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Kultur

Aufwachsen in der Favela

Kinder im Krieg

Räuber und Gendarm mit Vaters Revolver, Polizistenmord als Streich: Geovani Martins erzählt in "Aus dem Schatten" von einem Brasilien, in dem die Kleinen lernen, dass nur das Recht des Stärkeren zählt.

picture alliance/ United Archiv

Szene aus dem Favela-Drama "City of God"

Von
Dienstag, 16.04.2019   17:14 Uhr

Unten am Strand die weichen Wellen, oben auf dem Hügel die rohe Gewalt. Das Rio de Janeiro, das Geovani Martins in seinem Buch "Aus dem Schatten" beschreibt, ist ziemlich übersichtlich. Und sehr klar aufgeteilt: Der Atlantik vor der Copacabana mag weit erscheinen, aber die Freiheit der Figuren ist begrenzt. Jeder landet hier am Ende an dem Ort, der in der Stadt für ihn vorgesehen ist. Unten in den wohlhabenden Vierteln oder oben in den Favelas; oben ist hier unten, gesellschaftlich betrachtet. Eines der vielen Rio-Paradoxa.

Am Anfang der Kurzgeschichtensammlung sind wir dabei, wie ein Haufen Halbwüchsiger aus den Favelas an der Copacabana bekifft in den Wellen bodysurft, einzige Sorge ist in dem Moment die Frage, wie sie den sich ankündigenden Fresskick bewältigt bekommen. Das Geld ist schon längst alle. Dann gibt es Stress mit ein paar reichen Playboys, Wachpersonal taucht auf. Wer kein Geld für den Bus hat, wird eingesackt, weil er dann ja nicht mehr zurückkommt in die Favelas, wo er hingehört. Wer zu viel Geld hat, wird ebenfalls eingesackt, weil: Kann er ja nur geklaut haben. Noch so ein Rio-Paradoxon.

Alles Widersprüche, mit denen sich die Figuren im Laufe der 13 Geschichte zu arrangieren haben. Sie sind neun oder zehn und spielen mit dem vom Vater geklauten Revolver Räuber und Gendarm, sie sind dreizehn oder vierzehn und zählen das Drogenangebot ihres Dealers auf wie das Süßigkeitensortiment im Supermarkt, sie sind sechzehn oder siebzehn und planen den Mord an einem tyrannischen Polizisten wie den Schülerstreich an einem Lehrer.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Geovani Martins
Aus dem Schatten: Erzählungen

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
125
Preis:
EUR 18,00
Übersetzt von:
Nicolai von Schweder-Schreiner

An Waffen werden in Martins Geschichten Pumpguns, Kalaschnikows und M-16-Gewehre in Anschlag gebracht. An Drogen gibt es Gras, Koks, Crack und vor allem Lanca-Perfume, jenes auch unter dem Namen Loló bekannte, chloroformhaltige Destillat, das aus Sprühfläschchen konsumiert wird und der Hit auf Baile-Funk-Partys ist.

"City of God" lässt grüßen

Martins, 27, ist in den Favelas Rocinha und Vdigal aufgewachsen, er schreibt trocken, pointiert, streckenweise angenehm verschmitzt. Er ist einer dieser Autoren, der scheinbar ohne Anstrengungen Menschen in einem Satz erklären kann. Im gewissen Sinne liefert er ein Update des furiosen Getto-Dramas "City of God", in dem der Autor Paulo Lins und der Regisseur Fernando Meirelles 2002 über Gewalt und Solidarität in Rios Armenvierteln erzählten. Auch Martins zeichnet nach, wie den jungen Leuten ein Rollenangebot von ihrer Stadt gemacht wird, das diese dann annehmen.

AP

Militärs in der Favela Rocinha im September 2017

Als einer der Jungen auf dem Weg vom Meer in seine Favela zurück ist, als er durch die Gegend der bewachten Wohnkomplexe mit ihren hohen Zäunen hoch in sein Armenviertel geht, lässt der Schriftsteller ihn diese Beobachtung machen: "Jemand anders erschrak, und ich stellte fest, dass ich der Grund der Bedrohung bin." Ein toller Satz, der eine unheilvolle Wechselwirkung auf den Punkt bringt, nämlich wie dir die Umgebung sagt, wer du bist - und wie du das annimmst, um dann wiederum der Umgebung zu sagen, wer du bist.

Angst bekommen oder Angst verbreiten? Lieber Letzteres. Die Kleinen in Martins' Geschichten lernen sehr schnell, dass nur das Recht des Stärkeren zählt.

Brasilien, mit sich selbst im Krieg

In Brasilien ist Martins' Buch schon vor einem Jahr erschienen, er wird seitdem als Vorreiter einer neuen authentischen brasilianischen Literatur gefeiert. Seine Short-Stories-Sammlung handelt von einer Gesellschaft, die mit sich selbst im Krieg ist, und liefert auf diese Weise auch ein frappierend genaues Abbild von Brasilien unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro. Dessen Politik zielt offenbar auf Spaltung und Abschaffung der Rechtsstaatlichkeit - einer Rechtsstaatlichkeit, die es in den Favelas sowieso nie gegeben hat.

Diesen Zustand beschreibt jetzt auch noch mal Martins in "Aus dem Schatten": Entweder es sorgen dort Militärs für ein Notstandsregiment oder Gangsterbanden schmeißen das Viertel nach ihren Vorstellungen. Für Martins kleine Helden und Antihelden ist es ganz einfach: Wenn die Militärs regieren, gibt es keine Drogen und keine Gerechtigkeit, wenn die Gangster regieren, gibt es immerhin Drogen.

Die letzte Geschichte erzählt von einem jungen Dealer, der einen Kunden erschießt und deshalb vom Gangsterboss aus der Favela verstoßen wird. Hier zeigt sich noch einmal Martins' elegante erzählerische Kraft: Der Abgang aus dem Elendsviertel fühlt sich bei ihm an wie die Vertreibung aus dem Paradies.

insgesamt 3 Beiträge
masterjam 17.04.2019
1. frappierend genaues Abbild von Brasilien unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro?
Wenn das Buch vor über einem Jahr erschienen ist und der neue Präsident seit Januar 2019 im Amt ist, macht diese Aussage dann Sinn: "frappierend genaues Abbild von Brasilien unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro"? Die [...]
Wenn das Buch vor über einem Jahr erschienen ist und der neue Präsident seit Januar 2019 im Amt ist, macht diese Aussage dann Sinn: "frappierend genaues Abbild von Brasilien unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro"? Die Situation war in Brasilien niemals anders (vielleicht vor dem 2. Weltkrieg) - egal ob Linke Regierungen (unter Lulas PT) oder rechtsgerichtete Regierungen an der Macht waren. Ich kann das glaube ich gut beurteilen - ich wohne hier. Also: lieber erst recherchieren, dann denken, danach schreiben und Polemik vermeiden. Better next time, Spiegel-Team... Kleiner Tipp: "an der Copacabana" gibt es nicht. Copacabana ist der Name des Stadtteils, nicht des Strandes oder der Küstenpromenade (die heißt "Avenida Atlântica") ;-)
Eine Stimme der Vernunft 17.04.2019
2. Dieser Artikel stellt das Leben in Rio de Janeiro völlig falsch da
Ich lebe seit 15 Jahren zu großen Teilen in Rio de Janeiro, seit vielen Jahren in Copacabana. Das Leben hier ist wunderbar. Ich persönlich finde es sicherer als in manchen Gegenden in Hamburg, wo meine Mutter noch wohnt und wo [...]
Ich lebe seit 15 Jahren zu großen Teilen in Rio de Janeiro, seit vielen Jahren in Copacabana. Das Leben hier ist wunderbar. Ich persönlich finde es sicherer als in manchen Gegenden in Hamburg, wo meine Mutter noch wohnt und wo ich auch noch häufig bin. Copacabana hat offene Straßen , gleicht eher einer europäischen Großstadt, wo Wohnungen und einkaufen und Gastronomie zusammen sind und ineinander übergehen. Man lebt hier ziemlich entspannt und in den Favelas, heute eigentlich Comunidades genannt, leben vor allen viele hart arbeitende Menschen. Nur eine Minderheit dort hat mit Drogen zu tun. Schon gar nichts ist dort schlechter geworden, wegen Bolsonaro. Nur weil er konsequenter gegen Banditen vorgehen will, ist es nicht unbedingt weniger rechtsstaatlich. Bei " Wenn die Militärs regieren, gibt es keine Drogen und keine Gerechtigkeit, wenn die Gangster regieren, gibt es immerhin Drogen. " gibt es wohl noch mehr Menschen in Deutschland, in Brasilien sowieso, die wie ich dann sagen, dann lieber die Militärs und ohne Drogen. Hört endlich auf bei SPON Rio immer so schlecht zu machen, es ist die Weltbeste Stadt zum Leben und ich kenne wirklich die Welt. Herrliches Wetter, tolle Strände, sehr freundliche lebensfrohe Menschen, nicht zu teuer. Rio ist ganz anders als es SPON regelmäßig schreibt.
stolte-privat 17.04.2019
3. falsches Bild
In den Medien wird über die Favelas ein bestimmter Stereotyp verbreitet. Drogen, Dreck, Gewalt und Bandenkriege, ab und an schießt auch mal Polizei oder Militär dazwischen. Das die Menschen in diesen "Ghettos" aber [...]
In den Medien wird über die Favelas ein bestimmter Stereotyp verbreitet. Drogen, Dreck, Gewalt und Bandenkriege, ab und an schießt auch mal Polizei oder Militär dazwischen. Das die Menschen in diesen "Ghettos" aber auch hilfsbereit, kreativ und freundlich sind wird meistens unterschlagen. Ähnliches gab es in den vergangenen Jahrzehnten aber auch in Deutschland (Berlin Kreuzberg = nur Gewalt, Braunschweig West = alles voller Penner und Punker und so weiter). Es wird Zeit für eine andere Sichtweise.
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