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Kultur

Literatur-Provokateur

Wie John Niven Kotzbrocken erfindet

Der schottische Autor John Niven hat die Hauptfigur seines ersten Erfolgsromans in die Gegenwart versetzt: In "Kill 'em all" ist Steven Stelfox ein glühender Trump-Fan - und heckt einen bösen Plan aus.

Erik Weiss/ Heyne

John Niven

Ein Interview von
Sonntag, 27.01.2019   11:18 Uhr

Zur Person

John Niven , Jahrgang 1966, gilt als Bad Boy der britischen Literatur. Nichts und niemand ist vor dem beißenden Spott des Schotten sicher. Bekannt wurde er 2008 mit dem Roman "Kill your Friends" über einen Musikmanager, der in einer Londoner Plattenfirma für Talentscouting und Künstlerentwicklung zuständig ist. Die Geschichte des üblen und rücksichtslosen Steven Stelfox kam 2016 sogar ins Kino. Nach einem kurzen Auftritt als Castingshow-Moderator in "Gott bewahre" ist Stelfox in Nivens neuem Roman "Kill 'em All" (Heyne) wieder zurück im Musikgeschäft. Mit seinen skrupellosen Methoden soll er dem Boss eines Majorlabels helfen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Romanfigur Steven Stelfox ist zurück in der Musikindustrie. Die hat sich seit dessen Berufsanfängen in den Neunzigern stark verändert. Warum kommt er zurück?

Niven: Stelfox hat die Musikindustrie ungefähr 2003 verlassen, als die CD-Verkäufe den Bach heruntergingen. Viele Leute denken noch immer, dass das Internet das Musikgeschäft zerstört hätte. Aber in Wirklichkeit haben die Firmen längst neue Wege gefunden, Geld zu verdienen. YouTube oder Spotify zahlen nicht so viel wie sie sollten, und es kommt nicht genug bei den Künstlern an. Aber die Plattenfirmen verdienen so viel Geld wie schon lange nicht mehr. Also denkt Stelfox: "Moment mal, das lohnt sich wieder. Wie komme ich da wieder rein?"

ddp images/ Capital Pictures

Nicholas Hoult in der Niven-Romanverfilmung "Kill Your Friends" (2015)

SPIEGEL ONLINE: Sein Weg zurück ins Geschäft ist ein ziemlich krasser Plan.

Niven: Ja, er will den größten Popstar der Welt töten, aber ihn dann wieder zurückbringen. Der Star ist pädophil und soll erpresst und ruiniert werden. Doch das würde auch die Plattenfirma ruinieren. Also denkt er zunächst: Wir sollten ihn einfach umbringen. Doch dann fallen ihm all die Gerüchte um Elvis ein, dass der irgendwo am Leben sei. Und er beschließt: Wir faken den Tod unseres Stars, verstecken ihn, denken uns irgendeine Geschichte aus, inszenieren das Comeback und verdienen doppelt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht etwas arg aufgebauscht?

Niven: Da würde Stelfox bloß auf den Fernseher zeigen, wo Donald Trump seine Amtseinweihungsfeier die größte aller Zeiten nennt. So ist die Welt heute. Eine Lüge kann nicht groß genug sein. Je größer, desto besser. So lange man sie laut genug herausschreit und sie oft genug wiederholt.

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen Stelfox im Buch sagen, Trump wäre der perfekte A&R-Mann. Warum?

Niven: Weil er weiß, wie er seine Fanbasis zufriedenstellt. Und außerdem, weil er weiß, dass es keinen Tiefpunkt gibt, keine Untergrenze. Als A&R-Mann wollte Stelfox nie Radiohead entdecken, ihm ging es um Pop-Sternchen, um das kleinste gemeinsame Vielfache eben. So funktioniert Trump auch.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie persönlich denn auch etwas Gutes an der populistischen Methode erkennen?

Niven: Ich finde diese Welle in den USA wirklich beängstigend. Der amerikanische Schriftsteller H.L. Mencken hat schon in den Dreißigern darauf hingewiesen, dass man Präsident werden kann, wenn man den Leuten bloß das ganze irre, böswillige Zeug erzählt, das sie glauben wollen. Man wusste, es geht, aber niemand war verrückt genug, es wirklich auszuprobieren. Und dann kam der Sturm, nicht nur Trump, auch die Rechten in Deutschland, in Italien, Leute wie Nigel Farage in England.

SPIEGEL ONLINE: Manche Leute sehen eine mögliche Antwort darin, mit einer Art Populismus von links zu kontern. Geben Sie dem Chancen?

