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Kultur

Buch zu G20-Krawallen in Hamburg

Die Gretchenfrage

Wo hört Gesellschaftskritik auf, wo beginnt Zerstörungswut? Der Aktivist und Rote-Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt setzt sich in einem Buch mit den G20-Protesten in Hamburg auseinander.

REUTERS

Anti-G20-Demonstranten vor der Roten Flora in Hamburg am 6. Juli 2017

Von Katharina Schipkowski
Mittwoch, 03.07.2019   12:58 Uhr

Um das besetzte Kulturzentrum Rote Flora - und auch insgesamt um die Hamburger linke Szene - ist es still geworden nach dem G20-Gipfel, eine Aufarbeitung der Ereignisse aus linker Perspektive fand höchstens in kleinen Kreisen statt. Das kritisiert der Flora-Sprecher und Aktivist Andreas Blechschmidt, das Gesicht des besetzten Kulturzentrums, und legt jetzt selbst eine Auswertung vor, das Buch "Gewalt Macht Widerstand. G20 - Streitschrift um die Mittel zum Zweck".

Blechschmidt geht der Frage nach, wie die Auseinandersetzungen am Abend des 7. Juli 2017 zu bewerten sind. Während die Polizei im Schanzenviertel stundenlang abwesend war, tanzten G20-Gegner ausgelassen um die Barrikaden. Viele ließen sich, selbstbewusst posierend, vor den Flammen fotografieren, die Krawall-Selfies landeten deutschlandweit auf den Titeln der Zeitungen.

Nach dem Abend, den die Polizei mit Spezialeinheiten beendete, kippte die Stimmung in Hamburg zuungunsten der Linken. Feuer waren in der Nähe von Wohnhäusern gelegt, Läden geplündert worden. An den Ereignissen kristallisierte sich die ewige Gretchenfrage der Linken: Ist das noch Gesellschaftskritik? Oder nur pure Zerstörungswut?

Andreas Blechschmidt ist sicher kein Gegner linker Militanz. Der Autonome, der sich seit der Besetzung der Roten Flora 1989 in dem Kulturzentrum engagiert, hatte die "Welcome to Hell"-Demo angemeldet. Im Vorfeld hatten die Organisatoren den "größten schwarzen Block Europas" angekündigt. Man wolle den

Preisabfragezeitpunkt:
20.06.2019, 12:03 Uhr
Ohne Gewähr

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Andreas Blechschmidt
Gewalt. Macht. Widerstand.: G20 - Streitschrift um die Mittel zum Zweck (Reihe antifaschistische Texte)

Verlag:
Unrast Verlag
Seiten:
160
Preis:
EUR 12,80

Regierungschefs zeigen: "Ihr macht nie wieder einen Gipfel in einer europäischen Großstadt".

Wer Gewalt pauschal ablehne, argumentiert Blechschmidt nun in seinem Buch, verschleiere damit die Gewalttätigkeit des Staates. Auch Nichtstun könne gewalttätig sein, siehe etwa das Sterben im Mittelmeer. Gewaltfreiheit sei ein Mythos, die Überwindung des kapitalistischen Systems nach wie vor notwendig.

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Das ist eine gängige Argumentation der radikalen Linken: Die Verhältnisse seien gewalttätig, linke Militanz lediglich eine Reaktion darauf, eine Art Notwehr. Nur: Was bringt in diesem Argumentationsrahmen dann die Gegengewalt?

Für die Ereignisse im Schanzenviertel hält Blechschmidt zunächst fest: Die Gewalt habe niemandem etwas gebracht, im Gegenteil, die Feuer seien "politisch unverantwortlich" gewesen. Wohnungen hätten in Flammen aufgehen, die Shell-Tankstelle hätte in die Luft fliegen können. Blechschmidt war damals noch in der Nacht vor die Kameras getreten und hatte die Brandstiftungen im Wohnviertel verurteilt. Für den Flora-Aktivisten selbst war der Riot ein Pyrrhussieg, wie er jetzt in seinem Buch darlegt: Weder habe er der radikalen Linken über ihre eigene Szene hinaus Zuspruch gebracht, noch hätten sich neuen Perspektiven daraus ergeben.

Die meisten linksradikalen und anarchistischen Publikationen hingegen, so stellt Blechschmidt zutreffend fest, feiern den Abend im Schulterblatt als politischen Erfolg. Die anarchistische Broschüre "Rauchzeichen" etwa beschreibt in ihrer Auseinandersetzung die "Schönheit der Bewegung eines durch Metall verlängerten Körpers, der sich einem Schaufenster nähert".

In Blechschmidts Augen ist das "Straßenkampfprosa" und "Bewegungskitsch". Das linke Credo "Nicht distanzieren!", unter dem das ehemalige RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo 2018 den G20-Sammelband "Riot - was war da los in Hamburg?" veröffentlichte, findet er "gut gemeint, aber realitätsfern."

Nicht unbedingt angenehm zu lesen

Blechschmidt wirft der linken Szene hier Geschichtsvergessenheit und Theorieferne vor. Ihre Diskussionen bewegten sich in einem "eigentümlich politikfreien Raum". Er hingegen bedient sich bei einer ganzen Bandbreite linker Theorien von Karl Marx' "Achtzehnten Brumaire" über Hannah Arendt, Michel Foucault, Herbert Marcuse, Jacques Rancière und Didier Eribon.

Arendt beispielsweise habe in verschiedenen Schriften der Interpretation des Riots als Vorbote einer gesellschaftlichen Umwälzung widersprochen - die konterrevolutionäre Allmacht des kapitalistisch-neoliberalen Systems vereinnahme demnach jeden Aufstand. So sei es in Paris 1848 gewesen, in der Pariser Kommune 1871, im Pariser Mai 1968.

Die Theorieschwere macht das Buch nicht unbedingt angenehm zu lesen, vor allem, weil Blechschmidts Erkenntnis am Ende - Gewalt per se ist in einem gewalttätigen System legitim, die Militanz bei G20 hat aber keinem geholfen - doch wieder banal ist. Auch reiht der Autor viele Substantive aneinander und ringt sich selten zu klaren eigenen Bewertungen durch. Lieber nimmt er Umwege, beispielsweise über den Vergleich mit der 68er-Bewegung, bei der er auch nachzeichnet: Riots allein taugen nicht für den großen Umsturz. Eine Revolution? Ist damals wie heute nicht in Sicht.

Was die weiteren Aussichten angeht, ist Blechschmidt ebenfalls pessimistisch. Der Linken fehle es an inhaltlichen Konzepten und klaren Gesellschaftsanalysen ebenso wie an Protagonisten, da sich der männliche weiße Arbeiter längst überlebt habe.

Einen Lösungsansatz gibt er dann aber doch vor: Die authentischste revolutionäre Haltung bestehe darin, sich die eigene Ohnmacht einzugestehen. Mit dem sich daraus ergebenden, realistischen Bild gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse könnte die Linke dann auch wieder handlungsfähig werden.

insgesamt 23 Beiträge
catcargerry 03.07.2019
1. Was hat er verurteilt?
"Blechschmidt war damals noch in der Nacht vor die Kameras getreten und hatte die Brandstiftungen im Wohnviertel verurteilt." Blechschmidt ist mir in Erinnerung als wohlwollender Versteher der Gewalt. Da hätte ich doch [...]
"Blechschmidt war damals noch in der Nacht vor die Kameras getreten und hatte die Brandstiftungen im Wohnviertel verurteilt." Blechschmidt ist mir in Erinnerung als wohlwollender Versteher der Gewalt. Da hätte ich doch gern einmal die wörtlichen Statements, um meine Erinnerung aufzufrischen. Und mit den hier genannten organisatorischen und publizistischen Vorbereitungen der Krawalle und Ausschreitungen ("Riot" hört sich schöner an) hat er die Lunte für die Gewaltexzesse gelegt. Im Übrigen kopiert seine Argumentationslinie die der extremen Linken der 70er, die mir persönlich aus Göttingen bekannt ist und die direkt zu Dellwo und Konsorten führt.
noalk 03.07.2019
2. Worten folgen Taten
"Wer Gewalt pauschal ablehne, ... verschleiere damit die Gewalttätigkeit des Staates." und "... Blechschmidts Erkenntnis am Ende - Gewalt per se ist in einem gewalttätigen System legitim ...". Wer bestimmt, [...]
"Wer Gewalt pauschal ablehne, ... verschleiere damit die Gewalttätigkeit des Staates." und "... Blechschmidts Erkenntnis am Ende - Gewalt per se ist in einem gewalttätigen System legitim ...". Wer bestimmt, ob ein System gewalttätig ist? Anscheinend derjenige, der dann mit Gewalt gegen das aus seiner Sicht gewalttätige System vorgehen will. Wir haben in D das GG, in dem das Gewaltmonopol unseres Staates und sein Umgang damit verankert ist. Auch dieses Gewaltmonopol steht nicht im rechtsfreien Raum. Mehr kann ein Rechtsstaat nicht leisten. Und genau das macht Formen der Gewalt wie gegen G20 nicht nur illegitim, sondern illegal.
ruhepuls 03.07.2019
3. Jedes "System" übt Gewalt aus...
Jedes System schützt sich vor Destruktiven. Egal ob das ein Naturvolk ist oder ein moderner Staat. Wer sich gegen "das System" stellt wird vom System bekämpft. Von jedem System.
Jedes System schützt sich vor Destruktiven. Egal ob das ein Naturvolk ist oder ein moderner Staat. Wer sich gegen "das System" stellt wird vom System bekämpft. Von jedem System.
noalk 03.07.2019
4. Noch ein Gedanke dazu
Nach wiederholtem Lesen des Arikels kam mir der Gedanke, ob Blechschmidt mit seiner Argumentation nicht auch den Rechts-Terroristen eine Rechtfertigungsbasis liefert.
Nach wiederholtem Lesen des Arikels kam mir der Gedanke, ob Blechschmidt mit seiner Argumentation nicht auch den Rechts-Terroristen eine Rechtfertigungsbasis liefert.
michbo 03.07.2019
5. Mal wieder zu kurz gedacht
Sinn, also theoretisch, machen die Überlegungen zur Notwehr gegen den Staat doch nur, wenn man als Linker für sich selbst ein (moralisch legitimiertes) Gewaltmonopol in Anspruch nimmt. Ohne ein solches Monopol stünde ja zu [...]
Sinn, also theoretisch, machen die Überlegungen zur Notwehr gegen den Staat doch nur, wenn man als Linker für sich selbst ein (moralisch legitimiertes) Gewaltmonopol in Anspruch nimmt. Ohne ein solches Monopol stünde ja zu befürchten, dass der Eigentümer des Supermarkts sein Hab und Gut mit der Waffe in der Hand verteidigt. Das wollen die Freunde der linken Randale sicher nicht (erleben). Folge wäre ein Staat, in dem das Recht des Stärkeren gilt - und ich verzweifle, dass das die Linken sein werden. Allerdings: wenn das Bild der Notwehr bemüht wird, ist die vorgeschlagene Argumentation bereits angelegt, denn das Notwehrrecht begründet sich darin, dass das Recht dem Unrecht nicht zu weichen braucht. Ergo, der Ladenbesitzer muss gefälligst zusehen, wie sein Eigentum zerstört wird.
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