Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Comicreihe "Die Katze des Rabbiners"

Gotteshaus-Sharing mit Hindernissen

Religiöse Debatten in nostalgisch-verträumtem Urlaubsflair: Ein Wiedersehen mit Joann Sfars Comic "Die Katze des Rabbiners" und seinem besonderen Blick auf den Glaubensirrsinn.

Joann Sfar/ Avant
Von
Samstag, 30.03.2019   20:55 Uhr

Zum Autor

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Diese Comic-Katze habe ich wirklich vermisst. Gibt ja einige, auf die man problemlos verzichten kann, ich sage nur mal: Garfield. Und ganz besonders Garfield. Aber diese hier fehlt einem gelegentlich schon sehr. Schaitan heißt sie manchmal, meistens ist sie einfach nur "Die Katze des Rabbiners". Weitere drei Alben sind jetzt im neuen und inzwischen dritten Sammelband von Joann Sfar vereint, empfehlen kann und muss man sie alle. Vorausgesetzt, man mag's verspielt und hat nichts dagegen, wenn die Dinge ein wenig rätselhaft bleiben, unzweideutig, unaufgelöst und unaufgeräumt.

Die Katze des Rabbiners ist ein Kater, grau, dünn, mit riesigen Ohren (wer bei Whiskas nachschlägt, kriegt Devon Rex oder Siamkatze angeboten, die korrekte Sorte hat mit etwas Glück ein Experte schon unten ins Forum geschrieben). Er kann sprechen, seit er einen Papagei gefressen hat - was soll man sagen, ein Wunder eben. Das erste Abenteuer bestand schon mal darin, dass der Rabbi seiner Katze daraufhin den Umgang mit seiner Tochter verbot, weshalb die Katze - weil sie die hübsche Tochter liebt und verehrt - dringend Jude werden will.

Und genau diese Frage, ob ein Kater Jude werden kann, skizziert schon mal ganz gut, worum es geht und mit welchem Humor man zu rechnen hat. Die Katze ist widerspenstig, hemmungslos egoistisch und nicht auf den Mund gefallen. Es gibt boshafte Debatten über den Sinn und die Logik von Religion, Sex, Beziehungen zwischen Mann, Frau und Katze. Und all das im Algier der 20er Jahre - was dem Projekt ein unschuldig verträumtes Nostalgieflair verleiht.

Vieles in der "Katze" erinnert an Sfars Reihe "Klezmer". Aber während Klezmer manchmal derart frisch zusammengenagelt aussieht, dass man fürchtet, sich beim Anfassen Spreißel in den Finger zu ziehen, ist die "Katze" viel hübscher lackiert. Hier sitzen keine bettelarmen Musiker in Russland zusammen und lassen sich volllaufen, hier ist man belesen und bürgerlich. Man sitzt in hübschen weißgelb gekalkten Häuschen am Mittelmeer, der Blick geht über den Hafen in die Hügel, da geht einem das Herz auf und das nächste Reisebüro nicht mehr aus dem Kopf. Man trinkt Tee und Kaffee und schnabuliert kleine Leckereien im Schatten der Palmen auf der Dachterrasse.

Fotostrecke

"Die Katze des Rabbiners": Hauptsache, der Kater schnurrt

Nachts schläft man draußen, tagsüber flieht man vor der Hitze ins Orientalisch-Schattige. Sfar legt bunte Teppiche aus, fliest seine Wohnräume immer wieder neu, und die hübsche Tochter des Rabbiners kriegt samt ihren Freundinnen fröhlich gemusterte Kleider.

Was passiert diesmal? Die Tochter hat nicht nur geheiratet und ist ausgezogen, sie kriegt zum Leidwesen der Katze von ihrem blöden Mann auch noch ein Kind. Wie die Katze ihr Wohlergehen ausschließlich an der Aufmerksamkeit bemisst - da kann man jetzt streiten, ob das ein Kommentar zur "Like mich, bemerk mich, bestätige mich"-Welt des Internets sein soll.

Wenn die Katze seitenlang beim Huschen über die Dächer der Sommernacht darüber klagt, dass sie keine Lust auf Veränderungen hat, dass sie möchte, dass alles bleibt wie es ist oder mal war oder mal gewesen sein soll, gemütlich und vertraut und mit warmer Milch und Sorglosigkeit und viel, viel Früher, da kann man natürlich wehmütig nicken. Man kann aber auch Herrn Trump und seine Wähler darin erkennen, die - nicht völlig unverständlich - den schönen Heckflossenautos der Fünfziger nachweinen.

Preisabfragezeitpunkt:
22.04.2019, 09:40 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Joann Sfar
Die Katze des Rabbiners Sammelband 3

Verlag:
avant-verlag GmbH
Seiten:
200
Preis:
EUR 29,95

Und wenn der Rabbiner seine Synagoge den Muslimen zum Gotteshaus-Sharing anbietet, weil ihre Moschee gerade einen Wasserschaden hat, und wenn dann die unbürokratische Hilfe nicht am neuen, aber am alten Imam scheitert, am Rabbiner des Rabbiners und an ihren beiderseits völlig vernagelten Gläubigen, da kann man natürlich einen hochpolitisch-aktuellen Kontext festhalten. Man kann das alles aber auch einfach genießen als Einblick in den schönen Schwachsinn der Menschheit.

Denn die Nostalgie verleiht den Geschichten einen angenehm spätsommerlichen Glanz. Die Handlung spielt in den Zwanzigerjahren, alle reden noch miteinander und bewerfen sich nicht als Allererstes mit Bomben. Das macht die religiöse Thematik erstaunlich zugänglich: "Anfangs habe ich den Comic für mich gezeichnet", sagt Sfar in einem Interview, "aber nach zehn Jahren habe ich gemerkt, dass er Auswirkungen hat. In einer Schule hat mir dann mal ein Mädchen gesagt: 'Erst wollten wir das nicht lesen, aber dann haben wir's gemocht, weil wir gesehen haben, dass Juden und Araber gleich doof sind.' Genau das wollte ich: die Beziehung von Christen, Juden, Moslems entspannen."

Und nicht nur die: Männer gehen fremd, Frauen verlieben sich neu, wissen sich gewitzt durchzusetzen. Es gibt kein Problem, das man nicht lösen oder wenigstens besser ertragen könnte, indem man einer Katze den Bauch krault oder das Kinn oder oben zwischen den Ohren. Mit einer traurigen Ausnahme: Die Katze des Zeichners, genannt Imhotep, das reale Vorbild der Rabbinerkatze, ist 2018 leider gestorben.

insgesamt 1 Beitrag
#9vegalta 31.03.2019
1. Gab es auch
als schönen Zeichentrickfilm. War einfach Klasse.
als schönen Zeichentrickfilm. War einfach Klasse.
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP