Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

US-Satiriker Gary Shteyngart

"Amerika liebt Hochstapler"

Er ist ein Spötter, bei dem stets Tragik mitklingt. Schriftsteller Gary Shteyngart spricht über Hedgefonds-Manager, russische Immigranten, Trumps Amerika - und was die USA mit Ostdeutschland gemeinsam haben.

Getty Images

Autor Gary Shteyngart: "Das Land ist süchtig danach, reich zu werden"

Ein Interview von
Sonntag, 14.04.2019   21:00 Uhr

Zur Person

Gary Shteyngart kam 1972 in Leningrad zur Welt. 1979 emigrierte er mit seinen jüdisch-russischen Eltern und wuchs im New Yorker Stadtteil Queens auf. 2002 erschien sein erster Roman "Handbuch für den russischen Debütanten". Seine teils autobiographisch gefärbten Bücher zeichnen sich durch einen satirisch-humoristischen Erzählstil aus. Das neueste, "Willkommen in Lake Success" ist ein Road Trip in den Nachwehen des Börsencrashs.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Shteyngart, der Held von "Willkommen in Lake Success" ist Barry Cohen, ein Hegdefonds-Manager, der eines Tages beschließt, sein iPhone, seine Amex-Karte und seine Vorzeigefrau Selma zu verlassen und mit dem Greyhound durch Amerika zu reisen. Wie real ist Barry?

Gary Shteyngart: Barry basiert auf zwei, drei tatsächlich existierenden Hedgefonds-Managern, die ich nach dem Börsencrash von 2008 getroffen und mit denen ich viel Zeit verbracht habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie trifft man denn Hedgefonds-Manager?

Shteyngart: Eine Freundin, die für Bloomberg arbeitet, hat mich ein paar von denen vorgestellt. Die waren überglücklich, über sich zu reden, denn viele haben keine Freunde. Oder sie haben Freunde, aber das sind eigentlich Feinde. Ihre Kinder hassen sie, ihre Frauen hassen sie, und so wurde ich eine Art Trinkkumpel. Mir hat das weniger Spaß gemacht, weil ich oft bis morgens um fünf in der Bar saß.

SPIEGEL ONLINE: War denen klar, wie sie im Buch in die Pfanne gehauen werden?

Shteyngart: Ich denke schon. Einer dieser Manager sagte mir: Investiere bloß kein Geld mit mir, ich habe keine Ahnung, was ich tue. Und im Buch sagt einer, es gehe nur darum, eine gute Geschichte zu erzählen, auch wenn die Bullshit ist. Diese Art Finanzsektor gibt es nur hier, vielleicht noch in London. Frankfurt ist verglichen damit total niedlich. Eigentlich sind Hedgefonds eine Art Steuer, um Reichtum von der Mittelklasse zu dem obersten einen Prozent zu transferieren.

SPIEGEL ONLINE: Damit haben Sie ja auch heute noch einen Nerv getroffen.

Shteyngart: Ich habe erst beim Schreiben gemerkt, wie sehr das Buch die Ära Trump widerspiegelt. Trumps Botschaft ist: Nur Reiche können Amerika retten. Viele Hedgefonds-Manager denken, sie sollten keine Steuern bezahlen. Wie Barry. Der sammelt teure Uhren, und will armen schwarzen Kindern helfen, eine Rolex zu besitzen. In Wirklichkeit treffen solche Leute nie ein schwarzes Kind.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Amerika sehr journalistisch. Ich fühlte mich an Tom Wolfe erinnert.

Shteyngart: Es gibt eine Tradition von journalistischen Büchern über die Wall Street, bis zurück ins Jahr 1929. Schon die beschreiben die Finanzindustrie als Betrug. Es gibt ein geflügeltes Wort: "Wo sind die Jachten der Kunden?" Das Glücksspiel lohnt sich nur für die Hedgefonds-Manager.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum fallen dann immer wieder Leute darauf rein?

Shteyngart: In Amerika glaubt jeder, gerade er schafft es. Das Land ist süchtig danach, reich zu werden. Wenn du arm bist, ist etwas moralisch falsch an dir. Gott liebt dich nicht. Und wir opfern zur Not sogar unser eigenes Wohl, damit es anderen schlechter geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den gleichen Trip mit dem Greyhound unternommen wie Barry.

Shteyngart: Ja, ich habe das Land von Küste zu Küste gesehen, für vielleicht tausend Dollar. Ich war in Hotels, die noch furchterregender waren als der Greyhound. In einer Szene im Buch, die ich selbst erlebt habe, in Louisiana, kam der Bus an einem schwarzen College vorbei, und ein Weißer sagte, "Warum gibt es keine weißen Colleges?" Okay, Amerika war immer ein rassistisches Land. Aber dass Weiße im Bus, umgeben von Schwarzen, so reden, das ist erst seit Trump so. Die reden auch so über Juden, deshalb hatte ich sicherheitshalber ein Neues Testament zum Ausmalen dabei. Nach dieser Fahrt war ich vom Ausgang der Wahl nicht so überrascht. Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD. Da stehen Leute auf und erklären: "Wir dürfen das jetzt sagen". Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:30 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Gary Shteyngart
Willkommen in Lake Success: Roman - „Eines der 100 besten Bücher 2018“ – The New York Times

Verlag:
Penguin Verlag
Seiten:
432
Preis:
EUR 24,00
Übersetzt von:
Ingo Herzke

SPIEGEL ONLINE: Warum richtete sich der Volkszorn nach dem Crash von 2008 nicht gegen Banker?

Shteyngart: Weil Amerika Hochstapler liebt. Der reisende Medizinmann, der Wundermittel verkauft, ist Teil der amerikanischen DNA. Und keiner hat Ahnung, wie die Finanzindustrie funktioniert. Ich bin oft im Upstate New York, da leben Menschen, die unfassbar arm sind. Die haben Lastwagen ohne Reifen, auf Betonblöcken, aber mit Nummernschildern "Taxes 2 Hi", Steuern zu hoch. Die denken, Trump senkt ihre Steuern. Dabei profitieren vor allem ich und meine elitären liberalen Bekannten von Trumps Steuerpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Während Trump diesen Leuten die Sozialunterstützung streicht.

Shteyngart: Genau. Aber ich will schreiben, ohne dass dauernd das T-Wort vorkommt. Mich interessiert vor allem, was die Wall Street mit New York angerichtet hat. Viele Freunde sind weg, weil sie es sich nicht mehr leisten können, als Lehrer zu arbeiten, wenn ein Apartment eine Million Dollar kostet. Inzwischen arbeitet die Hälfte der New Yorker in der Finanzindustrie oder für FinTech. Die Stadt wird davon verschlungen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei kommt doch auch Barry aus einer armen Familie.

Shteyngart: Ja, aber das ist nicht ungewöhnlich. Viele dieser Leute kommen aus einem armen Teil von New York oder Moskau. Auch meine Eltern waren sehr arm, und als Kind wollte ich schnell reich werden. So dachte die ganze konservative russische Community, in der ich aufwuchs. Ich war damals beeindruckt von dem Film "Wall Street" und seinem Motto "Greed is good".

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern sind Republikaner?

Shteyngart: Ja. Aber sie haben nicht gewählt. Sie mögen Trump nicht, weil sie glauben, dass er von Putin gesteuert wird. Aber Hillary mögen sie auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie als Immigrant Schriftsteller werden, damit Sie hier eine Stimme haben?

Shteyngart: Nein, ich habe schon als Fünfjähriger in Russland geschrieben, für meine Großmutter. Die hat mir ein Stück Käse für jede Seite gegeben. Ich liebe Käse und so habe ich hundert Seiten verfasst. Über den Kreml und die Revolution. In New York musste ich dann eine Hebrew School besuchen, die ich hasste, und habe Satiren auf die Torah geschrieben. Meine Mitschüler mochten die. Der Rabbi nicht so sehr.

Getty Images

Greyhound-Bus an einer Raststation

SPIEGEL ONLINE: Viele Republikaner leben in einem anderen Kommunikationsuniversum. Könnten Sie die mit ihren Romanen erreichen?

Shteyngart: Absolut nicht, keine Chance. Ich erreiche bestenfalls ein paar Hunderttausend übliche Verdächtige in New York, Los Angeles oder Boston. In Deutschland gibt es noch relativ viele Leser, aber hier ist das heute ein kleiner Kult. Rechte sehen nur Fox News. Und Fox News macht den ganzen Tag Propaganda wie die AfD oder Le Pen. Ich habe mal als Experiment eine Woche lang nur Fox News geguckt, danach wusste ich selbst nicht mehr, was wahr ist. Fox hat sich das Format übrigens von der traditionellen jüdischen Stand-up-Comedy geborgt.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur Fox, das hat sich auch Trump abgeguckt.

Shteyngart: Ja, Trump geht auf die Bühne und sagt, wir sind alle verwundet, wir sind alle Opfer, und dann macht er einen Witz. Das ist seine Masche.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie die russische Community in Brighton Beach, wo Trumps Geld herkommt?

Shteyngart: Das Geld kommt aus Russland. Keiner der russischen Immigranten hier ist wirklich reich. Vielleicht Sergej Brin. Aber eine Freundin von mir hat neulich für die "L.A. Times" Felix Sater interviewt, der für Trump viel Geld beschafft hat, und der sagte ihr, in einem anderen Leben hätte ich Gary Shteyngart sein können. Das fand ich komisch. Also, ich habe Russland satt. Das Land hat so viel Unglück über die Welt gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Man liest hier oft, dass Amerika der Weimarer Republik ähnelt.

Shteyngart: Ich finde, es ist eher mit Ostdeutschland zu vergleichen, der Umbruch von Industrie- zur Servicegesellschaft, wo die Leute nicht nur Einkommen verlieren, sondern auch Status.

SPIEGEL ONLINE: Wann waren Sie denn in Deutschland?

Shteyngart: Anfang 2000, in Berlin bei der American Academy. Ich war in deren Villa am Wannsee, ich habe aber noch eine kleine Wohnung in Kreuzberg gemietet, weil ich merkte: Wenn ich ins Berghain ging und wirklich betrunken war und die S-Bahn fuhr nicht, musste ich ein Taxi nehmen, das war total teuer. Die Wohnung kostete nur 300 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist oft die Rede von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus. Haben Sie das erlebt?

Shteyngart: Überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Deutschen lieben Juden zu sehr. Ich war mal auf einer Party, und da baggerte mich ein Mädchen an und erzählte mir, wie ihre Mutter oder Großmutter einen Juden versteckt hatte ... der musste ihr nur 20 Reichsmark Miete zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie Berlin? Und Sie müssen uns nicht schmeicheln...

Shteyngart: Ich finde Berlin toll! Berlin ist ausgebreitet, so wie Los Angeles, nicht so klein und eng wie etwa Rom. Rom ist ein Museum, Berlin ist ein Labor. Damals konnte jeder alles tun. Eine Bar aufmachen, Art Space... alles war improvisiert. Heute ist es viel langweiliger und bourgeois. New York hingegen ist, wie London, eine Global City, wo die Reichen hin wollen. Sobald Barry und Selma hinziehen, ist es vorbei.

insgesamt 6 Beiträge
Peter2019 14.04.2019
1. Alles kommerz
Mir scheint das in Amerika alles vermarktet wird, der Amerikanismus, der Antiamerikanismus, der Kapitalismus, der Kommunismus, der Konsum, die Kritik am Konsum......schon wie der Enthüllungsfilm über Mikel Jakson vermarktet [...]
Mir scheint das in Amerika alles vermarktet wird, der Amerikanismus, der Antiamerikanismus, der Kapitalismus, der Kommunismus, der Konsum, die Kritik am Konsum......schon wie der Enthüllungsfilm über Mikel Jakson vermarktet wird....ist für uns Europäer befremdend und ekelhaft...
nofreemen 14.04.2019
2.
Sorry, aber dieser Gary kennt weder Amerika noch Russland, oder nur vom hören sagen. Arme Russen rie auswanderten haben überall auf der Welt einen Minderwertigkeitskomplex. Und sind trotzdem besessen die Besten zu sein. Über [...]
Sorry, aber dieser Gary kennt weder Amerika noch Russland, oder nur vom hören sagen. Arme Russen rie auswanderten haben überall auf der Welt einen Minderwertigkeitskomplex. Und sind trotzdem besessen die Besten zu sein. Über Rußland wird geschimpft oder gelobt wie es gerade so passt oder kommt. New York ist nicht Ametika und das hat Gary noch nicht mit bekommen. Aber Berlin und die Juden kennt der Kovertit.
stefanmargraf 15.04.2019
3. Da ist er wieder, der jüdische Humor,
auf den ich so anspringe. Mit dieser Philosophie kann man fast alles überleben.
auf den ich so anspringe. Mit dieser Philosophie kann man fast alles überleben.
juba39 15.04.2019
4. Schade
Am Anfang dachte ich, mal ein Beitrag, wie ein Außenstehender auf das wahre Amerika blickt. Dann allerdings sank das Niveau auf das Kaminer-Niveau, um schließlich auf der Stufe Onkel Tom zu enden. Was sollte also das [...]
Am Anfang dachte ich, mal ein Beitrag, wie ein Außenstehender auf das wahre Amerika blickt. Dann allerdings sank das Niveau auf das Kaminer-Niveau, um schließlich auf der Stufe Onkel Tom zu enden. Was sollte also das "Russland hat so viel Unglück über die Welt gebracht". Die USA, seine Wahlheimat wohl nicht? Ist wie das Problem mit der DDR, nicht Ostdeutschland. Warum wir deren Existenz notwendig? Bis 1990 gab es keinen einzigen Bundeswehrsoldaten im Ausland, außer in friedlicher Absicht. Traf auf die NVA ebenso zu. Über diesen fast schon philosophischen Gedanken sollte der Herr einmal nachdenken. Bevor er, scheint aber ein weltweites Problem zu sein, über sein Vaterland (dieses Attribut wird man auch als Emigrant nicht los) wie eine betrogene Ehefrau über ihren Ex urteilt. Nicht verstanden? Dann einfach mal Interviews mit Biermann und Müller-Stahl vergleichen. Beides Künstler, aber im Charakter liegen Welten dazwischen. Nicht nur, daß Müller-Stahl im Zenit von Hollywood angekommen ist.
Joinme66 15.04.2019
5.
Noch nie was von dem Typen gehört. Danke für das Interview, genau mein Humor, ich lieb ihn jetzt schon und muss mir leider das Buch zulegen.
Noch nie was von dem Typen gehört. Danke für das Interview, genau mein Humor, ich lieb ihn jetzt schon und muss mir leider das Buch zulegen.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP