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Kultur

Robert Seethaler auf der SPIEGEL-Bestsellerliste

"Auch Hinterwäldler haben Hintergedanken"

Seit 47 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste: Robert Seethalers Dorfgeschichte "Ein ganzes Leben" ist der Verkaufsschlager des Jahres. Wir beantworten die entscheidende Frage: Soll ich das lesen?

Getty Images

Entschleunigtes Landleben: Szene wie in einem Seethaler-Roman

Von und
Montag, 22.06.2015   15:31 Uhr

An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal Robert Seethalers "Ein ganzes Leben", in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz 10.

Keller: Irgendwann kommt der Zeitpunkt im Leben eines Buches, an dem aus einem Bestseller ein Longseller werden kann. Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" ist auf dem besten Weg dorthin - im Juli vergangenen Jahres erschienen und immer noch auf der Bestsellerliste. Das bringt uns gleich zum großen Thema des Romans: Beständigkeit.

Hammelehle: "Ein ganzes Leben" ist tatsächlich so was wie Bauerntheater für Manufactum-Kunden. Erzählt wird die Geschichte von Andreas Egger, einem ungelernten österreichischen Dorfmenschen. Beim strengen Ziehvater aufgewachsen, hart gearbeitet, kurz verheiratet, dann wird das Schlafzimmer von einer Lawine verschüttet. Krieg, Gefangenschaft, das 20. Jahrhundert im Zeitraffer. Ach, das Leben ist karg - aber Egger erträgt sein Schicksal stoisch. Seethaler erzählt seine Geschichte ganz knapp, auf nur 150 Seiten. Die eigentliche Pointe des Romans aber ist, dass er seit 47 Wochen auf der Bestsellerliste steht. Ein Buch, das wie ein Gegenentwurf zur zeitgenössischen Schnelllebigkeit wirkt, wird zum Verkaufsschlager - eine fast bezwingende Logik.

Keller: Ist es auch ein Gegenentwurf zum Möglichkeitenüberschuss in unseren Leben?

Hammelehle: Ja, Seethaler betreibt die bewusste Reduktion aller Möglichkeiten: Eggers hat nur eine Frau, im Krieg sieht er nur einen Feind und so weiter. Das Landleben erscheint da wieder als vormoderne Einfaltspinselei. Ist das wirklich so? Ich behaupte mal: auch Hinterwäldler haben Hintergedanken.

Keller: In einem Porträt über Seethaler konnte man lesen, dass ihn eben das interessiert, was er die Basis des Lebens nennt. Ich zitiere ihn: "Liebe, Arbeit, Frau, Mann, Kind, darum geht es."

Hammelehle: Falls dieses Buch mehr sein sollte, als bloß eine ganz einfache Geschichte, dann würde ich auch eine etwas sinnlichere, tiefgründigere Darstellung erwarten. Seethalers Hauptfigur Andreas Egger und seine Lebensgeschichte sind doch sehr eindimensional. Egger wirkt so, wie sich der Städter von heute den Dorfbewohner von gestern vorstellt: Ein bisschen arg schlicht. Wahrscheinlich ist "Ein ganzes Leben" deshalb so erfolgreich. Die Leute kaufen es, weil sie sich davon die literarische Alternative zum Jakobsweg erhoffen: Hauptsache Entschleunigung.

Keller: Und das soll ich lesen?

Hammelehle: Nur, wenn du die Nachrufe in der Dorfzeitung deiner Wahl schon durch hast - wobei: die sind vielschichtiger.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur beim SPIEGEL. Er ist einem alten Freund noch immer dankbar, dass der ihm die autobiografischen Romane von Hermann Lenz empfohlen hat, so "Ein Fremdling", "Seltsamer Abschied" und - zuletzt bei Suhrkamp erneut veröffentlicht - "Die neue Zeit" . Auch die erzählen ein ganzes Leben.

Maren Keller ist Redakteurin beim KULTUR SPIEGEL. Sie würde lieber den Kungsleden als den Jakobsweg entlang wandern.

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insgesamt 13 Beiträge
dosmundos 22.06.2015
1. Klare Worte!
"Bauerntheater für Manufactum-Kunden", "Nachrufe in der Dorfzeitung sind vielschichtiger"... Okay, das war deutlich!
"Bauerntheater für Manufactum-Kunden", "Nachrufe in der Dorfzeitung sind vielschichtiger"... Okay, das war deutlich!
spon-facebook-10000523851 22.06.2015
2. Das schoene ist,
dass "Hinterwaedler" noch unbeeinflusst denken koennen und duerfen und sich auf's Wesentliche beschraenken. Die besten Gedanken kommen oft von den einfachsten Menschen und von Kindern.
dass "Hinterwaedler" noch unbeeinflusst denken koennen und duerfen und sich auf's Wesentliche beschraenken. Die besten Gedanken kommen oft von den einfachsten Menschen und von Kindern.
Consanesco 22.06.2015
3. Nur eine kurze Anmerkung, Herr Hammelehle
Es wäre wünschenswert, wenn von - nach ihrer ureigenen Ansicht - sicher gebildeten und kultivierten Menschen endlich einmal sparsamer mit letztlich diskriminierenden Begriffen wie "Hinterwäldler" oder [...]
Es wäre wünschenswert, wenn von - nach ihrer ureigenen Ansicht - sicher gebildeten und kultivierten Menschen endlich einmal sparsamer mit letztlich diskriminierenden Begriffen wie "Hinterwäldler" oder "Provinz" (letzterer inflationär bereits bei Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern bemüht) umgegangen würde. Das zeugte von Größe und vor allem Weisheit. Diese Menschen haben oft einen großen Erfahrungsschatz und sind lebensklug. Und lernen können wir alle voneinander.
Luxinsilvae 22.06.2015
4. Was haben Sie erwartet?
"In einem Porträt über Seethaler konnte man lesen, dass ihn eben das interessiert, was er die Basis des Lebens nennt. Ich zitiere ihn: "Liebe, Arbeit, Frau, Mann, Kind, darum geht es." "Frau, Mann, [...]
Zitat von dosmundos"Bauerntheater für Manufactum-Kunden", "Nachrufe in der Dorfzeitung sind vielschichtiger"... Okay, das war deutlich!
"In einem Porträt über Seethaler konnte man lesen, dass ihn eben das interessiert, was er die Basis des Lebens nennt. Ich zitiere ihn: "Liebe, Arbeit, Frau, Mann, Kind, darum geht es." "Frau, Mann, Kind" ... so etwas geht bei SPON gar nicht.
bonngoldbaer 22.06.2015
5.
Erfreulich deutlich. Aber warum besprechen Sie nicht lieber ein gutes Buch? Oder haben Sie schon länger keins mehr gelesen?
Erfreulich deutlich. Aber warum besprechen Sie nicht lieber ein gutes Buch? Oder haben Sie schon länger keins mehr gelesen?
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