ich heute noch gerne. Freak-Brothers, Al Voss, Gotlib oder Edika. Genial und damals illegal.
meresi 06.09.2019
4. Ein bisserl Sex?
Nun, ich hab ein paar alte Heftln zu Hause, da sind ein paar Geschichten drin, die wären hier im SPON taboo...und nicht nur hier. Habs jetzt nicht zur Hand, da in den Staaten. Einen Sonderband hab ich auch, ein Wälzer, 200 [...]
Nun, ich hab ein paar alte Heftln zu Hause, da sind ein paar Geschichten drin, die wären hier im SPON taboo...und nicht nur hier. Habs jetzt nicht zur Hand, da in den Staaten. Einen Sonderband hab ich auch, ein Wälzer, 200 Seiten oder so...jaja, da waren einige zeichnerische und textliche Köstlichkeiten dabei, auch aus französischen Bleistiften.
r.mehring 07.09.2019
5. Da kommt ein Teil meiner Jugend wieder
Ja die Namen klingen noch die der Forist P-Schrauber anspricht. Nach Carl Barks war das Universum der Enten zunehmend alberner und liebloser geworden. Ich stieg um auf Fritz the Cat, die fabulous freak brothers und andere [...]
Ja die Namen klingen noch die der Forist P-Schrauber anspricht. Nach Carl Barks war das Universum der Enten zunehmend alberner und liebloser geworden. Ich stieg um auf Fritz the Cat, die fabulous freak brothers und andere Heavy-Metal Artist. Literarischer Begleiter waren Charls Bukowski, Hubert Shelby und andere mehr oder weniger Undergrounder. Noch heute fallen mir manchmal in irgendwelchen Kisten verschwundene Schwermetall in die Hände und dann ist der alte Zauber doch wieder da. Trotz allem Internetetten und allemal besser als jeder TV-Trash. Danke für die Wiedergeburt.
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP