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Kultur

Comic von Liv Strömquist

Vielleicht erwarte ich das Falsche

Lustlose Zeichnungen, schiefe Vergleiche und Gags, die man erklären muss - wie Starcartoonistin Liv Strömquist mit ihren Comic-Bestsellern die Frauenbewegung sabotiert.

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Montag, 11.03.2019   12:33 Uhr

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Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Nie hätte ich gedacht, dass man Frauen heute noch so behandeln darf. Dass man ihnen Sachen so erklärt, als wären sie etwas zurückgeblieben. Dass man sie mit schiefen Argumenten abspeist und glaubt, sie würden es nicht merken. Dass man ihre Möglichkeit zum eigenverantwortlichen Handeln einfach ignoriert - kurz: dass man sie so behandelt, wie es Liv Strömquist tut.

Die 41-Jährige ist eine schwedische Feministin, Cartoonistin und Bestsellerautorin, jedenfalls im Comicmaßstab. Ihre Bände "Der Ursprung der Liebe" und "Der Ursprung der Welt" verkaufen sich tüchtig, sie wurde gelobt ("sehr witzig"/RBB, "hinterfotzig"/NZZ), auch hier und hier bei SPIEGEL ONLINE ("überzeugende Witzarbeit"). Jetzt erscheint ihr dritter Band "I'm Every Woman".

Nach der Lektüre bin ich enttäuscht, gelinde gesagt. Aber vielleicht erwarte ich auch das Falsche. Zum Beispiel Cartoons, die a) witzig sein sollten, womöglich sogar durch b) die Zeichnung.

Ich gebe zu, dass weder a) noch b) leicht fallen, wenn der Cartoon darin besteht, dass man entweder eine Figur zu einer randvollen Sprechblase stellt oder die Figur lieber gleich ganz weglässt, um eine handschriftliche Bleiwüste zu drucken. Es kann aber auch daran liegen, dass Strömquist erhebliche Probleme mit dem Konzept von "Humor" hat. Wie erklärt sich sonst ihr Simpsons-Cartoon?

Muss man Katze oder Kuckuck dazuschreiben?

Die "Simpsons" karikieren seit 30 Jahren die Ehe von Marge und Homer. Ein fetter, träger Depp ignoriert seine Frau, die deutlich cleverer ist als er, weshalb der Zuschauer sofort denkt: "Das ist nicht okay." Und Strömquist? Sie zeichnet Homer und Marge mit vertauschten Rollen: Marge sitzt fett auf dem Sofa, ein sportlich-schlanker Homer muss ihr Bier holen und das Kind hüten. Sinn ergibt das nur, wenn Strömquist den Simpsons-Machern unterstellt, sie hielten diese Ehe für vorbildlich. Kann doch nicht sein.

Oder?

Nun ja. Strömquist glaubt auch, dass man Witze erklären muss. Eine Cartoonserie schreibt tierisches Verhalten Menschen zu: Nachts geil schreien, bis ein Sexpartner kommt, eigene Kinder anderen vor die Tür legen. Muss man Katze oder Kuckuck dazuschreiben? Strömquist muss. Doppelbödiges kennt sie nicht.

Strömquist reiht auch Sting in die Liste der "unsäglichsten Lover der Weltgeschichte", weil "Every Breath You Take" Stalker ermutigt. Glaubt Strömquist wirklich, dass jede/r alles meint, was er/sie in der ersten Person singt? Waren die Eagles echt im Hotel California? Nee, oder? Aber wenn sie das nicht glaubt, was bleibt dann von dem Gag übrig?

Fotostrecke

Neuer Comic von Liv Strömquist: Windschiefes

Okay, witzarme Cartoonisten gibt's öfter. Aber bissige, überzeugende Argumente kann man schon erwarten, nicht wahr? Leider hat Strömquist gerade die nicht im Repertoire. Stattdessen gibt es Windschiefes im Dutzend billiger.

Die übrigen 19 Seiten der "Unsägliche-Lover"-Story etwa: Marx, Munch, Picasso, Strömquist zählt Egoisten auf, die sich wohl auch arschlochmäßig verhalten haben. Kann man tadeln, muss man tadeln, aber - im Gegensatz zu ihrer Whitney Houston/ Bobby Brown-Story - unterstellt hier nicht einmal Strömquist selbst diesen Ärschen, die Frauen gezwungen zu haben, sich so behandeln zu lassen. Wenn aber die Frau prinzipiell jederzeit aufstehen und gehen könnte, dann bleibt vom "unsäglichsten Lover der Weltgeschichte" nur noch ein Arsch, der eine Dumme gefunden hat. Man könnte also auf dieser Basis mit derselben Berechtigung die Liste der "Dümmsten Geliebten der Weltgeschichte" erstellen.

Trug- und Scheinschlüsse

Exakt auf diese wacklige Argumentation hat sich Strömquist im neuen Band leider spezialisiert. Wir kriegen dasselbe von Elvis Presley erzählt, von Jackson Pollock, John Lennon oder von Stalin. Und sogar bei Stalin belegt Strömquists Schilderung nichts weiter, als dass der Fall erledigt ist, sobald man den Arsch sitzenlässt. Warum sie nicht einfach bessere Beispiele sucht? Es liegt nahe, dass es ihr wichtiger ist, Promis posthum einen reinzuwürgen, als stringent zu argumentieren. Denn Trug- und Scheinschlüsse ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Werk.

Sie findet, dass Modekonsum Ausbeutung ist: Teures T-Shirt hier gleich ausgebeutete Arbeiter dort. Ist das so? Nö: Das Problem ist nicht das Shirt, sondern dass die Arbeiter keine angemessenen Löhne kriegen. Eigentlich könnte niemand das besser wissen als eben - eine Frau. Aber Strömquist schimpft auch, dass Barbamama feminin gerundet ist, Barbapapa hingegen ein Klumpen. Ja, die zwei aus der Trickserie. Wo ist der Sinn des Vorwurfs, wenn die Zauberfiguren mit einem Fingerschnippen jede Form annehmen können? Sicher, man kann den Körperkult kritisieren - aber wieso mit Protagonisten, die ihre Optik so mühelos wechseln wie ein Chamäleon die Farbe?

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Liv Strömquist
I'm every woman

Verlag:
avant-verlag GmbH
Seiten:
112
Preis:
EUR 20,00

Übertreibe ich? Möglich. Es tut einfach in der Seele weh, wenn eine gute Sache so lausige Fürsprecher hat. Und Strömquist ist Wiederholungstäterin. Im "Ursprung der Liebe" kritisiert sie über zig Seiten, wie die Menstruation verteufelt wurde. Nicht mit simplem Verweis auf die Natur, sondern indem sie anführt, wie oft die Menstruation als gute Magie verehrt wurde. Dass die Magie des einen auch nichts anderes ist als die Hexerei des anderen - scheißwurscht. Kann sein, dass Strömquist so sehr an ihre Sache glaubt, dass sie davon ausgeht, automatisch recht zu haben. Aber dann argumentiert sie genauso schlampig, beliebig und selbstgefällig wie jeder 90-jährige Landrat der CSU.

Okay: Warum sollten Frauen sich mehr Mühe geben als Männer? Weil Männer ihre Gleichberechtigung schon haben. Und weil Frauen daher starke Verbündete gut brauchen könnten: Ideenreichtum etwa, Charme oder souveräne und witzige Überzeugungskraft.

Bedeutet: So lange Frau Strömquist dran arbeitet, haben Männer wenig zu fürchten.

