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Kultur

Kinder auf der Flucht

Im Echo der Canyons

Als 2014 besonders viele unbegleitete Kinder versuchen, in die USA zu flüchten, beginnt Valeria Luiselli mit ihrem Roman. "Archiv der verlorenen Kinder" ist eine Spurensuche nach ihren Schicksalen - und ein Roadtrip.

Rodrigo Abd/ AP

Kinder auf der Flucht in die USA

Von
Mittwoch, 11.09.2019   17:55 Uhr

Der Tod an der mexikanischen Grenze klingt bei Luiselli nach erodierten Knochen. Tonlos und trotzdem auf bedrohliche Weise spürbar, so "als klebten Lautpartikel an den Sandpartikeln". Bei der Polizei landen die Fälle als "Migranten-Mortalitätsberichte" im Archiv. Todesursache: unbestimmt. Von den Menschen bleiben hier nur Fragmente, ihre Stimmen sind verstummt. Der Fundort der Skeletteile lässt sich genau kartieren: zwei Meilen westlich vom Fluss East Turkey Creek, im Süden Arizonas.

2014 begann die mexikanische Autorin Valeria Luiselli an ihrem neuen Roman "Archiv der verlorenen Kinder" zu schreiben. Das Jahr wurde in den USA als "Migration Crisis" bekannt. Jährlich überqueren Hunderttausende aus Mittelamerika ohne gültige Papiere die Grenze zu Mexiko. Aber 2014 waren unter den Flüchtenden ungewöhnlich viele Kinder und Jugendliche, viele ohne Begleitung eines Erwachsenen. Die Behörden schienen überfordert. Manche Kinder landeten in Auffanglagern. Andere kamen nie an.

Dan Callister

Valeria Luiselli verarbeitet viele persönliche Erfahrungen

Luisellis Roman ist eine akustische Spurensuche. Eine namenlose Mutter und ein namenloser Vater reisen mit ihren beiden Kindern im Auto von New York nach Arizona. Sie arbeitet als Hörfunkjournalistin, er als Soundscape-Künstler, also jemand, der Klanglandschaften von Orten untersucht. Für ein Radioprojekt sucht die Frau nach den Flüchtlingskindern. Im Gepäck hat sie Bilder, Karten, Rechtsdokumente. Ziel ist die Apachería, Wohngebiete der Apachenstämme, durch die sich heute die Grenze nach Mexiko zieht.

Dort hofft die Frau das zu hören, was die Flucht begleitete: Geräusche von "rutschenden Steinen, schleppenden Schritten, hilflosen Menschen". Das aber stellt sich bald als vergebliche Suche nach einem "dunklen, stummen Kern" heraus. Was verloren ist, lässt sich nicht festhalten. Die Familie reist durch Arkansas, Texas, New Mexico. Am Fenster ziehen unbewohnte Häuser vorbei. Vor ihnen liegen "lange gerade Straßen, leer und eintönig". Die Suche wird zum Roadtrip ohne hörbares Ziel.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 11:01 Uhr
Ohne Gewähr

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Valeria Luiselli
Archiv der verlorenen Kinder

Verlag:
Kunstmann, A
Seiten:
400
Preis:
EUR 25,00

Vieles in dem Roman sind persönliche Erfahrungen der Autorin. Geboren ist Luiselli in Mexiko-Stadt. Heute lebt sie, wie die Familie des Romans, in New York. Schon 2017 veröffentlichte sie unter dem Titel "Tell me how it ends" einen Essayband. In 40 Fragen ließ sie Kinder aus Mittelamerika zu Wort kommen, die vor ihrer Abschiebung standen. Ihr neuer Roman ist noch einmal ein ganzes Stück persönlicher. Für die Recherchen fuhr sie selbst mit ihrer Familie nach Arizona, sprach mit Kindern an der Grenze. 2019 kam sie mit dem Roman auf die Longlist des Booker Prize. Ein Buch voller "schmerzvoller Wahrheiten", so heißt es in der Jurybegründung.

Man sollte den Roman besser zwei Mal lesen

"Archiv der verlorenen Kinder" ist eines jener Bücher, die man besser zwei Mal lesen sollte. Das liegt teilweise an der komplexen Sprache. Darin verbinden sich Klänge, die eine besondere Intimität entstehen lassen. Sie gewähren der Journalistin "Zugang zu einer tieferen, unsichtbaren Schicht der menschlichen Seele, ähnlich einem Hydrographen, der die Lotung eines Gewässers durchführt".

In der ersten Hälfte des Romans erzählt meistens die Journalistin. Das passiert in reportagehaften Momentaufnahmen, von "Ackerland und Wiesen, hie und da gesprenkelt mit Wildblumen". Parallel dazu entwickelt sich in losen Fragmenten die Geschichte einer Flucht zweier Mädchen.

Der Text steckt voller subtiler Anspielungen. Aus dem Radio klingen Songs wie David Bowies "Space Oddity" oder "Paint it Black" der Rolling Stones. Einige Seiten später fahren Kinder auf Zugdächern durch schwarze Tunnel, hinter denen sich fremde Täler wie in einer "bodenlosen, blendenden Blume" ausbreiten. Bilder wiederholen sich, Bezüge werden aber oft erst im Nachklang spürbar. Was schade ist und vielleicht auch das einzige Manko an dem Buch.

Im zweiten Teil wird Verlorenes wiederentdeckt - nur anders als gedacht

Der Nachklang ist strukturgebend für den Roman. Verlorene Klänge lassen sich nicht wiederholen. Im Lauf der Geschichte werden allerdings auch solche spürbar, die "normalerweise nicht wahrgenommen werden". Regen auf dem Dach etwa, Insektensummen. Dazwischen "Pausen, Löcher, fehlende Teile, herausgeschnitten aus dem Augenblick". Gerade jene Löcher und Resonanzräume bieten den beiden Kindern Möglichkeiten, in ihrer Fantasie einen Sinn in den Erzählungen der Eltern zu finden: Wenn man "die richtige Oberfläche gefunden hat, kommt manchmal, nur manchmal, tatsächlich ein Echo zurück, ein echter, klarer Nachhall".

Jene Erkenntnis kommt in dem Roman leider recht spät. Echos entstehen erst dann, wenn ein Ton Widerstand findet - und Nachhall auslöst. Der lässt allerdings mehr als 200 Seiten auf sich warten. Erst nach der Hälfte wechselt die Perspektive zum Sohn.

Der erzählt die Geschichte noch einmal neu, in einer bildhaft-kindlichen Sprache, die gerade dadurch Ansätze liefert, verlorene Eindrücke wahrnehmbar zu machen: Stille wird zu "Stimmen, die Worte flüstern". Die Wüste im Südwesten Arizonas wird, in Anlehnung an Joseph Conrad, zum "Herz des Lichtes". Gemeinsam brechen die Kinder auf und suchen nach Echos in den Canyons. Mit jenem Echo der Kinder funktioniert dann auch der erste Teil des Romans. Nur leider im Nachklang.

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