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Kultur

Platz drei der SPIEGEL-Bestsellerliste

"Ist Schinken nicht auch Dauerwurst?"

Historienschwarte aus dem 16. Jahrhundert: Rebecca Gablés "Der Palast der Meere" steht in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz 3. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

Olivier Favre

Schriftstellerin Gablé: "Ein Buch für die Mütter von Mädchenbuchleserinnen"?

Von und
Montag, 21.09.2015   17:45 Uhr

An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal: Rebecca Gablés historischer Roman "Der Palast der Meere".

Hammelehle: Mit Geschichten vom Königshof hatten wir es auf der Bestsellerliste in letzter Zeit häufiger zu tun: Kiera Cass' "Selection", Amy Ewings "Das Juwel". Die spielen in einer futuristischen Parallelwelt. "Der Palast der Meere" hingegen ist ein klassisch historischer Roman, angesiedelt im England des 16. Jahrhunderts.

Keller: Was die Frage aufwirft: Kann Elizabeth I. mit den erfundenen Königshäusern mithalten?

Hammelehle: Für die Mädchenbücher von Kiera Cass und Amy Ewing hast du das schöne Wort "Vintage-Zukunft" erfunden. "Der Palast der Meere" scheint mir eher ein Buch für die Mütter oder vielleicht auch die älteren Tanten dieser Mädchenbuchleserinnen zu sein - und damit auch ein ästhetisches Gegenprogramm, für das ich von dir nun gern ein Etikett hätte. Die Elizabeth I. dieses Buchs jedenfalls ist nicht gerade eine respektheischende Herrscherin von historischem Format.

SPIEGEL-Bestseller-Listen

Keller: "Der Palast der Meere" liest sich ein bisschen wie eine Gesamtausgabe englischer Geschichte in einfacher Sprache. Läse man nur die Dialoge, hätte man kaum eine Chance zu erraten, wo und wann das Buch spielt.

Hammelehle: Auf mich wirkt es wie eine Vorabendserie in altertümlichen Kostümen. Wie wahrscheinlich alle Verfasser von historischen Romanen legt auch Rebecca Gablé, die mit bürgerlichem Namen Ingrid Krane-Müschen heißt und aus dem Rheinland kommt, viel Wert darauf, akribisch recherchiert zu haben. Man kann davon ausgehen, dass Konfektionsgrößen und Spanferkelrezepte historisch korrekt sind und wahrscheinlich auch die Temperatur des Brandeisens so ist wie im London des 16. Jahrhunderts. Das allerdings macht noch keinen Roman aus. Die Atmosphäre dieses Buchs ist in etwa die eines Mittelalterspektakels auf dem Rewe-Parkplatz. Wann hast du eigentlich zuletzt für ein Buch das Wort Schinken benutzt?

Keller: In diesem Fall wäre das Wort Dauerwurst besser. Immerhin handelt es sich bei diesem Buch um den fünften Teil einer Reihe, die es seit fast zwanzig Jahren gibt. In diesem wird von der fünften Generation der Familie Waringham erzählt. Und für Band sechs ist auch schon alles parat: Die jüngste Waringham-Schwester hat vorsichtshalber eine ganze Reihe Kinder bekommen.

Hammelehle: Ist Schinken nicht auch eine Dauerwurst? Aber jenseits derartiger, das Fleischerhandwerk betreffender Fragen: Warum sollte ich mich für diese Familie und ihre literarische Verwurstung interessieren? Oder, mit anderen Worten: Und das soll ich lesen?

Keller: Der einzige Grund der mir einfällt, wäre das Bedürfnis, historische Persönlichkeiten von einer vermeintlich authentischen, menschlichen Seite kennenzulernen. Dann wäre es gar nicht so anders, als die "Gala" zu lesen. Falls auch das korrekt recherchiert ist, weiß man nach dem Lesen zum Beispiel über Elizabeth I., dass sie als Kind Pelikane handzahm machte. Das ist doch nett.

Maren Keller ist Kulturredakteurin des SPIEGEL. Ihr Lieblings-Royal ist natürlich Prinz Harry.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur des SPIEGEL. Sein liebster historischer Roman sind die Tagebücher von Samuel Pepys.