insgesamt 7 Beiträge
ruhepuls 11.03.2019
1. Das T-Shirt IST das Problem... oder besser die, die es kaufen
Der Autor scheint dem allgemeinen Trend zu folgen, und alles, was das Verhalten von frau problematisiert als unangebracht abzulehnen. Dabei hat die Feministin hier doch recht: Es sind die Konsumenten - männlich, wie weiblich - [...]
Der Autor scheint dem allgemeinen Trend zu folgen, und alles, was das Verhalten von frau problematisiert als unangebracht abzulehnen. Dabei hat die Feministin hier doch recht: Es sind die Konsumenten - männlich, wie weiblich - die die Nachfrage nach Billig-Klamotten ständig befeuern. Und wie stellt man Billig-Klamotten her: Logisch, billig eben. Also dort, wo niedrige Löhne akzeptiert werden. Es ist Heuchelei, das Problem bei den Herstellern abzuladen. Denn - nachhaltig produzierte T-Shirts (gibt es ja) verkaufen sich deutlich schlechter, weil eben teurer. Es hat sich in unserer Gesellschaft eingebürgert, für nichts mehr persönlich verantwortlich zu sein - und statt dessen Wunschzettel ans Christkind (die Politik, die Wirtschaft...) zu schreiben: Gib mir ein Auto das billig und umweltfreundlich ist, Hauptsache es hat viel PS und ist sehr komfortabel...
felisconcolor 11.03.2019
2. Der Autor
hat vollkommen Recht. Denn das trifft genauso gut auch bei teuren Klamotten zu. Ich habe auch bei hochpreisigen T-Shirts sehr oft im Label gelesen "Made in Bangladesh". Und ich weiss ganz genau der hohe Preis [...]
Zitat von ruhepulsDer Autor scheint dem allgemeinen Trend zu folgen, und alles, was das Verhalten von frau problematisiert als unangebracht abzulehnen. Dabei hat die Feministin hier doch recht: Es sind die Konsumenten - männlich, wie weiblich - die die Nachfrage nach Billig-Klamotten ständig befeuern. Und wie stellt man Billig-Klamotten her: Logisch, billig eben. Also dort, wo niedrige Löhne akzeptiert werden. Es ist Heuchelei, das Problem bei den Herstellern abzuladen. Denn - nachhaltig produzierte T-Shirts (gibt es ja) verkaufen sich deutlich schlechter, weil eben teurer. Es hat sich in unserer Gesellschaft eingebürgert, für nichts mehr persönlich verantwortlich zu sein - und statt dessen Wunschzettel ans Christkind (die Politik, die Wirtschaft...) zu schreiben: Gib mir ein Auto das billig und umweltfreundlich ist, Hauptsache es hat viel PS und ist sehr komfortabel...
hat vollkommen Recht. Denn das trifft genauso gut auch bei teuren Klamotten zu. Ich habe auch bei hochpreisigen T-Shirts sehr oft im Label gelesen "Made in Bangladesh". Und ich weiss ganz genau der hohe Preis bedeutet nicht hohe Entlohnung der Näherinnen. Und viele der angeblichen fair trade Produkte sind so schlecht das die Preise eigendlich als Wucher zu werten sind. Klar kann ich Klamotten aus Billiglohnländern boykottieren. Eines ist aber gewiss, Das Label, der Zwischenhändler, die Zwischenhändler etc. werden immer wie auch immer ihren Schnitt machen. Gekniffen ist immer der letzte der Nahrungskette. Und da finde ich das 2,50 Euro am Tag für die Näherin immer noch besser sind als Null Euro am Tag. Und wenn das teure T-Shirt nach der ersten Wäsche dann an mir nur noch herum hängt wie ein Sack dann fühle ich mich doppelt genasführt. Insofern kann ich dem Autor auch bei dem Rest seiner Besprechung nur Recht geben.
House_of_Sobryansky 11.03.2019
3. Eine gute Kapitalistin
Warum sollte eine Frau keine gute Kapitalistin sein und ihre Werke exakt so vermarkten, dass sie ihr nutzen. Auch eine etwaig kritische Besprechung von einem Mann nutzt ihr. Was sie zu sagen hat, ist völlig belanglos. Es muss nur [...]
Warum sollte eine Frau keine gute Kapitalistin sein und ihre Werke exakt so vermarkten, dass sie ihr nutzen. Auch eine etwaig kritische Besprechung von einem Mann nutzt ihr. Was sie zu sagen hat, ist völlig belanglos. Es muss nur im Markt walten. Tut es. Wie der ganze Männersch*** auch.
chlorfraese 11.03.2019
4. Nö.
Ich finde die Comics lustig, künstlerisch und neu. Sie regen zum Nachdenken an. Und selbst wenn hier eine gute Sache mit schlechten Argumenten vertreten würde, ist das ja wohl immer noch besser als andersrum. Insgesamt wirkt [...]
Ich finde die Comics lustig, künstlerisch und neu. Sie regen zum Nachdenken an. Und selbst wenn hier eine gute Sache mit schlechten Argumenten vertreten würde, ist das ja wohl immer noch besser als andersrum. Insgesamt wirkt die Kritik pharisäerhaft. Sie trennt zu wenig zwischen Person und Werk. Vermutlich besteht sie nur innerhalb eines Diskurses, der die Hoffnung, einen Common Sense zu erreichen, aufgegeben hat.
brooklyner 11.03.2019
5.
Um Gottes Willen, diese Cartoons sind ja unfassbar schlicht und schlecht. Sollte man diese Liv kennen? Bin selbst Illustrator und viel in Schweden, aber diese uninspirierende und talentbefreite Trivialität war mir neu. Wahrlich [...]
Um Gottes Willen, diese Cartoons sind ja unfassbar schlicht und schlecht. Sollte man diese Liv kennen? Bin selbst Illustrator und viel in Schweden, aber diese uninspirierende und talentbefreite Trivialität war mir neu. Wahrlich dem Feminismus eher abträglich. Dass Timur Vermes dieses Machwerk so teffend kommentieren durfte, ist bemerkenswert. Von ihm hörte ich schon lange nichts mehr und freue mich, auf diesem Weg wieder etwas von ihm zu lesen.
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