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Kultur

Zum Tod von Brigitte Kronauer

Mit dem Leuchtschwert geschrieben

Ihr Werk durchzog zartes Mitgefühl ebenso wie sezierende Härte: Die große Autorin Brigitte Kronauer schrieb stets radikal zeitgenössisch - ihre Prosa war immer auf dem Sprung.

Daniel Reinhardt / DPA

Brigitte Kronauer schrieb schon als Kind Hörspiele und kleine Texte

Von
Dienstag, 23.07.2019   19:37 Uhr

Eigentlich kann man sie sich bis zuletzt nur in gespannter Erwartung vorstellen. In Erwartung darauf, was das Leben, so nah an den Tod gerückt, noch bieten wird. Wie sich die Welt verändert, wenn man, als Sterbende, auf sie schaut. Brigitte Kronauer, 78, war lange schon schwer krank, am 22. Juli ist sie in Hamburg gestorben.

"Was ich von mir erwarte, ist zeitgenössische Schriftstellerei", sagte sie vor einer Weile. Tatsächlich hat sie ihre eigene Erwartung immer eingelöst: Von ihrem ersten, einer größeren Öffentlichkeit bekannt gewordenen Roman "Frau Mühlenbeck im Gehäus" aus dem Jahr 1980, über den der SPIEGEL damals schrieb "Sie muss schreibend zeitweise an den Rand ihrer Existenz geraten sein", bis zu ihrem letzten Buch, "Das Schöne, Schäbige, Schwankende", das erst Anfang August erscheinen wird.

Sie war immer eine radikal zeitgenössische Schriftstellerin. Die Menschen, die Paare, die Landschaften, die Geschäfte, die sie beschrieb, vor allem aber wie sie sie, begeistert vom französischen nouveau roman, beschrieb. Nie routiniert, nie festgefügten Formen folgend, ist ihre Prosa stets auf dem Sprung.

Ihr Leben lang war sie mit Notizzettelchen unterwegs, immer in Erwartung auf etwas, das sie elektrisierte. Aus der Lebensroutine riss. Das konnte alles sein - die "Tagesschau" etwa, aber auch der Moment aus der eigenen Kindheit, als die Frau aus der Wohnung über ihnen, Frau Balkon, zu ihnen herunterkam, klingelte und sagte, sie zittere wie Espenlaub. Ein Satz, der überhaupt nicht zu ihr passte, wie in sie hineingelegt, von einem Spötter.

Bernd Kammerer / AP

Brigitte Kronauer 2005 bei der Preisverleihung des Georg-Büchner-Preises

Da habe Literatur für sie begonnen, erinnerte sich Kronauer später. Und mit der stets ironischen Mutter. Vom Vater, der erst spät aus der Kriegsgefangenschaft im Kaukasus zurückkehrte, Kronauer war da schon sieben, vom Vater hatte sie die poetische Seite. Der trug viele Gedichte in sich und trug sie oft vor. Nicht aus Bildungsgründen, sondern weil sie ihm wichtig waren. Aber Brigitte Kronauer wurde eine Dichterin wie ihre Mutter, die gar nicht selber schrieb, aber immer erzählte. Mit dieser Ironie, die Kronauers ganzes Werk durchzieht: zwischen zartem Mitgefühl und genau blickender Härte.

Lebendiger denn je

Schon als Kind hat sie immer geschrieben. Hörspiele, kleine Texte, Beobachtungen. Wann sie sich eigentlich gelabt habe, hat sie sich später gefragt, als ihr Bruder all die alten Texte im Haus der Eltern fand. Es scheint, wenn man ihre Romane liest, vor allem auch den letzten, dass sie mit den Jahren - trotz der über dreißig Bücher, die sie veröffentlichte - viel Zeit zum Leben fand. Zum Mitleben zumindest mit so vielen anderen Menschen, die sie beschrieb und die sie sehr gut kannte. Die waren von ihr, wie mit dem Leuchtschwert aufgeschlitzt, innerlich erleuchtet und dann nahtlos wieder zusammengefügt, danach lebendiger denn je.

Sie hatte da diesen Schatz in sich. Denn, auch wenn sie bis ins Alter hinein so zeitgenössisch, zeitgemäß modern blieb - so war das Reservoir aus dem sie schöpfte, neben ihrem ständig wachen, hellen Blick, ein übergroßes, stets präsentes Erinnerungsreich. "Ich kenne kaum einen Menschen, der sich mit heißeren Gefühlen erinnerte als er", schreibt sie über einen Mann in ihrem letzten Buch. Und dass es die große Erinnerungskunst sei, sich durch schöne Erinnerungen niemals die Gegenwart verdunkeln zu lassen. "Ich musste lernen, sie ohne Schmerz zu betrachten", lässt sie im selben Buch einen Greis sagen.

Brigitte Kronauers Bücher lesen, "Teufelsbrück" und "Gewäsch und Gewimmel" und "Die Frau in den Kissen", und "Rita Münster" - das ist wie in einen hellen, rätselvollen Raum einzutreten. Ihr Leuchtschwert und ihre Zettel hatte sie bis zuletzt immer dabei.

insgesamt 1 Beitrag
In effigie 24.07.2019
1. Berauschend
Sie hat so viel Vergnügen gebracht. In berauschendem Reichtum. Vielleicht kann man einmal sagen, dass sie das alte Jahrhundert für die deutsche Literatur abgeschlossen hat.
Sie hat so viel Vergnügen gebracht. In berauschendem Reichtum. Vielleicht kann man einmal sagen, dass sie das alte Jahrhundert für die deutsche Literatur abgeschlossen hat.

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