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Kultur

Emanzipationsgeschichte

Als die Mennonitinnen erwachten

Sie wurden betäubt und vergewaltigt. Hundertfach, jahrelang. Jetzt müssen die Frauen entscheiden: Nichtstun? Bleiben und Kämpfen? Gehen? Miriam Toews' Roman "Die Aussprache" beruht auf einem wahren Fall.

Getty Images

Mennonitinnen in Bolivien

Von
Dienstag, 05.03.2019   22:38 Uhr

Acht Frauen auf einem Heuboden. Zwei Tage Zeit. Eine Debatte - um über ihr Leben zu entscheiden und über das all der anderen Frauen im Dorf.

Sie müssen den Männern vergeben oder gehen, dazwischen gibt es nichts, Befehl vom Bischof von Molotschna, ihrer Mennonitengemeinde in Bolivien. Dass die Frauen darüber diskutieren, ist der erste Schritt in unbekanntes Terrain. Der zweite, dass sie die Auswahl erweitern auf: "Nichtstun. Bleiben und Kämpfen. Gehen".

Aber wie vergibt man hundertfache Vergewaltigungen? Jahrelangen Betrug? Das Szenario, das Miriam Toews in "Die Aussprache" aufreißt, ist atemraubend: In zwei Tagen kommen die Männer der Gemeinde aus der Stadt zurück, zusammen mit jenen, die festgenommen worden waren. Bis dahin müssen die Frauen entscheiden: Gehen oder Bleiben. Der Roman protokolliert diesen Prozess. Dass diese Geschichte so in der Magengrube landet, liegt auch an jener Atmosphäre, die auch den Erfolg von Margaret Atwoods "Der Report der Magd" ausmacht: aus der Zeit gefallen, aber mit ewigen Kampfthemen.

Wie das Leben der Mennonitinnen: Seit Generationen erzogen, sich unterzuordnen, unter Gott und die Männer. Und nun fangen sie an, alles infrage zu stellen. Salome, in der die Wut so kocht, dass sie die Männer am liebsten einzeln abschlachten würde, um sich und ihre Kinder zu rächen. Mariche, die ihren Gottesglauben über alles stellt. Die vergewaltigte unverheiratete Ona mit ihrem glasklaren Verstand. Und mit ihnen ihre Mütter, Schwestern, Töchter. Überlebende, aber lebenslustig.

Das Szenario ist auch deswegen so brutal, weil ihre Geschiche keine zugespitzte Fantasie eines feministischen Kampfes ist: Es gibt diese bolivianische Mennonitengemeinde, es gibt diese Frauen, es gibt diese Ereignisse - sie liegen nur zehn Jahre zurück.

Gerade deshalb hat "Die Aussprache" das Zeug zur immerwährenden Parabel auf eine Gesellschaft, in der die Frauen - crazy! - über sich und ihre Körper bestimmen wollen. Statt im Tiefschlaf gehalten zu werden. Wie jene Mennonitinnen: Sie wussten nur, dass sie jahrelang morgens benommen aufwachten, mit blauen Flecken, blutig, mitunter schwanger.

Sie seien vom Teufel besessen, hieß es. Was sie nun wissen: dass sie, ihre Mütter, ihre Töchter betäubt und vergewaltigt wurden. Von ihren Vätern, Männern, Brüdern, Nachbarn. Ja, jenseits aller Vorstellungskraft.

Carol Loewen

Autorin Miriam Toews

Im Original heißt das Buch "Women Talking": Toews' Roman hat die Kraft einer sokratischen Debatte. Die Frauen stellen Argument gegen Argument. Sie schenken sich nichts, aber sie sind dabei vertraut, zart, großartig selbstironisch und gnadenlos solidarisch. Und singen in der Pause das Titanic-Untergangslied "Näher mein Gott zu dir".

Sie streiten auf Plautdietsch, ihrem Dialekt, über ihre Verantwortung sich selbst, den Kindern, Gott - und den Männern gegenüber. Sie überlegen, ob sie verpflichtet sind, die Männer umzuerziehen. Ob sie ein Manifest aufsetzen sollen, das die Regeln in der Gemeinschaft ändern wird. Dass sie schon wegen der Friedfertigkeit ihres Glaubens gehen müssten, denn sonst: "Wir würden Molotschna in ein Schlachtfeld verwandeln." Und wie und wo und von was sie dann leben sollten, wenn sie nicht einmal eine Landkarte lesen können, um zu wissen, wohin sie denn eigentlich abhauen.


Im Video: Mennoniten in Chihuahua - deutsche Heimat Mexiko

Foto: SPIEGEL TV

Es ist so schmerzhaft wie schön, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie sich ihres Lebens ermächtigen: "Alles, was wir Frauen haben, sind unsere Träume, also sind wir natürlich Träumerinnen." Vorbei die Überzeugung, sie hätten alles, was sie wollten, "man müsse sich nur einreden, sehr wenig zu wollen". Stattdessen sprühende feministische Bibelexegese.

Die kanadische Autorin Toews, selbst in einer Mennonitengemeinde groß geworden, erleuchtet mit dieser Gesprächsrunde ein Trauma, ohne es nacherzählen zu müssen. Das lakonische Protokollformat dichtet das Ganze nicht nur gegen alle Sentimentalitäten ab: Als Story dokumentiert es die physische wie strukturelle Gewalt einer urpatriarchalen Gesellschaft in all ihrer unvorstellbaren Widerwärtigkeit; als Erzählform bietet es einen Schaukasten für die argumentative Kraft jeder Einzelnen.

Dass Toews mit dem Ich-Erzähler und Protokollanten August auch noch eine Männerfigur entworfen hat, wie man sie sich häufiger in Fiktion wie Realität wünschte, irritiert positiv: Da ist einer, der seine qua Geschlecht privilegierte Position reflektiert, der sich mit seiner Meinung in der Runde zurückhält, der sich in den Dienst dieser Frauen stellt, die auf der Suche nach einer besseren Lösung für alle sind.

Preisabfragezeitpunkt:
24.05.2019, 15:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Miriam Toews
Die Aussprache

Verlag:
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Seiten:
256
Preis:
EUR 22,00

Vor allem aber liefert Toews mit "Die Aussprache" auch ein Vorbild für ein anderes Gemeinschaftsgefühl. "Sie wiederholt das Wort 'Kollektiv' als wäre es der Name einer neuen, ihr unbekannten Gemüsesorte", heißt es. Die Frauen sprechen aus, sie sprechen sich aus: Ihre Diskussion wird zum Kern für ein Wir. Es klingt vertraut aktuell.

Anders als im Buch kamen die realen mennonitischen Vergewaltiger übrigens nicht einfach so zurück: Sie wurden zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

insgesamt 1 Beitrag
oscar111 07.03.2019
1. Übersetzung ins deutsche.
Gibt es einen Grund, warum mit keinem Wort erwähnt wird, dass es sich um eine Übersetzung aus dem amerikanischen englisch handelt welche von einer lebenden Person in monatelanger Arbeit gemacht wurde? Die Arbeit eines [...]
Gibt es einen Grund, warum mit keinem Wort erwähnt wird, dass es sich um eine Übersetzung aus dem amerikanischen englisch handelt welche von einer lebenden Person in monatelanger Arbeit gemacht wurde? Die Arbeit eines Übersetzers ist anerkannt als eigenstandige kulturelle Arbeit, und somit könnte die Person hier auch zumindest kurz erwähnt werden.
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