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Kultur

Roman über US-Umerziehungsheim

Folter im "Weißen Haus"

Wer ausreißt, landet in einer Welt des Grauens: Bestsellerautor Colson Whitehead erzählt in seinem neuen Roman von einer Folteranstalt für Jungen im Florida der Sechzigerjahre. Das echte Heim existierte bis 2011.

Michael Spooneybarger/REUTERS

Kreuze auf dem Schulfriedhof der ehemaligen "Arthur G. Dozier School for Boys"

Von
Mittwoch, 19.06.2019   21:26 Uhr

Es gibt x Wege, um einer Situation zu entkommen. Wenn es ein Gefängnis ist, gäbe es folgende: Strafe absitzen, auf Berufung hoffen, fliehen oder sterben. Nur auf die Lösung x+1 kommen nur wenige: gleich das ganze Gefängnis abschaffen. Das System stürzen, das dem Knast zugrunde liegt.

Der junge Elwood beschließt genau das: Er muss den Ort selbst eliminieren, an dem er steckt, er muss "das Nickel loswerden". Das "Nickel" ist nur dem Namen nach kein Gefängnis. Es ist eine jener Besserungsanstalten, Umerziehungsheime, oder welche furchtbar euphemistischen Begriffe sich irgendwer auch immer für diese Orte der Folter ausgedacht hat.

Es sind die Sechzigerjahre, es ist Florida, die Rassentrennung ist Alltag. Elwood, ein junger Schwarzer, ohne Eltern bei der Oma aufgewachsen, gerade auf dem Weg ins College, hat sich beim Trampen ahnungslos zu einem Typen in einen geklauten Wagen gesetzt - und plötzlich ist alles anders. Er landet im "Nickel". Wie wenig es braucht, um ein Leben zu verlieren.

Erneut erzählt der US-Schriftsteller Colson Whitehead eine Geschichte, die auf Historischem basiert. Aber anders als in seinem überragenden Roman "Underground Railroad" über ein geheimes Netzwerk zur Rettung von Sklaven, für den er den Pulitzerpreis und den National Book Award gewann, lässt er nun alles Märchenhafte weg. Der Horror in "Nickel Boys" ist so wahr, so nah am Jetzt - jede Zusatzebene wäre ein Filter zu viel.

Erin Patrice O'Brien

Colson Whitehead

Das "Nickel", in dem Elwood zusammen mit 600 anderen Jungs einsitzt - die weißen unten, die schwarzen oben - hat Whitehead an die reale "Arthur G. Dozier School for Boys" angelehnt. Erst 2009 meldeten sich Überlebende als Gruppe zu Wort, 2011 wurde die Anstalt geschlossen. Als Archäologen einen verborgenen Friedhof auf dem Gelände exhumierten, lag das ganze Ausmaß der Misshandlungen offen: Dreimal so viele schwarze wie weiße Jungs sollen dort begraben worden sein, man muss wohl sagen: verscharrt.

Das Herausragende an diesem Roman ist, dass Whitehead nicht viel braucht - gerade einmal 220 Seiten -, um das Grauen spürbar zu machen. Er walzt den täglichen Horror nicht aus, nicht die Folter, den Missbrauch, nicht das Trauma, das danach bleibt. Bei seinem Erzählen reicht das Nebenbei, das, was die Kinder sich zuraunen, aufschnappen. Den Rest füllt die Fantasie des Lesers. Die Jungs wissen um die mahlenden Geräusche aus der "Eiscreme-Fabrik" in der Nacht. Sie wissen, dass alle, die ins "Weiße Haus" verschleppt werden, "weg" sind und eben nicht ausgerissen, wie den Familien erzählt wird. Sie hören, Nickel-Jungs seien "billiger als Amüsierdamen, und sie bieten mehr fürs Geld".

Preisabfragezeitpunkt:
16.12.2019, 10:53 Uhr
Ohne Gewähr

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Whitehead, Colson
Die Nickel Boys: Roman

Verlag:
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seiten:
224
Preis:
23,00 €
Übersetzt von:
Henning Ahrens

Dazwischen Wuchtsätze wie dieser: "Das Schlimmste, was Elwood je erlebt hatte, geschah täglich: Er erwachte in diesem Loch." Zum Glück hat er seinen pragmatischen, nüchternen Kumpel Turner. Und die Sätze von Martin Luther King im Kopf, von einer Schallplatte, einem Weihnachtsgeschenk seiner Großmutter. Er hatte sie zu Hause so häufig gehört, dass "jeder Kratzer und jede Delle" im Laufe der Zeit "seine fortschreitende Aufklärung" symbolisiert. Er kennt die Reden von Dr. King so genau, dass er sie sich im "Nickel" wie Durchhalteparolen vorsagt. Sie erinnern ihn daran, dass es auch anders gehen muss. Und so fängt er an, alles zu dokumentieren.

Für all das setzt Colson Whitehead Kapitel wie Blitzlichter ein: Elwoods Kindheit, seine Ankunft im "Nickel", seine Arbeit im Heim, seinen Plan. Im dritten Buchteil mischt er dann, wiederum kapitelweise, Szenen des Danach darunter: Elwood als Tellerwäscher und Möbelschlepper in New York, als Inhaber einer Umzugsfirma. Und als einer, der zurück nach Florida fliegt, um zu erzählen, was damals im "Nickel" geschehen ist. Das Trauma hat Spuren hinterlassen. Aus Versehen benennt er seine Firma nach einer der Gruppen im "Nickel". Er fürchtet noch Jahrzehnte später, sein letzter Gedanke vor dem Tod könnte der Anstalt gelten. Bestürzend ist es, wenn am Ende klar wird, wie radikal Elwood sich eine neue Identität schaffen musste, um draußen weiterzuleben.

"Ja, dies war nur ein Ort", erkennt Elwood, als er beschließt, an die Öffentlichkeit zu gehen, "aber wenn es ihn gab, dann gab es auch Hunderte mehr, Hunderte Nickels (...), überall im Land verteilt wie Fabriken der Qualen."

Egal ob es um derartige Anstalten in den USA geht oder um entsprechende DDR-Heime, deren Überlebende nun laut Plänen der scheidenden Justizministerin Katarina Barley leichter entschädigt und rehabilitiert werden sollen: Missbrauchssysteme funktionieren nur, solange niemand auf die Idee kommt, das System dahinter zu stürzen. Aber dafür braucht es immer einen, der anfängt, davon zu erzählen. Und Mut hat, so wie Elwood.

insgesamt 1 Beitrag
swandue 20.06.2019
1.
Kinderheime im Westen Deutschlands nicht zu vergessen! Und andere Formen der Kinderbetreuung. Und nicht denken, man habe nur "Vergangenheit aufzuarbeiten", während in der Gegenwart zwangsläufig alles gut ist oder keine [...]
Kinderheime im Westen Deutschlands nicht zu vergessen! Und andere Formen der Kinderbetreuung. Und nicht denken, man habe nur "Vergangenheit aufzuarbeiten", während in der Gegenwart zwangsläufig alles gut ist oder keine Verbesserungen für die Zukunft möglich sind.
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