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Kultur

Umgang mit Terrorangst

Hinter jeder Ecke lauert das Unheil

Die Anschläge 2015 in Paris trafen Menschen, die sich besonders lebendig fühlten. Seitdem lauern für die junge Heldin im Roman von Frederika Amalia Finkelstein überall Angst und Zweifel.

AP/ DPA

Kleidungsstücke vor dem Bataclan nach dem Attentat vom 13.11.2015

Von
Sonntag, 23.09.2018   19:57 Uhr

"Schlimmer als Verzweiflung ist der Zweifel", konstatiert Ava wenige Wochen nach dem Blutbad. Die 25-jährige Pariserin mit argentinischen Wurzeln sitzt in der Métro. Zwölf Stationen muss sie fahren, von Stalingrad bis Charles-de-Gaulle-Étoile. Was ungefähr 25 Minuten Zeit bedeutet, um sich darüber zu ärgern, dass sie keinen Handyempfang hat und zwischen Terrorangst und Langweile die Mitfahrenden zu scannen. Und um sich an dieses Foto zu erinnern, das sie in der Woche zuvor in den Sozialen Medien gesehen hat.

Im Inneren des Konzertsaals Bataclan aufgenommen, zeigt es 28 ineinander verkeilte Leichen. Ava beschreibt sie alle im Detail. Ihre entwürdigten Körper, ihre niederschmetternd lebensbejahende Kleidung, die seltsam geraden Blutspuren, die entstanden sind, als jemand die Leichen aus allen Ecken und Enden des Saals in dessen Mitte geschleift hat. "Ich mache das nicht zum Spaß", sagt Ava, die selbst an jenem Abend verschont blieb, sich aber als Zeugin fühlt. "Da ich beschlossen habe, mit ihnen zu leben, muss ich mich an ihre Gesichter erinnern."

Schon auf den ersten 30 Seiten trifft einen "Überleben", Frederika Amalia Finkelsteins zweiter Roman, wie ein Leberhaken. Die erst 27-jährige Französin reiht in atemlosen Sätzen und mit schematischer Kälte die Eindrücke des Unvorstellbaren aneinander. Immer wieder werden die Gedanken ihrer Heldin Ava abrupt unterbrochen: Von Eilmeldungen über Blutbäder im Nahen Osten, von Soldaten im Stadtbild, von der Unzuverlässigkeit des Geistes. Wie soll man auch klar denken, wenn hinter jeder Ecke das Unheil zu lauern scheint?

AFP

Autorin Frederika Amalia Finkelstein

Warum hat eigentlich ausgerechnet der 13. November 2015 so grundsätzlich alles verändert? Jene Nacht, in der zehn islamistische Attentäter an fünf verschiedenen Orten in Paris 130 Menschenleben ausgelöscht und 683 Menschen verletzt haben. Womöglich, weil es direkt vor unserer Haustür stattfand und Leute traf, die Musik genossen, ihr Feierabendbier tranken, Freunde trafen. Die also Dinge taten, die wir tun, um uns lebendig zu fühlen. Was blieb, war jedenfalls die Angst. Oder fieser noch: der Zweifel.

Was macht der Zweifel mit uns?

Ava entscheidet sich für maximale Konfrontation als Therapieansatz. Frisch arbeitslos geworden, rezitiert sie beim Sport auswendig gelernte Fakten vergangener Massaker. Aufsteigend geordnet nach der Anzahl der Opfer. Die Bilder der im November Getöteten hängen ohnehin schon über ihrem Schreibtisch. Wenn neue Videos von Enthauptungen im Netz auftauchen, studiert sie diese mit wissenschaftlicher Genauigkeit.

Klingt makaber? Ist es auch. Und oft nur schwer auszuhalten. Etwa, wenn sie detailliert alle Aggregatzustände eines verbrennenden Körpers beschreibt. Doch mit jeder umgeblätterten Seite wird klarer, dass es sich dabei um den verzweifelten Versuch handelt, ein Fünkchen Sinn in eine augenscheinlich sinnlos gewordene Welt zu zwingen. "Man muss sich nur daran gewöhnen", sagt Ava fortlaufend. Heißt übersetzt so viel wie: Man muss sich die Gewalt einverleiben, bevor sie einen frisst.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:45 Uhr
Ohne Gewähr

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Frederika Amalia Finkelstein
Überleben: Roman (suhrkamp taschenbuch)

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
146
Preis:
EUR 14,00

Allein in dieser Zustandsbeschreibung trifft "Überleben" schon einen Nerv. Denn in seiner radikalen Emotionalität provoziert der Roman einen anderen Blick auf die Fragen unserer Zeit: Was macht dieser nagende Zweifel eigentlich mit uns? Finden sich seine Widerhaken etwa auch im Rechtsruck? Könnte ein Teil der Wut in den westlichen Demokratien auch aus dieser Angst heraus stammen?

Antworten liefert Finkelstein keine. "Überleben" funktioniert gerade deshalb so gut, weil es keine fadenscheinigen Erklärungen anbietet. Stattdessen spiegelt das Buch in seiner fiebrigen Sprache die individuellen Auswirkungen einer überhitzten Realität. Terroristen bomben sich in das Bewusstsein der Menschen, faszinieren sie mit ihrer Gewalt. Die (sozialen) Medien vervielfältigen die Angst, weil sie sich gut verkauft. Und die Gesellschaft findet keine Antwort darauf - außer mehr Repression.

Wohin das auf Dauer führen soll? Schwer zu sagen. Nach diesem nur 146 Seiten umfassenden Gefühlsausbruch sollte aber eins klar sein: Wir müssen dringend etwas ändern, sonst fliegt uns der Kessel um die Ohren. Oder in Avas Worten: "Die Gewalt, mit der wir heute leben - in Frankreich, in Europa -, diese Gewalt bringt mich um."

insgesamt 6 Beiträge
zeichenkette 23.09.2018
1. Vielleicht hilft es manchmal...
wenn man sich bewusst macht, dass weder in "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" noch in "Einigkeit, Recht und Freiheit" das Wort "Sicherheit" vorkommt. Woran das wohl liegt?
wenn man sich bewusst macht, dass weder in "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" noch in "Einigkeit, Recht und Freiheit" das Wort "Sicherheit" vorkommt. Woran das wohl liegt?
wizzbyte 23.09.2018
2. Um die Dimensionen geradezurücken
Unterhalb der Buchbesprechung findet sich der Link "Wehrmachtsmassaker in Kefallonia: Alles was vor die Mündung kommt, wird umgelegt" Die aktuelle europäische Jugend ist nicht bedauernswert.
Unterhalb der Buchbesprechung findet sich der Link "Wehrmachtsmassaker in Kefallonia: Alles was vor die Mündung kommt, wird umgelegt" Die aktuelle europäische Jugend ist nicht bedauernswert.
Darwins Affe 23.09.2018
3. Einfache Antwort
Weil früher keiner sich vorstellen konnte, dass der Staat seine schiere Daseinsberechtigung --- die äussere und innere Sicherheit --- nicht mehr gewährleisten wollte.
Zitat von zeichenkettewenn man sich bewusst macht, dass weder in "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" noch in "Einigkeit, Recht und Freiheit" das Wort "Sicherheit" vorkommt. Woran das wohl liegt?
Weil früher keiner sich vorstellen konnte, dass der Staat seine schiere Daseinsberechtigung --- die äussere und innere Sicherheit --- nicht mehr gewährleisten wollte.
hildesheimer2 23.09.2018
4. darf man das ?
Natürlich darf Kunst und Literatur alles. Es entsteht jedoch der Eindruck, dass die Schilderung derartiger Ereignisse aufgrund ihrer Radikalität die Normalität der allgemeinen Realität zu stark in Frage stellen. Sollten wir [...]
Natürlich darf Kunst und Literatur alles. Es entsteht jedoch der Eindruck, dass die Schilderung derartiger Ereignisse aufgrund ihrer Radikalität die Normalität der allgemeinen Realität zu stark in Frage stellen. Sollten wir uns besser nicht erinnern oder derartige Geschehnisse nicht lieber "realitivieren" bzw. weniger drastisch darstellen ?
berther 23.09.2018
5. Angstmacherei
Und was soll diese Angstmacherei? Die Chance, von einem Terroristen verletzt oder getötet zu werden ist wesentlich geringer, als zweimal hintereinander sechs Richtige im Lotto zu haben. Kurz gesagt: verschwindend gering!
Und was soll diese Angstmacherei? Die Chance, von einem Terroristen verletzt oder getötet zu werden ist wesentlich geringer, als zweimal hintereinander sechs Richtige im Lotto zu haben. Kurz gesagt: verschwindend gering!
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