Niven: Schwierig. Denn um dieses Spiel zu spielen, muss man eine Sprache sprechen, die ihrer Natur nach demagogisch und aufwieglerisch ist. Und wir sollten nicht diesen Teil der Hirne der Leute ansprechen. Das ist ja auch eine der irritierenden Konsequenzen der sozialen Medien: Jeder hat plötzlich eine Stimme. Aber von vielen Leuten will ich lieber gar nichts hören - denn sie sind schreckliche Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist das nicht einfach demokratisch?

Niven: Nun, früher gab es Filter. Redakteure, A&R-Leute, sie haben die Irren und die Untalentierten herausgefiltert. Kennen Sie die Speaker's Corner im Londoner Hyde Park? Wo man sich einfach auf eine Kiste stellen und herumschreien kann, dass die Welt endet und man Jesus ist? Das Internet hat die Welt in eine einzige Speaker's Corner verwandelt. Speziell in den USA gibt es viele Irre, die die Irren hören wollen, denen gefällt, was die Irren zu sagen haben. Mit diesen Leuten versuche ich in meinen Büchern ein bisschen Spaß zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Der große Popstar, um den sich "Kill 'em All" dreht, hat viele Züge von Michael Jackson. Gerade macht ein Dokumentarfilm über ihn und seinen Umgang mit Kindern erneut Schlagzeilen. Haben Sie an Jacksons Musik noch Freude?

Niven: Ja. Ich fand es sehr seltsam, dass die Sache bei seinem Tod kein großes Thema war. Aber ich bemerke an mir, je älter ich werde, desto mehr trenne ich die Kunst vom Künstler. Michael Jackson war ein sehr beschädigter, aber auch schädigender Mensch. Aber trotzdem ist sein Werk großartig. Oder nehmen wir Morrissey: Dass er sich zum verbitterten, rassistischen Idioten entwickelt hat, schmälert nicht, was er als junger Mann mit den Smiths geschaffen hat. Viele jüngere Leute reagieren da aber möglicherweise politischer und sagen: Ich will seine Musik nie mehr hören.

AP

Popstar Jackson mit Kindern

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also, das ist eine Generationenfrage? Oder hat sich allgemein die moralische Atmosphäre der Gesellschaft verändert?

Niven: Ich weiß nicht. Für mich hat die menschliche Moral wenig mit Kunst zu tun. Ich glaube, es geht mehr um die Frage, wie man sein Leben leben möchte. Und viele Musiker oder Schriftsteller sind nun mal keine sehr netten Menschen. Manche Leute halten mich wegen meiner Bücher für frauenfeindlich, homophob oder rechtsradikal - wie manche Figuren darin. Das macht mir Sorge für die Zukunft, denn das ist ein Erziehungsversagen. Viele Leute wissen nicht mehr, was ein Roman ist und was ein Roman kann.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich für Ihre Bücher in die Gedankenwelt dieser Leute versetzen, macht das denn wirklich Spaß? Oder kommen Sie nicht doch ein bisschen verändert heraus nach einem Tag Stelfox-Schreiben?

Niven: Bret Easton Ellis hat einmal gesagt, er fände es schwierig, die Stimme von Patrick Bateman längere Zeit im Kopf zu haben. Ich finde das überdramatisiert. Ich halte es eher mit Nabokov: Für ihn waren seine Figuren Galeerensklaven, die tun, was er sich wünscht. Wie funktioniert so eine Figur wie Stelfox? Indem man ihn vollkommen ungeheuerliche Sachen sagen lässt, aber so, als käme es aus dem gesunden Menschenverstand. Als wäre es eben nicht irre, so zu denken, als dächte jeder so. Erst dann wird es lustig. Also, keine Sorge: Ich komme nicht aus dem Arbeitszimmer in die Küche und rede mit meiner Frau wie Stelfox.

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John Niven:
Kill 'em all

Aus dem Englischen von Stephan Glietsch

Heyne Verlag; 384 Seiten; 20 Euro

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SPIEGEL ONLINE: Da sind wir dann ja wieder bei Trumps Methode: Auch bei ihm steckt in praktisch jedem Tweet irgendeine Übertreibung.

Niven: Ja, das halte ich für ein echtes Problem. Ich kann mich kaum erinnern an das letzte Mal, dass ich auf einer Party oder bei einem Essen war und er nicht nach spätestens 20 Minuten im Gespräch auftauchte. Ich kann nicht für andere Autoren sprechen, aber mir erscheint es unmöglich, heute einen in der Gegenwart spielenden Roman zu schreiben, in dem Trump nicht vorkäme.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich?

Niven: Ja, so sehr hat Trump das Bewusstsein der Welt infiziert. Ganz ehrlich: Ich kann es nicht erwarten, dass er stirbt. Ich werde feiern! Ganz groß! Wenn es Gerechtigkeit gäbe, würde er einen schmerzhaften Tod sterben, während er für Hochverrat im Gefängnis sitzt.

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