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Und das soll ich lesen? Kolumne zur SPIEGEL-Bestsellerliste

insgesamt 7 Beiträge
widower+2 21.09.2015
1. Überheblich
Man sollte schon die ersten vier Teile gelesen haben, wenn man den fünften beurteilen will. Das haben die Autoren offensichtlich nicht getan. Der 3. Platz in der Bestsellerliste ist mit Sicherheit kein Zufall und mehr als [...]
Man sollte schon die ersten vier Teile gelesen haben, wenn man den fünften beurteilen will. Das haben die Autoren offensichtlich nicht getan. Der 3. Platz in der Bestsellerliste ist mit Sicherheit kein Zufall und mehr als berechtigt. Rebecca Gablé schreibt einfach ungeheuer unterhaltsam, treffend und historisch korrekt. Bei der Lektüre kann man durchaus mehr lernen als beim Lesen der Gala oder dieses Artikels.
Newspeak 21.09.2015
2. ...
Sollte man wirklich? Ein Buch, auch eines aus einer Serie, muß für sich überzeugen. Und ein Platz in der Bestsellerliste, na ja, was sagt der schon aus? Nicht viel mehr, als daß sich viele Menschen dieses Buch kaufen, [...]
Zitat von widower+2Man sollte schon die ersten vier Teile gelesen haben, wenn man den fünften beurteilen will. Das haben die Autoren offensichtlich nicht getan. Der 3. Platz in der Bestsellerliste ist mit Sicherheit kein Zufall und mehr als berechtigt. Rebecca Gablé schreibt einfach ungeheuer unterhaltsam, treffend und historisch korrekt. Bei der Lektüre kann man durchaus mehr lernen als beim Lesen der Gala oder dieses Artikels.
Sollte man wirklich? Ein Buch, auch eines aus einer Serie, muß für sich überzeugen. Und ein Platz in der Bestsellerliste, na ja, was sagt der schon aus? Nicht viel mehr, als daß sich viele Menschen dieses Buch kaufen, vielleicht sogar nur verschenken, aber ob sie es lesen? Die Kritiker haben schon recht... Der einzige Grund der mir einfällt, wäre das Bedürfnis, historische Persönlichkeiten von einer vermeintlich authentischen, menschlichen Seite kennenzulernen. Dann wäre es gar nicht so anders, als die "Gala" zu lesen. Falls auch das korrekt recherchiert ist, weiß man nach dem Lesen zum Beispiel über Elizabeth I., dass sie als Kind Pelikane handzahm machte. Das ist doch nett. ...aus diesem Schema sind beinahe alle Historienromane gestrickt. Es ist, ähnlich wie Krimis, besser noch historische Krimis, eine Kuh, die sich hervorragend melken lässt, immer wieder neu und in allen Variationen (historische Teenagerkrimis z.B.). Nur muß man dann auch feststellen können, daß es sich damit ungefähr so ähnlich wie mit den Arzt- und Heimatromanen (besser noch Bergdoktorromanen) verhält. Es ist vielleicht unterhaltsam, aber doch seicht. Und sorry, wer historische Korrektheit will, liest ein historisches Sachbuch und keinen Roman. Leute, die ihre historische Bildung aus Romanen beziehen, sind meistens hervorragend halbgebildet. Man sieht das ja auch an den gängigen Klischees, z.B. auf Mittelaltermärkten. Diese Art von historischer Bildung wird ganz schnell enttarnt, wenn man den Leuten mal klarmacht, was z.B. Mittelalter wirklich für die meisten Menschen bedeutet hat...harte Arbeit, Kälte, Dreck, Hunger, Krankheit, früher Tod. So einen Mittelaltermarkt findet man selten. Und so einen Mittelalterroman ebensowenig. Denn wenn schon historisch, dann natürlich am Königshof angesiedelt, in der High-Society, ganz so wie Jungmädchenphantasien sich das so einbilden. Das ist keine historische Korrektheit, das ist schlimmer Kitsch.
curulin 21.09.2015
3. Gala
