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Kultur

Kinderbuchautorin als Ratgeberin

Wie erzieht man Wilde Hühner, Frau Funke?

Cornelia Funke ist die erfolgreichste deutsche Jugendbuchautorin. Sie kennt sich aus in der Gefühlswelt von Kindern. Kann sie deshalb auch Erziehungsfragen klären? Ein literarischer Ratgeber versucht es.

Christophe Gateau/ DPA
Von
Samstag, 06.04.2019   16:41 Uhr

Welche Eltern hätten nicht gerne eine Expertin für Jugendthemen vor sich, die man ausquetschen dürfte! Eine wie Cornelia Funke: Sie hat mehr als 20 Millionen Romane verkauft, in denen Kinder aufwachsen und mutig ihren Weg finden, oft ohne Hilfe von Erwachsenen. Sie hat sich jahrzehntelang über die Gefühlswelt von Kindern Gedanken gemacht und darüber, was sie brauchen, um zu reifen.

Etwa: Wie kann man Kindern gleichzeitig das Gefühl von Schutz als auch von Freiheit geben? Wie leitet man sie zur Unabhängigkeit an? Stärkt man ihren Selbstwert? Haben sich Erziehungsziele verändert? Ist das Internet daran schuld? Wie viel Raum sollte die digitale Welt einnehmen, wie viel die Schule?

Es sind große Fragen, die die Journalistin Bernadette Conrad für ihr Buch "Groß und stark werden. Kinder unterwegs ins Leben" im Müttergespräch mit Cornelia Funke angeschnitten hat. Über jedes dieser Themen hätte sie ein Buch schreiben können. Doch so klug Cornelia Funke über viele dieser Aspekte spricht - in diesem Interview-Band bleibt für jedes Thema nur ein paar Seiten.

Nerd-Stoff für Funke-Fans

Das liegt daran, dass sich diese Gespräche mit Analysen der Lebenssituationen von Funkeschen Kinderfiguren abwechseln: den Mädchen Sprotte und Frieda aus den "Wilden Hühnern", Meggie aus "Tintenherz", Jacob aus "Reckless", Bo und Prosper aus "Herr der Diebe". Bernadette Conrad sucht in den Figurenzeichnungen passende Parallelen zu Erziehungsfragen - was dieses Buch zu ziemlichem Nerd-Stoff macht, es richtet sich nämlich an Funke-Fans mit Interesse an Eltern-Kind-Beziehungen.

"Den Kindern die Erzählbühne [zu] überlassen, hat nicht nur erzählerische Gründe, sondern viel mit dem "wirklichen Leben" zu tun, mutmaßt Conrad. Sie überhöht die Fantasy-Romane zu Hinweisgebern, wie Kinder glücklich groß werden - denn sind nicht alle diese Kinderfiguren mutig und stark, wachsen in den Geschichten über sich selbst hinaus?

Diese Grundannahme macht das Konstrukt des Buches wackelig. Schließlich existieren Funkes Figuren ebenso wenig wie es Tom Sawyer, Huckleberry Finn und Pippi Langstrumpf je gegeben hat, die Conrad ebenfalls analysiert. Funke-Charaktere funktionieren in der Fantasy-Welt vorzüglich, doch um sie in der realen Welt exemplarisch heranzuziehen, dafür sind die Situationen zu limitiert.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Bernadette Conrad
Groß und stark werden: Kinder unterwegs ins Leben.: Gespräche mit Cornelia Funke

Verlag:
btb Verlag
Seiten:
304
Preis:
EUR 20,00

Gleiches gilt für Elternfiguren: Obwohl Funke in den Interviews erwähnt, sie habe sich etwa für die "Reckless"-Mutter Rosamund wenig interessiert, misst Conrad der Figurenzeichnung viel Bedeutung bei. Vorbildlich verhalte sich die Mutter von Sprotte aus den "Wilden Hühnern", denn das Kind genieße sein Leben mit "gemeinsamen Ritualen, Vertrauen und Vertrautheit, das Spielerische, Lustige und Zärtliche". Auch Mo, der Vater aus "Tintenwelt", macht es für Conrad richtig, aufgrund seiner "Eltern-Kind-Nähe und der Bewusstheit über die Bedeutsamkeit des eigenen Handelns für das Kind."

Herausforderungen: Schule, Internet, Drogen

Die Legitimation für die Beurteilung der fiktiven Familiensituationen holt sich Conrad, indem sie immer wieder kurze Zitate zweier namhafter Pädagogen einstreut. "Man kann innere Stärke nicht anerziehen", sagt etwa Kindheitsforscher Herbert Renz-Polster und scheint damit die Abenteuer-Kindheit von Funke-Figuren zu befürworten. Der Familientherapeut Jesper Juul sagt über Selbstwertgefühl, es sei ein "Phänomen, dessen Entwicklung nahezu vollständig von der elterlichen Führung abhängt."

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Cornelia Funke: Expertin für Kinderwelten

Cornelia Funke selbst ist keine Verfechterin von viel Führung. Sie wirkt mitfühlend, großzügig und optimistisch. Funke gesteht, dass ihre "Wilden Hühner" für heutige Leser etwas veraltet sind, beschreibt, wie sie mit ihrem Sohn eine Phase überstand, in der er mit Drogen experimentierte und sieht die digitale Welt als wichtigen Rückzugsort für die Jugend. "Ich glaube, dass unseren Kindern inzwischen alle Räume genommen sind, in denen sie sich selber definieren können, ohne dass ihnen diese Definition vorgegeben wird", sagt Funke, die sich selbst als konsumkritischen Naturmensch bezeichnet. Vor allem leite sie das Bedürfnis, frei zu sein, und möchte das auch Kindern zugestehen: "Ich glaube, dass das Internet etwas Fantastisches sein kann, weil es das in Frage stellt, was Kinder in Schulen lernen."

Doch wie hilfreich sind Erziehungstipps von einer privilegierten Autorin, die nie darüber nachdenken musste, ob sie sie in das Korsett einer Leistungsgesellschaft zwängen sollte? Die selbst nie Wäsche waschen musste, niemals putzen oder einkaufen, die ihre Kinder auf Privatschulen optimal fördern konnte? Funke scheint sich da selbst nicht sicher zu sein und stellt in den Interviews selbst nur zögerlich pädagogische Parallelen zu ihren Romanfiguren her. "Ich habe Ratgeberbücher immer gehasst. Und würde von mir selbst sagen, dass ich mit Kinder umgehen kann, nicht weil, sondern obwohl ich Pädagogik studiert habe."

Cornelia Funke ist meinungsstark in diesen Gesprächen, bleibt dabei aber bescheiden. Ihrer Aufgeschlossenheit ist es zu verdanken, dass dieser literarisch motivierte Eltern-Ratgeber nicht missionarisch klingt, obwohl er sich zu viel vorgenommen hat. Es sind viele kluge Gedanken darin - nur die Fragen, die sind zu groß, um sie auf knapp 300 Seiten befriedigend beantworten zu können.

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