Was mich hier an die Gala erinnert ist das Niveau der Rezension. Dass korrekte Recherche (wobei Gablé ja nicht nur die Zeit recherchiert, sondern auch stufdiert hat) ist bei historischen Romanen keineswegs immer gegeben, siehe [...]
Was mich hier an die Gala erinnert ist das Niveau der Rezension. Dass korrekte Recherche (wobei Gablé ja nicht nur die Zeit recherchiert, sondern auch stufdiert hat) ist bei historischen Romanen keineswegs immer gegeben, siehe z.B. Noah Gordons "Medicus". Den Palast der Meere habe ich noch nicht gelesen, aber 3 andere von Gablés historischen Romanen. Man lernt in der Tat wenig über die Große Geschichte, dafür empfehle ich Geschichtsbücher oder Wikipedia. Informationen über das Alltagsleben im Mittelalter sind wesentlich schwerer zu finden und gerade diese vermittelt Gablé auf unterhaltsame Weise. Natürlich interessiert das nicht Jeden, aber offenbar doch genug Leute für Platz 3 der Bestsellerliste.
dumble-dore 21.09.2015
4. Warum soll ich diese 'Kritik' lesen?
Wenn hier jemand erwartbaren Text geschrieben hat, dann das "Wir beantworten die entscheidende Frage"-Team der SPIEGEL-Kulturredaktion. Mir ist völlig schleierhaft, aus welchem Grund eine solide Recherche überflüssig [...]
Wenn hier jemand erwartbaren Text geschrieben hat, dann das "Wir beantworten die entscheidende Frage"-Team der SPIEGEL-Kulturredaktion. Mir ist völlig schleierhaft, aus welchem Grund eine solide Recherche überflüssig sein sollte oder schaden könnte. Für den SPIEGEL gilt seit langem: Lieber Schwachsinn als Langeweile; Recherche machen dann die Schnarchnasen von der seriösen Presse. Statt dessen machen und die beiden 'Gesprächspartner' in ihrem Beitrag mit den Vorurteilen bekannt, die sich aus ihrer bisherigen Lektüre ergeben haben. Das Niveau dieses unqualifizierten Abqualifizierens macht schon wieder Lust, das von den beiden Literatur-Spontis auf Mittelalter-Markt-Niveau abgesenkte Buch zu lesen. Aber dennoch: Weniger ist oft mehr. Dieser Beitrag war überflüssig.
verstimmt 22.09.2015
5. unangenehm
Ach, es ist ja nicht nur, dass die Kritik so seltsam unqualifiziert daherkommt. Man mag sich auch gerne über Trivialliteratur mokieren, aber wenn man schon den Drang der Autoren historischer Romane zur Detailtreue belächelt, [...]
Ach, es ist ja nicht nur, dass die Kritik so seltsam unqualifiziert daherkommt. Man mag sich auch gerne über Trivialliteratur mokieren, aber wenn man schon den Drang der Autoren historischer Romane zur Detailtreue belächelt, sollte man nicht so offenkundig arg- und ahnunglos über Konfektionsgrößen zur Zeit Elisabeths I. sinnieren. Und, weil wir gerade so nett beisammen sind: Die Tagebücher von Samuel Pepys sind tatsächlich Tagebücher, kein Roman. Call me old-fashioned, aber ich finde es immer schöner, wenn ein Literaturkritiker zumindest über ein grundlegendes Wissen verfügt. Was aber wirklich einen üblen Nachgeschmack hinterlässt, ist dieser spöttische Unterton, mit dem sich diese gebildeten Menschen abzugrenzen suchen vom literarischen Pöbel, der die Gala und historische Romanserien liest. Allein, ein wirklich gebildeter Mensch würde sich nie so derart abqualifizierend und hochnäsig über andere Menschen äußern. Und endgültig geschmacklos wird es in dem Moment, in dem man leise spöttelt über Einfache Sprache und damit auch über die Menschen, für die die Einfache Sprache eine Möglichkeit zur Teilhabe darstellt. So sehr ich mich auch bemühe, für so ein Verhalten und die dahinterstehende Geisteshaltung kann ich kein Verständnis aufbringen. Schämen Sie sich!
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